Öffentlicher Beratungsprozess zum Projekt »Bildungsland Sachsen 2030« beendet

Öffentlicher Beratungsprozess zum Projekt »Bildungsland Sachsen 2030« beendet

Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Mit dieser Frage beschäftigten sich fünf regionale Bildungsforen von Juni bis November 2023. Sachsens Kultusminister Christian Piwarz hat heute die Ergebnisse vorgestellt.

»Die Rückmeldungen aus den Bildungsforen machen deutlich, wie kontrovers die Frage nach der Schule der Zukunft diskutiert wird. Umso mehr bin ich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Bildungsforen dankbar, dass sie sich diesem zeitaufwendigen Diskussionsprozess gestellt haben. Die Ergebnisse aus der öffentlichen Beratung sind für uns eine wichtige Grundlage, um im Frühjahr 2024 ein Strategiepapier zur Weiterentwicklung der schulischen Bildung im Freistaat Sachsen vorlegen zu können«, sagte Kultusminister Christian Piwarz bei der Vorstellung der Beratungsergebnisse.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bildungsforen hatten die Aufgabe, 218 Handlungsempfehlungen, die zuvor von Expertenräten vorgeschlagen wurden, auf ihre Praxistauglichkeit hin zu prüfen. Der mehrstufige öffentliche Beratungsprozess ist Teil des Projektes »Bildungsland Sachsen 2030«.

Stellungnahmen der regionalen Bildungsforen – eine Auswahl

Handlungsempfehlungen mit großer Zustimmung

»Mitbestimmung der Lernenden bei der Gestaltung von Unterricht«

Handlungsempfehlungen, die Schülermitwirkung einforderten, stießen in den Bildungsforen insgesamt auf großes Wohlwollen und Zustimmung. So auch die Empfehlung, die Mitbestimmung der Lernenden bei der Gestaltung des Unterrichts zu ermöglichen.

»Konzepte für selbstorganisiertes Lernen an Schule«

Ebenfalls von den Bildungsforen befürwortet wurde die Handlungsempfehlung, Konzepte für selbstorganisiertes Lernen an Schule zu entwickeln. Die Anleitung soll schon in der Kita beginnen und bis zum Abschluss der Schulzeit gefördert werden.

»Prüfung der Lerninhalte aller Fächer auf Relevanz für Kompetenzerwerb«

Auf sehr große Zustimmung in allen fünf regionalen Bildungsforen stieß der Expertenvorschlag, die Lehrpläne zu überarbeiten und auf Relevanz und Kompetenzerwerb zu prüfen.

»Berufliche Orientierung für alle allgemeinbildenden Schularten überprüfen«

Die regionalen Bildungsforen unterstützen auch die Handlungsempfehlung der Expertinnen und Experten, die vorhandenen Angebote zur beruflichen Orientierung sowie die Lehrplanbezüge und Unterstützungsmaterialien zur beruflichen Orientierung für alle allgemeinbildenden Schularten hinsichtlich Qualität, Nachhaltigkeit und Ressourcen zu überprüfen und bei Bedarf auch auszubauen.

»Leitlinien zu Potentialen und Synergien des analogen und digitalen Lernens inkl. Vorschläge zur Umsetzung«

Große Zustimmung erfuhr auch die Handlungsempfehlung, Leitlinien zu den Potentialen von digitalem und analogem Lernen zu erstellen. Unter Mitwirkung wissenschaftlicher Expertise sollen Vorschläge zur Umsetzung erarbeitet werden.

»25 Prozent aller Unterrichtsstunden eigenverantwortlich von Schule verwenden«

Die Bildungsforen begrüßten die Handlungsempfehlung des Expertenrats Steuerung, dass die Stundentafeln künftig 25 Prozent eigenverantwortlich von den Schulen verwendet werden könnten. Diese könnten dann für die differenzierte Förderung der Basiskompetenzen, die schulische Profilbildung und individuelle Schwerpunktbildung der Schülerinnen und Schüler sowie die praxisnahe Arbeitswelt- und Berufsfeldorientierung eingesetzt werden, so die Empfehlung.

»Eigenverantwortung der Schule«

Auf Zustimmung in den Bildungsforen stieß der Vorschlag, den Schulen deutlich mehr Eigenverantwortung zu überlassen, wie sie die ihnen übertragene Verantwortung intern verteilen. Die Handlungsempfehlung sieht vor, dass die Letztverantwortung bei der Schulleitung liegt.

»Multiprofessionelle Teams etablieren«

Die Idee das Schulteam gezielt mit weiteren Professionen wie etwa durch Verwaltungsassistenz und Schulsozialarbeit zu erweitern, erhielt in den regionalen Bildungsforen große Zustimmung.

Handlungsempfehlungen mit hoher Kontroversität

»Unterricht nach Biorhythmus«

Der Vorschlag der Expertenräte, Unterricht und Schulalltag stärker am Biorhythmus der Kinder und Jugendlichen zu orientieren, wurde in den regionalen Bildungsforen sehr kontrovers diskutiert. Die Befürworter begrüßten es, wenn sich Schule individuell an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler ausrichtet. Widerstand kam aus den ländlichen Bildungsforen, da hier die Koordination mit dem ÖPNV eine größere Rolle spielt als in der Stadt. Aber auch in den städtischen Bildungsforen kam die Frage nach der Realisierbarkeit auf.

»Statt Unterrichtsausfall gezielt Lernmedien nutzen«

Sehr kontrovers betrachteten die Bildungsforen die Anregung der Expertinnen und Experten, gezielt digitale Lernmedien einzusetzen, um ausfallbedingte Defizite im Lernprozess zu vermeiden. »Digitale Medien dürfen und können keine Lehrkräfte ersetzen« und »digitale Lernmedien ersetzen keinen Unterricht, welcher durch eine Lehrkraft gehalten wird«, lauteten Anmerkungen aus verschiedenen Bildungsforen. Gleichwohl wurde auch die große Chance gesehen, um Unterrichtsausfall z. B. bei Krankheitsfall zu kompensieren oder parallelen Unterricht mehrerer Klassen durch eine Lehrkraft ermöglichen zu können.

»Alternative Rückmeldeformate statt Noten«

Hoch kontrovers diskutiert wurde der Vorschlag, Noten durch alternative, z. B. digital gestützte Rückmeldeformate zu ersetzen. Als Pro-Argument wurde u. a. aufgeführt, dass es bereits positive Erfahrungen gebe, Kompetenzen nicht immer durch Noten abbildbar seien und die schriftliche Rückmeldung differenzierter als Noten ausfallen könnte. Als Contra-Argument wurde etwa die Gefahr gesehen, dass am Ende Worthülsen wie verklausulierte Noten eingesetzt werden könnten, der Aufwand weit größer als bei der Benotung mit Zahlen sei und die Schülerinnen und Schüler den Vergleich auch wünschen würden.

»Kopfnoten abschaffen«

Kontrovers diskutiert wurde in den Bildungsforen auch die Handlungsempfehlung zur Abschaffung der Kopfnoten. Kopfnoten seien deutlich subjektiver als andere Noten, sie hätten kaum Einfluss auf die Entwicklung und Coaching-Gespräche. Mit Zielvereinbarungen würden Menschen viel gerechter als mit Zahlenwerte in 5er-Skala eingeschätzt, lauteten befürwortende Rückmeldungen. Dementgegen kam mehrfach der Hinweis, dass Kopfnoten ein wichtiges Kriterium im Bewerbungsverfahren etwa für Ausbildungs- oder Arbeitsplätze sein könnten.

»Bring-Your-Own-Device«

Der Expertenrat Infrastruktur hatte als Handlungsempfehlung formuliert, Bring-Your-Own-Device-Ansätze für die Regelausstattung von Schülerinnen und Schülern zu prüfen. »Bring your own device« meint, dass Schülerinnen und Schüler eigene digitale Endgeräte mit in die Schule bringen könnten. Die Empfehlung wurde in den Bildungsforen kontrovers diskutiert: Technische Probleme, etwa durch unterschiedliche Betriebssysteme, aber auch drohende soziale Ungleichheit wurden da angeführt. Außerdem wurde die Frage aufgeworfen, wie das mit der Lernmittelfreiheit in Einklang zu bringen sei.

Handlungsempfehlungen mit hoher Ablehnung

»Konzept Schulurlaub wird geprüft«

Die Handlungsempfehlung, das Konzept eines Schulurlaubs (statt Schulferien) zu prüfen, stieß in den Bildungsforen allgemein auf Ablehnung.

»Eigenständige Digitalbudgets der Schulen«

Stark diskutiert wurde in den regionalen Bildungsforen auch die Handlungsempfehlung aus dem Handlungsfeld Infrastruktur, den Schulen ein eigenständiges Digitalbudget zur Verfügung zu stellen. Allerdings fiel der Vorschlag im Praxischeck der Bildungsforen durch: Offenbar war den Teilnehmenden das Risiko zu groß, dass einzelne Schulen mit der Verwaltung des Budgets überfordert sein könnten.

Alle Ergebnisse aus den fünf regionalen Bildungsforen werden auf der Website zum Projekt »Bildungsland Sachsen 2030« dokumentiert.

Dirk Reelfs, Pressesprecher im Sächsischen Staatsministerium für Kultus

1 Kommentar

  1. Engagierter Lehrer 6 Monaten vor

    Einmal mehr bleibt die Frage, ob die Beteiligten aller Prozesse überhaupt wissen, dass es berufsbildende Schulen gibt. Davon und dafür lese ich NICHTS. Schade um einen derartigen Aufwand mit letztlich nicht wirklich Neuem an Vorschlägen. Ich hätte mir gewünscht, z.B. Antworten zur Unterstützung von – schon derzeit völlig überlasteten und unterbezahlten -Schulleitungen zu hören. Stattdessen wird eher noch mehr auf deren Schreibtische geschoben.