Zwischen Frontalunterricht und Waldorfschule: Sächsische Schulleiter reisen nach China

Zwischen Frontalunterricht und Waldorfschule: Sächsische Schulleiter reisen nach China

Für zwei Wochen tauschte eine Gruppe von Schulleitern und Vertretern der sächsischen Schulaufsicht ihren Arbeitsplatz gegen chinesischen Bildungsalltag. In Peking und Chengdu lernten sie das chinesische Schul- und Universitätssystem kennen und informierten sich über die Ausbildung von Lehrern. Mit einem Mitreisenden, Dr. Rainer Heinrich, Referatsleiter im Sächsischen Staatsministerium für Kultus, haben wir über die Erlebnisse gesprochen.

Zwischen Sachsen und China liegen mehr als 7.000 Kilometer. Wie kam dieser Besuch zustande?

Heinrich: Eingeladen hatte die Renmin-Universität Peking, die u.a. sehr enge Beziehungen zum Konfuzius-Institut in Leipzig unterhält. Angesichts der wachsenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen Sachsen und China (China ist unser größter Außenhandelspartner) sind die Chinesen sehr unzufrieden mit der sehr kleinen Anzahl von Chinesisch-Lernern in Sachsen. Deshalb wurden die Schulleiter der Gymnasien, die Chinesisch anbieten oder kurz davor stehen, und Entscheidungsträger des LaSuB eingeladen, sich ein Bild von China, von Schule und Lehrerausbildung zu machen und Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu diskutieren.

Ich durfte als Mitglied der bundesweiten Arbeitsgruppe „China-Kompetenz in Schule und Ausbildung“, einer AG mit Vertretern des BMBF, der KMK und des Auswärtigen Amtes, an dem Besuch teilnehmen.

Ein ganz normaler Schultag in China: Wo gibt es Gemeinsamkeiten, wo sehen Sie Unterschiede zwischen dem chinesischen und dem sächsischen Bildungssystem?

Heinrich: Der Unterricht an einer typischen chinesischen Schule beginnt 8.00 Uhr und endet 17.00 Uhr. Danach gibt es eine Art GTA-Angebote für alle Schüler in einer beeindruckenden Vielfalt. Von 19.00 Uhr bis 21.30 Uhr findet Nachhilfeunterricht an den Schulen statt, der durch „diensthabende“ Eltern beaufsichtigt wird. Für Schüler, die für den Reinigungsdienst eingeteilt sind, startet der Tag im Übrigen schon 7.00 Uhr. Und auch ein Samstag ist ein Schultag. Ein solcher Schulalltag wäre wohl in Deutschland nicht vorstellbar. Im Gespräch mit Schulleitern habe ich erfahren, dass sie die große Belastung und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken zwar kritisch sehen, aber bestätigen, dass dieses System vor allem dem Druck der Eltern geschuldet sei.

Der Unterricht besteht fast ausschließlich aus Frontalunterricht – aus meiner Sicht in sehr strenger Form. Ist ein Schüler an der Reihe, springt er förmlich auf und gibt die Antwort. Ich war zum Beispiel Gast in einer Schulstunde, in der 16-Jährigen in einer Klasse mit 40 Schülern philosophische Aspekte des Begriffs „Tugend“ nach Konfuzius vermittelt wurden. Es gab dabei keine Diskussionen, sondern die gesamte Klasse wiederholte im Chor die zuvor von der Lehrerin vorgelesenen Inhalte.

Was ich auch nicht erwartet hatte: An den Schulen gibt es eine Art „Fahnenapell“ sowie mit militärischen Exerzierübungen und Marschmusik ausgetragene Sportpausen für die ganze Schule. Dann marschieren 2000  bis 3000 Schüler in Schuluniform auf.

Es gibt auch kein Abitur, wie wir es kennen. In China bekommen „gute“ Schulen für ihre Absolventen einfach mehr Studienplätze, andere weniger.

Inzwischen gibt es auch rund ein Drittel Privatschulen, da die Familien bereit sind, für Bildung auf alles andere zu verzichten. Hier sind die Chancen, später studieren zu können, in der Regel größer als bei staatlichen Schulen. Allerdings sind die Anforderungen und der Druck noch höher. Interessant ist, dass es auch einzelne Waldorfschulen gibt. Jedoch hätten die Absolventen große Schwierigkeiten beim Eintritt in das Berufsleben, da die Strukturen in den Betrieben stark „leistungsorientiert“ seien.

Insgesamt sehe ich deutliche Unterschiede in der Einstellung zu Bildung. Die Bildung ihrer Kinder steht für die chinesischen Familien an allererster Stelle. Dafür werden Zeit und finanzielle Mittel in kaum vorstellbaren Größenordnungen aufgebracht.

Was bleibt? Was nehmen Sie aus dem Besuch mit?

Heinrich: Wir haben in Sachsen einen Lehrplan für Chinesisch als dritte Fremdsprache – es wäre gut, wenn wir dieses Angebot an mehr Schulen ausreichen könnten. Das hängt natürlich von den verfügbaren Lehrern ab. Denn: Die Einstellung chinesischer Lehrkräfte ist, abgesehen von rechtlichen Grundlagen, aufgrund der unterschiedlichen Schulkulturen eine Herausforderung.

Darüber hinaus sollten wir bei der nächsten Überarbeitung der Lehrpläne in Geographie oder in G/R/W (Gemeinschaftskunde, Recht und Wirtschaft) einen kritischen Blick auf die Behandlung von China werfen. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren vieles verändert und das Land hat – bei aller Widersprüchlichkeit – eine sehr hohe Dynamik. China hat eine fast vollständig privatisierte Wirtschaft, aber ein stringentes Einparteiensystem und geht mit politisch Andersdenkenden nicht „zimperlich“ um.

Letztlich wurde ich beim Besuch der Großen Chinesischen Mauer und der Würdigung der baulichen Leistung der Chinesen gefragt, warum in Deutschland der Bau eines Flughafens, der doch nur eine ebene Betonfläche sei, so lange dauert.

Lynn Winkler, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

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