»Lehrkräfte müssen wieder zu dem zurückkommen, was entscheidend ist: dem Unterricht und der Begleitung der Kinder und Jugendlichen«

»Lehrkräfte müssen wieder zu dem zurückkommen, was entscheidend ist: dem Unterricht und der Begleitung der Kinder und Jugendlichen«

Wie können wir als Kultusministerium Lehrkräfte noch besser in ihrem Schulalltag unterstützen? Mit praxisnahen Unterrichtsmaterialien zum Beispiel. Unterstützung gab es dafür von »45minuten«. Mit Robert Reuther, ehemaligem Lehrer und Kopf des Bildungs-Kanals, haben wir über Entlastung, Zuhören und die Zukunft der Bildung gesprochen.

Hallo Robert! Du bist der Kopf hinter »45minuten«. Was genau verbirgt sich dahinter?

Ich bin Robert Reuther und einer der Köpfe des Bildungsangebots »45minuten«. Wir sind mittlerweile ein vierköpfiges Team von erfahrenen Lehrkräften, die sich zum Ziel gesetzt haben, den Unterrichtsalltag von Lehrerinnen und Lehrern zu vereinfachen. Wir bieten Unterrichtsmaterialien nach dem Prinzip »Eine Stunde einreichen, 2.500 Stunden mit Verlaufsplänen, passendem Material und Erwartungsbildern erhalten« an.

Ich selbst habe acht Jahre an einer Oberschule in Sachsen als Lehrkraft gearbeitet – und zwar für die Fächer Deutsch, Ethik und Religion.

Euer erster Beitrag ging am 30. Mai 2020 auf Instagram online, inzwischen zählt »45minuten« 61.700 Follower – und euer Kanal wächst stetig. Was ist euer Erfolgsgeheimnis?

Wir achten bei unseren Inhalten sehr darauf, auf die Community der Lehrerinnen und Lehrer zu hören und dementsprechend auf ihre Belange einzugehen. Wir bieten eine Mischung aus Mehrwert – also den tatsächlichen Stunden –, aber auch Spaß und ernsthafte Diskussionen.

Wir bieten Inhalte zu allen Fächern und allen Schulformen an. Wir haben sogar für die Dänisch-Lehrkräfte eine »Sternstunde« zum Fach Dänisch eingereicht bekommen. Wer eine Stunde zur Verfügung stellt und auf Urheberrechte achtet, wird Teil der »Sternstunden«-Community und kann auf alle verfügbaren Stunden zugreifen.

Darüber hinaus wollen wir gern eine Plattform für konstruktive und praxisnahe Diskussionen sein. In unserem Format »Können wir helfen?« beschäftigen wir uns zum Beispiel mit realen Anfragen unserer Nutzerinnen und Nutzer. Dabei geht es um Belange aus dem Lehreralltag, etwa um den Umgang mit Eltern oder den unterschiedlichen Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern. Die Community gibt Feedback zum Thema und das hilft den Fragenden weiter, gibt ihnen ein gutes Gefühl.

Mit euren »Sternstunden« stellt ihr Lehrkräften Unterrichtsmaterial, zum Beispiel differenziert nach Fach, Umfang, Klassenstufe und Schulart, zur Verfügung. Wie funktioniert das genau?

Genau, zu einer »Sternstunde« gehört der Verlaufsplan, Arbeitsmaterialien, ein Erwartungsbild und Lösungen – und natürlich muss die gesamte Stunde durch unsere urheberrechtliche Prüfung, die wir sehr ernst nehmen. So stellen wir sicher, dass es sich um selbst kreierte Inhalte und nicht um Inhalte aus Lehrwerken handelt. Sobald alles geprüft wurde, das dauert etwa drei bis vier Tage, ist die Lehrkraft für unbegrenzte Zeit Teil der »45minuten«-Community und kann auf alle anderen Stunden, mittlerweile 2.500, zugreifen. Wem das zu viel Aufwand ist: Auf unseren sozialen Medien stellen wir regelmäßig für 24 Stunden einzelne Stunden frei, die dann in diesem Zeitfenster heruntergeladen werden können.

Anschlussfrage: Wie stellt ihr die Qualität der eingereichten Stunden sicher?

Wir haben mittlerweile ein Team von vier Lehrkräften, die die Unterrichtsstunden sichten. Sie prüfen, ob Urheberrechte eingehalten sind und schauen, ob sie didaktisch Sinn ergeben.

Wer Fachwissen kombiniert mit Kreativität und Humor sucht, ist bei euch richtig: So gab es schon »Unterricht mit elhotzo«, eure Memes zur Realität des Lehrerberufs greifen aktuelle Social Media Trends mit einem Augenzwinkern auf, ihr produziert euren eigenen Podcast. Woher nehmt ihr eure Ideen?

An dieser Stelle muss ich einen großen Dank an unser Team richten. Uns erreichen viele der Ideen aus der Community, von Lehrkräften, die uns Bilder und Ideen zuschicken. Das versuchen wir dann umzusetzen. Manche gehen schief, andere funktionieren so gut, dass sie millionenfach geteilt werden. Das ist für uns immer wieder eine Möglichkeit, sich neu auszuprobieren.

Du warst bis vor Kurzem selbst als Lehrer tätig und kennst das Bildungssystem von innen. Kommt daher deine Motivation, Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen?

Definitiv. Ich habe in meiner Zeit als Lehrer selbst auf Materialien verschiedener Anbieter bis hin zu den ganz normalen Verlagen zurückgegriffen und immer wieder versucht, neue Ideen mit einzubringen. Daher weiß ich, worauf es ankommt. Das Interessante bei uns ist sicherlich, dass die Materialien direkt von Lehrkräften bereitgestellt werden und damit auch immer eine Einbettung in eigene didaktische Überlegungen möglich ist. Deshalb haben wir versucht, uns in diesem Bereich stärker aufzustellen.

Neben euren »fertigen« Unterrichtsstunden gibt es inzwischen auch vom Landesamt für Schule und Bildung auf die sächsischen Lehrpläne abgestimmte eLearning-Module. Uns erreicht immer mal wieder der Hinweis, dass die bereitgestellten Materialien – so gut sie sein mögen – nie 1:1 von einer Lehrkraft genutzt werden können. Woran liegt das?

Das stimmt und hat definitiv seine Berechtigung. Denn: Jede Lehrkraft möchte ihren eigenen Unterricht halten, ihren eigenen Fingerabdruck in ihre Materialien und in ihre Stunden einbringen. Aus eigener Erfahrung und von ehemaligen Kolleginnen und Kollegen weiß ich, dass es ein ganz großes Bedürfnis von Lehrerinnen und Lehrern ist, sich nicht einfach nur die »fertige« Unterrichtsstunde zu »ziehen« und dann an die Schülerinnen und Schüler auszurollen. Schon wenn wir über Differenzierung sprechen, welche in Schule stets ein Ziel sein sollte – gerade auch im Hinblick auf die ganz unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden –, muss ich als Lehrkraft immer meine Inhalte anpassen. Diese Feinjustierung ist bei uns auf jeden Fall möglich.

Es ist unser großes Ziel, Unterstützung zu bieten, manchmal auch nur eine Inspiration zu schaffen oder ein einzelnes Arbeitsblatt bereitzustellen, das die Lehrkraft übernehmen kann. Denn wir dürfen nicht vergessen: Viel Arbeitszeit entfällt bei Lehrerinnen und Lehrern auf das Wochenende. Wenn wir diese Zeit mit »45minuten« jedes Wochenende um nur eine Stunde kürzen können, haben wir sehr viel erreicht.

Die Heterogenität unter Schülerinnen und Schülern wächst, Bildungsunterschiede zeigen sich bereits unter den Grundschülern, zu wenige Menschen entscheiden sich für den Lehrerberuf. Das (sächsische) Bildungssystem steht vor vielen Herausforderungen: Was braucht es für zukunftsfähige Bildung in Sachsen?

Die angesprochene Situation gibt mir natürlich auch als Familienvater zu denken. Es braucht aus meiner Sicht Mut, voranzugehen und immer wieder neue, verschiedene Ansätze auszuprobieren. Es müssen auch Ideen von der »Basis« kommen und Beachtung finden – und ich denke, dass Sachsen mit dem »Bildungsland Sachsen 2030« einen guten Weg geht. Ich muss wirklich sagen, dass ich die Idee und Bereitschaft, den Lehrkräften zuzuhören, enorm wichtig finde.

Ich denke, dass Lehrerinnen und Lehrer ihren Bildungsauftrag in der heutigen Zeit sehr, sehr ernst nehmen und ihn mit großem Ehrgeiz angehen, aber eben auch die Begrenzungen innerhalb des Systems erleben. Dementsprechend ist es ein ganz wichtiger Punkt, dass der einzelnen Lehrkraft mehr Freiheiten und Entlastungen gegeben werden – die ja auch im Kleinen stattfinden können. Als Klassenlehrer habe ich die Erfahrung gemacht: Als Lehrer bist du auch Reisebüro, du bist immer wieder mit vielen bürokratischen Dingen befasst, die mit deinem Kerngeschäft wenig zu tun haben. Selbstverständlich versuchen Schulleitungen zu entlasten – an meiner ehemaligen Schule hatte ich großes Glück und habe Unterstützung erfahren. Hinzu kommt, dass durch die Digitalisierungsbestrebungen die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben stärker geworden ist und somit viele Lehrkräfte in Gedanken immer bei ihrem Beruf sind. Das ist zu einem gewissen Teil selbstverständlich gut, aber es fällt schwerer abzuschalten.

Definitiv müssen in diesem Zusammenhang Unterstützungssysteme ausgebaut werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen wieder zu dem zurückkommen, was entscheidend ist: dem Unterricht und der Begleitung der Kinder und Jugendlichen. Das ist aus meiner Sicht ein entscheidender Punkt dafür, wie sich der Beruf langfristig entwickeln wird.

Zum Abschluss: Warum lohnt es sich aus deiner Sicht, LEHRERIN Sachsen zu werden?

Es lohnt sich Lehrkraft zu werden, weil: Ich habe während meiner Zeit als Lehrer erlebt, wie ungemein sinnstiftend diese Arbeit ist. Das kenne ich von keinem anderen Beruf. Ich habe erlebt, wie Schüler eine Bedeutung hinter dem eigenen Tun erkennen, wenn du mit Leib und Seele dabei bist. Es ist vollkommen richtig, die Erwartungen und Herausforderungen haben zugenommen. Dennoch kann ich immer wieder nur ermutigen, den Lehrerberuf zu ergreifen – vielleicht auch gerade wegen der aktuellen Situation. Die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer wird mehr denn je gebraucht.

Und warum Lehrer werden in Sachsen? Der Freistaat ist ein wunderbares Bundesland. Ich lebe mein ganzes Leben hier. Ob ich mir den Altmarkt in Dresden anschaue, die Karli in Leipzig oder jetzt gerade in der Weihnachtszeit das Erzgebirge oder Elbsandsteingebirge – es ist ein lebenswerter Raum. Das ist bei einer Berufsentscheidung immer ein Aspekt, der nicht vergessen werden sollte.

Die Vorgeschichte

Im August 2023 haben wir eine Kooperation mit dem bekannten Bildungsformat »45minuten« gestartet. Das Ziel: Die zahlreichen Unterrichtsmaterialien und Hilfestellungen unseres BNE-Portals »BNE Sachsen« zu Themen wie »Nachhaltige Entwicklung« und »Globales Lernen« bekannter machen und damit Lehrkräfte entlasten. Im November folgten nach großem Zuspruch durch Nutzerinnen und Nutzer im neuen Format »Können wir helfen?« verschiedene Fallbeispiele mit passenden Lösungsansätzen aus dem Bereich der politischen Bildung. Eine weitere Zusammenarbeit im Rahmen unserer Lehrer-Kampagne ist geplant.

Lynn Winkler, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

4 Kommentare

  1. FrauLenk 7 Monaten vor

    Super! Material aus der Community für die Community ist die beste Idee. Bin selbst schon lange Teil von 45 Minuten. Hilfreich und nett.

    Interessant ist die Frage nach der Kompatibilität der eModule. Die hab ich mir auch schon angesehen, aber ja, das stimmt, dass eine ganze fertige Einheit oft nicht passt. In meiner Vorbereitung würden mir einzelne Elemente eher helfen, also wie ein Baukasten aus passenden, qualitativen Videos, Audios, interaktiven Übungen, Texten usw. passend zu den Lernzielen/Kompetenzen (und am besten gleich danach sortiert oder verlinkt!) Die Elemente zusammmen zu suchen, kostet nämlich am meisten Zeit. Das Modul erstelle ich für meinen Unterricht auch lieber selbst (auf unserer Plattform), das fällt auch zeitlich nicht so ins Gewicht.

    • Autor
      Lynn Winkler - SMK 7 Monaten vor

      Liebe FrauLenk,

      vielen Dank für Ihr wertvolles Feedback.

      Ich wünsche Ihnen wunderbare Weihnachten und schöne Feiertage.

      Herzliche Grüße
      Lynn Winkler

  2. Mirko Schiller 7 Monaten vor

    Toller Beitrag – vor allem inhaltlich. Bitte mehr davon!

    • Autor
      Lynn Winkler - SMK 7 Monaten vor

      Lieber Mirko Schiller,

      vielen Dank für Ihr Feedback. Es war wirklich ein tolles Interview mit Robert.

      Herzliche Grüße
      Lynn Winkler

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