Sachsens Schulen werden immer internationaler

Sachsens Schulen werden immer internationaler

Die Zahl der geflüchteten und zugewanderten Kinder und Jugendlichen nimmt weiter zu. Ist die Integrationsfähigkeit der sächsischen Schullandschaft erreicht oder bereits überschritten? Eine Analyse.

Noch nie besuchten so viele Schülerinnen und Schüler, deren Herkunftssprache nicht oder nicht ausschließlich Deutsch ist, sächsische Schulen wie im aktuellen Schuljahr. Während vor der europäischen Flüchtlingskrise im Schuljahr 2014/2015 rund 19.600 Schüler mit Migrationshintergrund in öffentlichen Schulen unterrichtet wurden, waren es im Schuljahr 2016/2017 bereits 31.500. Seitdem wuchs ihre Zahl auf insgesamt 57.500 (Stand 13. November 2023) weiter an. Allein der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hatte einen Zuwachs von rund 10.000 geflüchteten Schülerinnen und Schülern zur Folge. Damit hat sich die Zahl in weniger als zehn Jahren fast verdreifacht. Durchschnittlich haben aktuell 13 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Sachsen einen Migrationshintergrund.

Weiter Zuwanderung ins Schulsystem

Ein Ende der Zuwanderung ist nicht abzusehen. Damit steigt auch die Zahl der Schüler und Schülerinnen, die in Vorbereitungsklassen im Fach „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) unterrichtet und Schritt für Schritt in den Regelunterricht integriert werden. Allein vom Ende des vergangenen Schuljahres bis Mitte November stiegen die Schülerzahlen in Vorbereitungsklassen um mehr als 700 auf 19.180. Insgesamt gibt es aktuell 967 Vorbereitungsklassen an öffentlichen Schulen, in denen die Zugewanderten unterrichtet werden, bevor die vollständige Integration in Regelklassen erfolgt. Weitere 31.280 Schülerinnen und Schüler sind in der sogenannten DaZ-3-Etappe. Das bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler in den Regelklassen vollintegriert sind und ergänzend noch Unterricht im Fach „Deutsch als Zweitsprache“ bekommen.

Ungleiche Verteilung erschwert Integration von Geflüchteten

Fehlende Raumkapazitäten und Personalressourcen, aber vor allem die sehr ungleiche Verteilung geflüchteter Menschen im Freistaat Sachsen hat zur Folge, dass die Herausforderung der schulischen Integration nicht von allen Schulen gleichermaßen getragen wird. 593 öffentliche Schulen haben Vorbereitungsklassen und bieten Unterricht im Fach „Deutsch als Zweitsprache“ an. Das sind lediglich 43 Prozent aller öffentlichen Schulen. Die größte Integrationsleistung erbringen die Grundschulen und Oberschulen. 280 der insgesamt 753 Grundschulen bieten Vorbereitungsklassen an. Unter den 283 Oberschulen haben 173 Schulen Vorbereitungsklassen und von 133 Gymnasien 76. Die ungleiche regionale Verteilung der ausländischen Kinder und Jugendlichen führt mancherorts zu Kapazitätsproblemen. Vor allem in den Großstädten Leipzig und Dresden mangelt es an Plätzen in Vorbereitungsklassen, aber auch in Regelklassen.

Die ungleiche Verteilung der Flüchtlinge im Land hat auch zur Folge, dass einige Schulen einen sehr hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern haben, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Im aktuellen Schuljahr gibt es 184 Schulen, die unter den Schülerinnen und Schülern einen Migrationsanteil von mehr als 30 Prozent haben, bei 48 Schulen liegt der Anteil über 50 Prozent.

Integrationsstau ist die Folge

Es fällt zunehmend schwerer, Flüchtlingen einen Schulplatz zu vermitteln. Derzeit warten etwa 1.400 Kinder und Jugendliche darauf, eine Schule zugewiesen zu bekommen, etwas mehr als die Hälfte davon kommen aus der Ukraine. Die Wartelisten sind aufgrund anhaltender Zuwanderung seit Schuljahresbeginn nahezu konstant geblieben, obwohl zwischenzeitlich immer wieder freie Plätzen vermittelt werden konnten. Die begrenzten Schulkapazitäten führen nicht nur zu einem Integrationsstau, sondern zwingen Schulen dazu, Schülerinnen und Schüler zu früh in Regelklassen voll zu integrieren, um Platz für Nachrücker in Vorbereitungsklassen zu schaffen.

Kaum mehr Integration möglich

Um den Integrationsstau abzubauen, wird laufend versucht, weitere Fachkräfte zumindest befristet einzustellen. Doch der Bewerbermarkt ist dünn. Auch Professionalisierungsangebote werden unterbreitet. Mancherorts wird der Unterricht für die Vorbereitungsklassen im Schichtbetrieb am Vor- und Nachmittag oder Wechselunterricht überlegt. Etwas Abhilfe verschafft auch der Einsatz der digitalen Lernplattform Minticity. Schülerinnen und Schülern in Vorbereitungsklassen wird seit diesem Schuljahr diese digitale Lernplattform angeboten. Darüber hinaus hat das Landesamt für Schule und Bildung digitale Lernmodule für den DaZ-Unterricht entwickelt. Auch wird im Zuge der zunehmenden Vielfalt der Bildungsstände bei den zu integrierenden Schülerinnen und Schülern über Angebote nachgedacht, die weniger auf Schulabschlüsse, sondern mehr auf Ausbildungsreife und Beschäftigung zielen. Dessen ungeachtet müssten von den Schulträgern zusätzliche Räumlichkeiten angemietet oder Containerlösungen geschaffen werden. Doch all diese Maßnahmen helfen nur begrenzt, solange die Einwanderung auf dem bisherigen Niveau verbleibt und die Verteilung der Flüchtlinge nicht gleichmäßig über alle Kommunen des Freistaates erfolgt. „Durch den Zustrom an Flüchtlingen ist das Schulsystem an die Grenzen geraten. Wenn sich die Situation nicht ändert, werden wir unseren Integrationsauftrag nicht mehr erfüllen können“, stellt Kultusminister Christian Piwarz klar.

Dirk Reelfs, Pressesprecher im Sächsischen Staatsministerium für Kultus

1 Kommentar

  1. Maria 3 Monaten vor

    Ich wundere mich, dass sich Schulen nach wie vor bewusst herausnehmen können, obwohl die Not so groß ist.

    Unsere staatliche Grundschule (71. Grundschule, Dresden) hat derzeit sehr kleine Klassen mit 19 Kindern und sieht sich dennoch nicht in der Lage auch nur einzelne ausländische Kinder aufzunehmen, obwohl vor kurzem noch 28 Kinder in den Räumen Platz hatten.

    Diese Ausländerangst wird aber offenbar seitens der Lasub respektiert und es werden nicht mal einzelne ausländische Kinder aufgenommen. Es müssen ja keine 10 auf einmal sein, aber 1-2 ließen sich sicherlich gut integrieren.