Angehende Lehrkräfte der weiterführenden Schularten betreuen im Projektseminar »BildungsAcker« der TU Dresden eigenverantwortlich eine Ackerfläche im Botanischen Garten Dresden. Gemeinsam mit einer Ackercoachin und zwei Professorinnen lernen sie, was es für einen nachhaltigen Schulgarten braucht. Das haben wir uns vor Ort angeschaut.
An einem sonnigen Donnerstag treffen wir am Rande des Dresdener Großen Gartens Ackercoachin und Dozentin Heidelinde Wutzler. Sie nimmt uns mit zum BildungsAcker, einem »besonderen Projekt« der TU Dresden. Seit 2022 gibt es im Botanischen Garten einen einmaligen Lehr- und Lernort für eine praxisnahe Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Lehramtsausbildung. Gestartet auf einem Stück Wiese wirken Studierende von Oberschul-, Gymnasial- und Berufsbildendem Lehramt unterschiedlichster Fächer inzwischen in einem professionell angelegten Schulgarten. Das Seminar wird jeweils im Sommer- und im Wintersemester für maximal 25 Studentinnen und Studenten angeboten – und erfreut sich großer Beliebtheit.






»Der BildungsAcker war eine Bottom-up-Initiative von meiner Kollegin Jana Markert* und mir. Wir haben uns damals mit einem Verein zusammengetan und im Botanischen Garten einen sehr zugewandten Kooperationspartner gefunden, wofür wir sehr dankbar sind. Wir hatten die Idee, mit Studierenden etwas Praktisches im Bereich Umweltbildung und BNE zu machen, sie direkt mit dem Gemüseanbau in Kontakt zu bringen. Ein Gatekeeper sozusagen, um sie über das Handelnde, das In-Berührung-Kommen mit dem Gärtnerischen für Themen und Fragen der Bildung für nachhaltige Entwicklung aufzuschließen – und zu überlegen, wie das in den Schulalltag integriert werden kann«, erinnert sich Prof. Dr. Nicole Raschke, Professorin für Geographische Bildung. »Unser Ziel ist es, dass die Studis in unserem Seminar möglichst viel für ihre spätere berufliche Praxis mitnehmen.«
Praxis: Hier gibt es (Schul-)Gartenwissen von der Pike auf
Unkraut zupfen, Käfer ablesen, Pflanzen bestimmen: Die Arbeit auf der Ackerfläche ist vielfältig und praktisch. »Im Seminar lernen die Studierenden die Grundlagen von BNE und die Interaktion mit den Schülerinnen und Schülern im Beet«, erklärt die Ackercoachin. »Wir beginnen mit dem Umgang mit Geräten. Anschließend lernen die angehenden Lehrkräfte die Beetplanung kennen und im Sommersemester die verschiedenen Methoden, die im Garten angewendet werden können, also: von der Bodenbearbeitung, Beetvorbereitung bis hin zur Saat, das Pflanzen und beispielsweise auch das Legen von Kartoffeln. Von April bis Juni geht es vor allem um die Beetpflege: Was muss ich beachten, um das Beet wirklich fit für den Sommer zu machen, das Gemüse gut zu ernähren? Was folgt, wenn ich die ersten Gemüsesorten geerntet habe? Wie kann ich die Beete nachbestellen? Was habe ich für Möglichkeiten nachzupflanzen? Immer im Hinblick darauf: Was nutzen wir selbst? Was wollen wir selbst gern essen? Also immer wieder die eigene Lebenswirklichkeit mit einbeziehen.«
»Wir geben den Studierenden außerdem mit, wie wichtig es heute ist, immer wieder mit den Schülern ihren Wissensstand zu prüfen, Wiederholungen anzubieten. Wie pflanze ich richtig? Ich mache ein Loch, gieße hinein, setze das Pflänzchen drauf und drücke es richtig an. Oder: Wie gieße ich kontinuierlich? Wann gieße ich optimal?«
Einen wichtigen Aspekt im Seminar bildet zudem die Belehrung. »Was muss ich als Lehrkraft beachten, um meinen Unterricht sicher zu gestalten?« Gerade im Sommer ist der Schutz der Kinder und Jugendlichen im Freien besonders wichtig. »Im Hochsommer ist Sonnenschutz das A und O. Ein Besuch im Schulgarten sollte auf keinen Fall mittags stattfinden und Sonnenspray, Kopfbedeckungen und ausreichend Trinken immer griffbereit sein«, macht Wutzler deutlich.



Die Studierenden erfahren während unseres Besuchs außerdem am Beispiel eines Salatkopfes, was mit Pflanzen passiert, die nicht richtig gegossen werden. Sie bekommen einen Gießschaden und müssen entsorgt werden. Um das zu vermeiden, gibt es Gießtipps von der Expertin und außerdem Gießpläne für die Nachwuchslehrkräfte, damit die Pflanzen mit ausreichend Wasser versorgt werden.
Was noch? Unterschiedliche Kleingruppen bearbeiten unterschiedliche Beetabschnitte: Eine Gruppe ist zwischen den Kartoffelpflanzen unterwegs und liest schädliche Käfer ab. Eine andere geizt die Tomatenpflanzen aus (das heißt: überflüssige kleine Seitentriebe werden entfernt) und bindet die Pflanzen richtig an, damit sie optimal wachsen können. Eine weitere übernimmt das Gießen.
Auf dem Plan steht darüber hinaus das Bestimmen von Pflanzen und die Frage, welche Werkzeuge für welche Arbeit eingesetzt werden.
Selbstständig handeln, über den eigenen Tellerrand denken und back to the roots: Was macht das Projekt besonders und wichtig?
»Das Besondere an unserem Projekt ist zum einen die Tätigkeit auf dem Acker. Wir haben ein großes Interesse daran, dass sich die Studis selbstständig organisieren. Gerade in der trockenen Jahreszeit reicht es zum Beispiel nicht, einmal pro Woche am Seminar teilzunehmen. Die Studierenden müssen auch unter der Woche hierherkommen und tätig werden – das funktioniert sehr gut«, macht Professorin Raschke deutlich. »Auf der anderen Seite haben wir jede Woche Sequenzen mit inhaltlicher Arbeit. Wir arbeiten mit Texten und methodischen Impulsen, die sich um Themen wie Nachhaltigkeit im Allgemeinen drehen, es geht um einführende Kenntnisse zur BNE, aber auch um Herausforderungen in diesem Themenfeld. Wir besuchen außerdem außerschulische Lernorte, denn wir wollen auch ein regionales Netzwerk in den Köpfen der Studierenden aufbauen, auf verschiedene Akteurinnen und Akteure im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung aufmerksam machen. Und es geht um alternative Verständnisse. Das heißt: Wir arbeiten beispielsweise mit Texten zu indigenen Perspektiven von Nachhaltigkeit und öffnen damit den Horizont. Wir wollen auch ein bisschen irritieren. Es ist nicht immer alles auf ewig festgelegt, so, wie es ist. Wir können selber gestalten, Dinge können auch anders sein.«
Heidelinde Wutzler fügt hinzu: »Dieses Projekt ist für den schulischen Kontext so wichtig, weil wir die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Lehrenden ein Stück weit entschleunigen und zurück zu den Wurzeln der Lebensmittelerzeugung führen. Durch die Supermärkte, die Flut und Fülle an Lebensmitteln, ist leider das Basiswissen ›Wie pflanze ich eine Salatpflanze?‹, ›Was tue ich, damit sie wächst und gedeiht?‹ nicht mehr vorhanden. Mit den Kindern zu erleben und zu genießen, wo Lebensmittel herkommen und welche Mühe da wirklich drinsteckt, ist eine großartige Erfahrung. Ganz nebenbei können so auch soziale Komponenten gefördert werden.«
Nachhaltigkeit wächst im Sommer und im Winter
»Wir wollen über den Anfangspunkt Gemüseanbau auch komplexe globale Fragen und Zusammenhänge nach Gerechtigkeit und Ökologie, also übergreifende Themen der Bildung für nachhaltige Entwicklung, adressieren. Wir legen großen Wert auf einen fächerübergreifenden Zugang«, unterstreicht Nicole Raschke.
Im Moment ist das Seminar im Ergänzungsbereich angebunden. Das heißt: Dort können die Studierenden in verschiedenen Varianten ihre Leistungspunkte erwerben, indem sie unterschiedliche Prüfungsleistungen absolvieren. »Eine weitere Besonderheit an unserem BildungsAcker ist, dass das Seminar zweimal besucht werden kann: Wir bieten es im Sommer- und im Wintersemester mit unterschiedlichen Schwerpunkten an. Es ist daran angelehnt, dass man später im Schulalltag einen solchen Acker nicht nur ein halbes Jahr begleitet, sondern sich überlegen muss: Was mache ich im Winter? Genau diese Frage haben wir uns auch gestellt. Auch wenn dann die Aktivitäten auf den Beeten nicht überwältigend groß sind, gibt es trotzdem etwas zu tun«, erläutert die Professorin.



Während der kälteren Monate besucht die Seminargruppe zum Beispiel außeruniversitäre Partner. »Wir arbeiten auch mit Schulpartnern zusammen, beispielsweise mit einer Leipziger Oberschule, die über einen sehr großen Schulgarten verfügt. So bringen wir die Studierenden in den direkten Austausch mit Lehrkräften, die bereits über Schulgartenexpertise verfügen, aber auch mit Schülerinnen und Schülern. Diese kritische Auseinandersetzung mit der Schulpraxis ist uns wichtig. Es ist ja gar nicht so einfach, eine solche Ackerfläche zu betreuen – es ist auch nicht einfach, ein Hochbeet zu etablieren oder Schüler zu gewinnen. Dafür braucht es viel Aufmerksamkeit und Engagement. Wir wollen die Studierenden wirklich befähigen, diese Erfahrungen zu machen und später in ihre eigene schulische Praxis zu tragen«, so Raschke.
Weiterführende Schularten im Blick: Wer kann das Seminar besuchen?
»Wir adressieren explizit Oberschulen, Gymnasien und berufsbildende Schulen, weil es dort nicht selbstverständlich ist, eine Ackerfläche zu haben und mit Schülerinnen und Schülern Gemüse anzubauen«, erklärt Nicole Raschke und ergänzt: »Das Seminar ist für alle Fächer offen. Wir haben natürlich häufiger Lehramtsstudierende aus der Geographie, den Ernährungswissenschaften und der Biologie, weil es aufgrund der Fachlichkeit näherliegt. Aber: Es sind auch immer wieder Studierende aus der Kunst oder der Musik dabei. Auch in diesen Fächern können wir Lernanlässe auf der Ackerfläche gestalten. Das ist eine übergreifende Aufgabe: Wie können wir einen solchen Acker in den schulischen Unterricht integrieren? Mit welchen Lerngelegenheiten kann ich Schülerinnen und Schüler erreichen? Wie kann es gelingen, vom Gemüseanbau zu größeren, komplexeren Themen überzugehen? Wir wollen hier alle möglichen Fächer miteinander verknüpfen.«

Acker voraus: Was ist für die Zukunft geplant?
Aktuell ist das Ackerprojekt im Ergänzungsbereich des Lehramtes angebunden. »Zukünftig soll es in den interdisziplinären Studien andocken – das neue Modul, das für das Lehramt Oberschule mit der neuen LAPO-Reform (Lehramtsprüfungsordnungs-Reform) kommt. Wir denken auch darüber nach, es in den Fachmodulen zu etablieren«, skizziert die Professorin. »Wir haben ein großes Interesse, ›unseren Acker‹ zu verstetigen und das gelingt uns zunehmend. Dass wir auf einem guten Weg sind, merken wir auch am Interesse der Studierenden. Wir haben jedes Semester bis zu 25 Plätze, aber die Nachfrage ist deutlich höher. Unsere Studies wollen genau diese Art der Verknüpfung: theoretisches Lernen auf der einen und praktisches Tun auf der anderen Seite.«
Wie kommt das Seminar bei den Nachwuchslehrkräften an?
»Ich wurde von meinem Kumpel überredet, ich hatte vorher gar keine gärtnerische Erfahrung. Deshalb ist es ganz toll, weil wir hier die grundlegenden Sachen lernen. Jeder bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit: manche haben schon in der Kindheit bei Oma und Opa im Garten mitgeholfen, andere haben keine Erfahrung. Das Pflanzen macht mir sehr viel Spaß – auch wenn ich das am Anfang gar nicht gedacht hätte«, erzählt eine Teilnehmerin.
Beste Leckereien: Was passiert eigentlich mit der Ernte?
»Die Ernte von unseren Beeten dürfen die Studierenden aktuell mit nach Hause nehmen. Wir geben dazu auch Verarbeitungshinweise und Rezepte mit«, verrät die Ackercoachin. »In der Regel verkochen wir die Lebensmittel in der Abschlussveranstaltung unseres Seminars gemeinsam in unserer Lehrküche. Mit den Seminarteilnehmenden überlegen wir ein Menü, möglichst auch vegan, um allen gerecht zu werden.«
So nehmen die angehenden Lehrkräfte weitere nützliche Erfahrungen für ihre spätere Berufspraxis mit. »Typische Beispiele, die aus der Ernte im Schulgarten entstehen, sind Pommes oder Rote-Beete-Chips genauso wie der Zucchini-Muffin mit viel Schokolade. Bei sehr großen Schulgärten, in denen häufig zu viel Bohnen, Salat oder Zwiebeln, Kartoffeln oder Kürbisse übrig bleiben, bietet sich sogar der Verkauf über eine Schülerfirma an.«
Was noch? Ein praktisches Buch für den Schulgarten
»In meiner Tätigkeit in den Schulgarten Sachsen fiel mir immer wieder auf, dass es ein Buch braucht, in dem die Grundlagen nach heutigen Anforderungen aufgearbeitet werden. Ein Praxisleitfaden für die Arbeit in den Schulgärten«, berichtet Ackercoachin Heidelinde Wutzler.
Deshalb ist aktuell »Ein Buch für junges Gemüses – Schulgarten Grundlagen neu gedacht« in Arbeit. »Da wir das Buch sächsischen Schulen gern kostenfrei zur Verfügung stellen wollen, bedarf es noch einiger Anstrengungen.«
Ein Buch für junges Gemüse – Basiswissen Schulgarten BNE
Noch Fragen?
Weitere Informationen zum Projekt und die Kontaktdaten zu den beiden Professorinnen stehen hier bereit.
* Prof. Dr. Jana Markert ist Professorin für Ernährungs- und Haushaltswissenschaften in der Beruflichen Didaktik an der TU Dresden. Mit dabei im BildungsAcker-Team sind außerdem noch Dr. Simone Reutemann (Prof. Geographische Bildung) sowie Dr. Veruska Prado Alexandre Weiß (Prof. für Ernährungs- und Haushaltswissenschaft/Berufliche Didaktik).
