Schulen sind nach Wiedereröffnung keine Hotspots geworden

Schulen sind nach Wiedereröffnung keine Hotspots geworden

Wie ist es um die Immunität gegen den Coronavirus unter Schülern und Lehrern an Sachsens Schulen bestellt? Das wollten Mediziner des Dresdner Universitätsklinikums Gustav Carus wissen. Nun liegen erste Ergebnisse der bislang bundesweit größten Corona-Schulstudie vor.

Im Auftrag der Staatsregierung nahmen die Mediziner des Dresdner Uniklinikums in den Monaten Mai und Juni insgesamt 2045 Blutproben von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern aus 13 weiterführenden Schulen in Dresden sowie den Landkreisen Bautzen und Görlitz. Das Blut wurde auf Antikörper gegen das Coronavirus untersucht. Es ist die bisher bundesweit größte Studie nach der Wiedereröffnung von Schulen. Für die Studie wurden bewusst Schülerinnen und Schüler überwiegend der achten bis elften Klassenstufen ausgewählt, weil sich Schülerinnen und Schüler dieses Alters in größerem Maße unabhängig von ihrem Elternhaus bewegen. Auch wurden gezielt Schulen ausgewählt, von denen bekannt war, dass dort vor dem Lockdown Virusinfektionen nachgewiesen worden waren. In 24 Fällen kamen die Studienteilnehmer auch aus Haushalten, in denen im Vorfeld ein Familienmitglied positiv auf den Coronavirus getestet worden war. Die nun vorliegenden ersten Studienergebnisse überraschen in mehrerer Hinsicht.

Geringer Immunisierungsgrad

Foto: Uniklinikum Dresden

Prof. Dr. Reinhard Berner, Foto: Uniklinikum Dresden

Lediglich in zwölf Fällen ließen sich zweifelsfrei Antikörper nachweisen. Damit fällt der Immunisierungsgrad unter den Probanden mit 0,6 Prozent geringer aus als erwartet (siehe auch Blogbeitrag zum Start der Studie). „Das bedeutet, dass eine stille, symptomfreie Infektion bei den von uns untersuchten Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern bislang noch seltener stattgefunden hat, als wir vermutet hatten“, so der Leiter der Studie, Prof. Reinhard Berner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Uni-Klinikums.

Überschätzte Dynamik der Virusverbreitung

Auffallend ist auch, dass in den 24 Haushalten, in denen mindestens ein Corona-Fall bekannt war, offenbar nur eine einzige Ansteckung stattgefunden hat. „Diese Untersuchungsergebnisse liefern Hinweise darauf, dass die Virusübertragung in Familien nicht so dynamisch geschieht, wie bisher angenommen. Das würde auch bedeuten, dass der größte Teil der Schulkinder trotz Infektionsfalls im Haushalt selbst keine Infektion durchgemacht haben. Diesen Befund muss man mitbedenken, wenn über Maßnahmen der Kontaktbeschränkung neu zu entscheiden ist“, so Klinikdirektor Reinhard Berner.

Schulen wurden keine Corona-Hotspots

Foto: Uniklinikum Dresden

Foto: Uniklinikum Dresden

In drei der untersuchten Schulen gab es bestätigte Corona-Fälle. Dennoch waren bei den Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern nicht überdurchschnittlich mehr Antikörper nachweisbar. Ähnlich sieht es für die ausgewählte Altersgruppe der Schülerinnen und Schüler insgesamt aus. „Wir konnten feststellen, dass sich in der Altersgruppe und in den untersuchten Schulen weder vor dem Lockdown noch nach der Wiedereröffnung Hotspots entwickelt haben. Vier von fünf Schülern, also 80 Prozent, gaben dabei an, über ihren Klassenverband und die Familie hinaus regelmäßig soziale Kontakte unterhalten zu haben. Auch das hat offenbar nicht zu einer weiteren Verbreitung des Virus geführt“, erklärte der Infektiologe Reinhard Berner.

Die vollständige Pressemitteilung zur Corona-Schulstudie gibt es hier.

Dirk Reelfs, Pressesprecher im Sächsischen Staatsministerium für Kultus

1 Kommentar

  1. Stefan Lotzmann 3 Monaten vor

    An der obigen Interpretation der Studie sind zu diesem Zeitpunkt nach meiner Bewertung folgende Punkte kritisch zu bewerten bzw. zumindest zu diskutieren, insbesondere dann, wenn die Studie als argumentatives Fundament für etwaige politische Entscheidungen herangezogen werden soll.

    1. Prof. Dr. med. Reinhard Berner’s Forschergruppe beschäftigt sich im Schwerpunkt mit bakteriellen Infektionen (Streptokokken). Inwieweit sich seine Expertise bzw. die seines Teams auch auf die Virologie erstreckt, sollte zumindest diskutiert werden. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Interpretation der Ergebnisse dieser Studie scheinbar im Widerspruch zu den Ergebnisse der Forschergruppe um den Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité zu stehen scheint.

    2. Die Studie wurde bisher scheinbar nicht veröffentlicht! Auf der Website der Forschergruppe um Prof. Dr. med. Reinhard Berner gibt es zumindest keinen Link (im Gegensatz zu anderen Arbeiten). Man könnte schlussfolgern, dass die Studie noch nicht veröffentlicht wurde, weil sie noch das Peer Review durchlaufen muss. Solange dieser Prozess nicht beendet ist, sind die o. a. Interpretationen kritisch zu hinterfragen.

    3. Im Zuge der o. a. Sachverhaltsdarstellung zur Studie fallen u. a. folgende, diskussionswürdige Punkte auf:
    – Die Infektionsquote an den in die Studie einbezogenen Schulen liegt bei 12/2045 = ca. 0,005% (nur die
    nachgewiesenen Fälle auf Basis der Antikörpertests).
    – In ganz Sachsen gab es bislang bei 4,07 Mio. Einwohnern 5.475 Infektionen. Die Quote liegt damit bei ca.
    0,001%. Die Schulen sind also beileibe keine Bremsklötze! Die Infektionsquote ist dort ca. fünfmal so
    hoch wie in der Gesamtbevölkerung.
    – Die betrachteten Schulen liegen ausnahmslos in Ostsachsen, wo die Infektionsquote im Schnitt niedriger als in
    anderen Regionen Sachsens gewesen ist.
    – Es wurden nur Schüler in die Studie einbezogen, die mindestens 14 Jahre alt waren. Grundschulen und
    Kindergärten, wo Hygiene- und Abstandsregeln vermutlich viel schlechter eingehalten werden können (und wo
    somit die Infektionsquote wahrscheinlich höher ausfallen würde), wurden offensichtlich nicht berücksichtigt.
    – Die geringe Anzahl positiver Antikörpertests wird auch damit im Zusammenhang stehen, dass relativ schnell der
    reguläre Schulbetrieb ausgesetzt wurde, so dass auch bei bekannter Infektion einzelner Familienmitglieder im
    Vorfeld von einer wirksamen Eindämmung der Erkrankung im Zuge des Lock-Downs auszugehen war.