Interview mit Prof. Dr. Hans Vorländer: „Vereine sind Erziehungsanstalten der Demokratie“

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Prof. Dr. Hans Vorländer

Schule muss ein Ort gelebter Demokratie sein. Demokratieerziehung darf sich nicht nur auf ein Unterrichtsfach beschränken, sagt Politikwissenschaftler Hans Vorländer. Warum Vereine wichtige Institutionen für eine Zivilgesellschaft sind, erklärt der Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der Technischen Universität Dresden im Interview.

Wie erreiche ich Politik-verdrossene Menschen? Wie bringe ich sie dazu, dass sie sich beteiligen?

Erstens: Man muss mit diesen Menschen reden, dabei aber auf Anstand, Respekt und Toleranz bestehen. Zweitens: Man muss rechtzeitig mit Demokratieerziehung beginnen. Der geeignete Ort hierfür ist die Schule.

Reicht Demokratieerziehung in der Schule wirklich aus, um diesen Prozess voran zu bringen oder bedarf es da nicht auch anderer Instrumente?

Es gibt viele Instrumente. Aber das wichtigste Instrument ist, dass junge Menschen mit der Demokratie, mit den Konflikten, mit den Kompromissen, mit den Institutionen und mit den Verfahren vertraut gemacht werden. Dass man ihnen Raum gibt, Demokratie selbst zu praktizieren – auch in der Schule. Das ist ganz wichtig. Man muss lernen, dass Menschen unterschiedliche Auffassungen, und Interessen haben. Dabei gilt es Werte wie Toleranz und Respekt zu erlernen. Das kann man in der Schule sehr gut praktizieren. Danach ist man gewappnet für die großen Auseinandersetzungen, die in der Gesellschaft und Politik geführt werden.

Was heißt das im Konkreten? Mehr Demokratieunterricht?

Die Schule muss neben ihrem Erziehungs- und Bildungsauftrag auch immer ein Ort gelebter Demokratie sein. Mitbestimmung ist bereits für Schüler sehr wichtig. Man muss über Probleme offen reden können – nicht nur im Bereich des Gemeinschaftskundeunterrichts. Egal in welchem Fach: Kontroversität und Konfliktivität müssen in der Schule erlernt und bewältigt werden. Dazu gehört sicher auch eine gewisse Stärke, sowohl von Lehrerinnen und Lehrern wie auch von Schülern.

education, high school and people concept - group of happy teenage students with notebooks learning at campus yard

„Schule muss Ort gelebter Demokratie sein.“

Beide Seiten müssen verstehen lernen, wie mit kontroversen Meinungen umzugehen ist. Das ist gewiss nicht immer leicht.

Dies ist sicherlich auch ein Lernprozess für Lehrer, denn viele haben noch beide politischen Systeme kennengelernt, manche als Schüler, manche sogar auch als Lehrer…

Ein Systemwandel ist nie leicht und geht mit vielen Entbehrungen und Härten einher. Auch Lehrer haben umschulen müssen. Ich selbst habe nach 1990 Lehrer weitergebildet. Ich weiß daher aus Erfahrung, dass das schwierig ist. Dafür muss man Verständnis und Geduld haben, und gleichzeitig immer wieder darauf hinwirken, dass ein Verständnis für diese neuen Formen demokratischer Offenheit und politischer Freiheit entwickelt wird. Es ist eben etwas Anderes, Staatsbürgerkunde in einem totalitären oder autoritären Regime oder Gemeinschaftskunde in einer Demokratie zu unterrichten. Nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Methodik her.

Es gibt auch andere gesellschaftliche Kräfte, zum Beispiel Vereine. Werden diese gesellschaftlichen Kräfte ihrer Vorbildfunktion in Sachsen gerecht?

Man muss dafür Sorge tragen, dass diese zivilgesellschaftlichen Institutionen, wie Vereine und Bürgerinitiativen immer gefördert werden. Ein großer Theoretiker und Demokratieforscher, Alexis de Tocqueville, hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts Vereine für das Eigentliche und Wichtige in der Demokratie gehalten, weil sich die Menschen dort begegnen. Sie können sich organisieren, sie können unterschiedliche Interessen miteinander diskutieren und sie können auch ihre politischen Forderungen artikulieren. Das ist sozusagen ein Schmelztiegel an Interessen und Meinungen eine, wenn Sie so wollen, „Erziehungsanstalt“ der Demokratie. Solche Vereine – von der Feuerwehr über Fußballvereine bis hin zum Briefmarken- oder Heimatverein – sind ganz wichtige Institutionen. Leider ist es so, dass sich eine lebendige Zivilgesellschaft in Ostdeutschland bisher nicht so hat entwickeln können, wie das in Westdeutschland zuvor, in einem Prozess von mehreren Jahrzehnten, der Fall gewesen ist. Das war in der DDR-Zeit nicht möglich und auch nicht gewünscht. Das muss man ganz langsam wieder aufbauen. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Wie baut man diese Zivilgesellschaft wieder auf?

Die muss sich von unten regenerieren. Man kann helfen, durch politische Bildung, durch Initiativen, auch durch die bewusste Förderung des Ehrenamtes. Doch kann man nicht erwarten, dass jeder dadurch ein hundertprozentiger Demokrat wird. Man kann auch nicht erwarten, dass jeder alles gut findet. Aber es ist wichtig, dass man sich austauscht und manchmal auch sehr hart miteinander redet und lernt, Konflikte auszuhalten und Wege findet, sie zivilisiert beizulegen.

Also müssen wir es auch aushalten, dass es Gegner der Demokratie gibt?

Demokratie muss aushalten, wenn jemand hart die konkrete Funktionsfähigkeit der Demokratie kritisiert. Es darf allerdings keine Toleranz gegenüber den Feinden der Demokratie geben. Zwischen Kritik und Gegnerschaft, zwischen berechtigten Anliegen und Feindschaft gibt es große Unterschiede.

Das Gespräch führte Nicole Kirchner.

Die Interviews mit Professor Dr. Hans Vorländer erscheinen gekürzt in der nächsten Ausgabe der KLASSE.

Dirk Reelfs, Pressesprecher im Sächsischen Staatsministerium für Kultus

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