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»Demokratie muss das warme Herz erreichen« – wie politische Bildung Sachsens Schulen stärken kann

»Demokratie muss das warme Herz erreichen« – wie politische Bildung Sachsens Schulen stärken kann

Im Interview spricht Roland Löffler von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung darüber, wie Schulen junge Menschen auf gesellschaftliche Konflikte vorbereiten können, warum sie dafür mehr Eigenverantwortung brauchen – und wie die Landeszentrale sie dabei unterstützt.

Text: Antje Tatter; Foto: Benjamin Jenak

Herr Löffler, was genau macht die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung?

Wir haben einen klaren Aktualitätsauftrag: Was in Politik und Gesellschaft passiert, im Staat und zwischen den Menschen, das sollen wir zum Thema machen. Daraus ergibt sich eine enorme Bandbreite und auch eine große Verantwortung, der wir gerecht werden wollen. Das tun wir, indem wir aktuelle Fragen aufgreifen, die die Menschen beschäftigen. Diese Themen tragen wir mit Veranstaltungen, Onlineangeboten und Publikationen in die Öffentlichkeit.

Was beschäftigt die Menschen zurzeit?

Aktuell sind das vor allem wirtschaftliche und soziale Fragen, KI, sächsische Themen, immer wieder auch die Ost-West-Thematik und die Migrationsfrage. Im größeren, globalen Zusammenhang kommen die Entwicklungen in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik hinzu. Also Fragen, die nicht nur Sachsen, sondern ganz Deutschland bewegen – jedenfalls dann, wenn man sich als demokratisch mündige Bürgerin oder mündigen Bürger versteht.

Warum Lehrkräfte eine zentrale Zielgruppe sind

Was leisten Sie konkret für Schulen in Sachsen?

Lehrkräfte sind für uns eine zentrale – und ich würde sagen: eine unserer wichtigsten – Zielgruppe. Entsprechend richten sich viele unserer Angebote direkt an sie.

Wir arbeiten dabei in hohem Maße nachfrageorientiert. Das heißt: Wir schauen, was konkret gebraucht wird. Viele Schulen kommen mit ihren Anliegen direkt auf uns zu, etwa bei Moderationsworkshops oder bei Themen wie schulischen Konflikten bis hin zu extremistischen Entwicklungen. Auch Fragen rund um Schule, Elternhaus und das kommunale Umfeld spielen dabei eine Rolle.

Gleichzeitig machen wir eigene Angebote: Wir bieten Fortbildungen und Seminare zu didaktisch-methodischen Fragen an und stellen Materialien zur Verfügung. Ergänzend haben wir Projekte für Schülerinnen und Schüler, etwa den Erklärvideo-Wettbewerb zur politischen Bildung im digitalen Raum.

Eine große Rolle spielen außerdem unsere niedrigschwelligen Onlineangebote. Darüber sind wir nah an den Schulen dran. Dazu gehört auch unser Diskussionsformat »Was. Schule. Bewegt«, bei dem alle paar Wochen etwa 25 bis 30 Lehrkräfte zusammenkommen, um aktuelle bildungspolitische Herausforderungen zu besprechen. Das Format läuft seit rund fünf Jahren und ermöglicht eine kontinuierliche Reflexion.

Und schließlich organisieren wir auch Studienfahrten, zum Beispiel regelmäßig Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz oder nach Kreisau, an denen überwiegend Schülerinnen und Schüler teilnehmen.

Sie sagen, Lehrkräfte seien eine Ihrer wichtigsten Zielgruppen. Was meinen Sie damit?

Mit »wichtigste« Zielgruppe meine ich: Wir haben bei Lehrkräften ein sehr großes Echo. Sie nehmen unsere Angebote regelmäßig und gerne wahr, es gibt Vertrauen.

Wir machen überfachliche und auch fachliche Fortbildungsangebote, bringen wissenschaftliche oder fachliche Trends der Praxis nahe. Mit den Lehrkräften erreichen wir wichtige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Dieser Arbeitsbereich ist Teil unserer Doppelstrategie: zum einen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus Schule, anderen pädagogischen Bereichen oder auch von der Polizei zu schulen, zum anderen die breite Bevölkerung anzusprechen. Hier arbeiten wir stark mit den Volkshochschulen zusammen, um im ganzen Land präsent zu sein und regelmäßig Bildungsangebote machen zu können. 

Wo sehen Sie noch Lücken?

Wir achten darauf, nicht nur großstadtorientiert zu arbeiten, sondern auch im ländlichen Raum präsent zu sein. Schließlich ist Sachsen sehr vielfältig. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: In Gymnasien wird im Bereich der politischen Bildung mehr gemacht. An Oberschulen, Förderschulen und Berufsschulen gibt es Nachholbedarfe. Hier wünschen wir uns einerseits eine stärkere Nachfrage, sollten aber andererseits auch mehr Angebote machen.

»Lehrkräfte unterrichten nicht wertneutral«

Mit welchen Nachfragen kommen Lehrkräfte auf Sie zu, und haben sich diese in den letzten Jahren verändert?

Viele Themen beschäftigen uns schon seit mehreren Jahren. Dazu gehören etwa der Aufstieg des Rechtspopulismus und des Rechtsextremismus, die Polarisierung der Gesellschaft. Ein Thema, das in den letzten drei, vier Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen hat, ist die Frage nach der Neutralität in der politischen Bildung. Inhaltlich ist dazu eigentlich vieles geklärt. In den Schulen sorgt das Thema aber immer wieder für Verunsicherung. 

Wir gehen dann oft noch einmal zurück zu den Grundlagen: zum Beutelsbacher Konsens, aber auch zu den rechtlichen Rahmenbedingungen, etwa im Sächsischen Schulgesetz. Dort ist sehr klar formuliert, dass Schule Wissen, Haltungen und Werte vermittelt, und zwar im Sinne von Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung. Lehrkräfte unterrichten nicht wertneutral, sondern wertgebunden. Gleichzeitig gilt natürlich, dass sie im politischen Meinungsstreit fair und ausgewogen sowie parteipolitisch neutral sein müssen.

Ein zentrales Anliegen unserer Arbeit ist es deshalb, Lehrkräfte darin zu bestärken, sich in diesem Rahmen sicher zu bewegen, die Trends klar zu analysieren und sich durch aktuelle Debatten nicht verunsichern zu lassen. 

Vernetzen, moderieren, Orientierung geben

Wenn Sie die Rolle Ihrer Landeszentrale beschreiben müssten: Wie verstehen Sie diese – eher als Impulsgeberin, Partnerin oder kritische Stimme?

Wir verstehen uns als Vernetzungsplattform. Wir bringen Wissenschaft und Praxis zusammen und vernetzen unterschiedliche gesellschaftliche Multiplikatoren. Darüber hinaus sehen wir uns als Moderatoren und Dialogpartner, gerade auch in schwierigen gesellschaftlichen Konstellationen. Eine wichtige Rolle ist für uns auch die einer verlässlichen Informationsquelle. Oder zugespitzt gesagt: die Rolle einer »Informationstankstelle« in Zeiten von Fake News.

Gleichzeitig wollen wir ein Raum für didaktisch-methodische Innovation und für Transfer sein: Wir greifen neue Inhalte und Ansätze auf und bringen sie in die Praxis. Wir versuchen, regelmäßig frische Impulse zu setzen, holen uns landes- und bundesweit Impulse aus der Wissenschaft und versuchen, unsere Angebote weiterzuentwickeln.

Politische Bildung braucht Rückhalt

Was würden Sie sich von Schulen mit Blick auf die politische Bildung wünschen?

Ich wünsche mir zunächst mehr Sicherheit im Umgang mit politischen Themen. Es gibt oft eine große Vorsicht, auch aus Sorge, etwas falsch zu machen. Dabei bieten sowohl das Schulgesetz als auch der Beutelsbacher Konsens eine klare Orientierung.

Politik darf und soll in der Schule thematisiert werden. Dazu kann es auch hilfreich sein, Politikerinnen und Politiker einzuladen – idealerweise aus unterschiedlichen politischen Lagern, um eine Ausgewogenheit zu gewährleisten. Entscheidend ist, dass solche Formate gut vorbereitet sind und ein klares Konzept haben.

Unsere Gesellschaft ist geprägt von Konflikten und Diskussionen. Politische Bildung in der Schule hat die Aufgabe, diese verständlich zu machen und Wege im Umgang mit ihnen aufzuzeigen und Lösungen zu entwickeln.

Warum Sachsen mutiger ist als sein Ruf

Wo sehen Sie bereits positive Entwicklungen?

Auch wenn Sachsen oft als eher konservativ wahrgenommen wird, passiert im Schulbereich viel. Ein wichtiger Schritt ist für mich das »Bildungsland Sachsen 2030« – insbesondere der Weg hin zu mehr Eigenverantwortung für Schulen. Das halte ich für richtig, für sehr modern und konsequent.

Gleichzeitig gibt es mit dem Papier »W wie WERTE« ein sehr weitreichendes Konzept für politische Bildung. Die Idee, politische Bildung über den gesamten schulischen Bildungsweg hinweg zu stärken und strukturell besser zu verankern, ist aus meiner Sicht sehr fortschrittlich.

Warum ist die stärkere Eigenverantwortung für Schulen aus Ihrer Sicht so wichtig?

Wenn man Schule als Ort des demokratischen Lernens begreift, braucht es Freiräume für Beteiligung und für die Auseinandersetzung mit demokratischen Fragen. Schule wird immer auch hierarchisch organisiert sein, aber sie muss gleichzeitig Räume schaffen, um Verantwortungsübernahme und Teilhabe zu ermöglichen und Gesellschaft »im Kleinen« mitzugestalten – für Lehrkräfte ebenso wie für Schülerinnen und Schüler.

Denn Demokratie entsteht nicht nur im Kopf, sondern muss auch erfahrbar werden.  Wir müssen mit einem »warmen Herz« für die Vorzüge der Demokratie werben. Demokratie muss mit Verstand, Herz und Hand erfahrbar werden. 

Ich erlebe viele engagierte Kolleginnen und Kollegen, die genau das tun und entsprechende Projekte entwickeln.

»Heute Abend ist ein Wunder geschehen«

Gibt es einen Moment in Ihrer Arbeit, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ein sehr prägender Moment war für mich eine Veranstaltung in Hoyerswerda, rund 30 Jahre nach den Ausschreitungen Anfang der 90er Jahre. Gemeinsam mit der Stadt hatten wir lange überlegt, wie wir dieses Thema sensibel aufgreifen können.

Wir hatten einen Zeitzeugen eingeladen, einen ehemaligen Vertragsarbeiter aus Angola, der damals selbst angegriffen wurde. Der Saal war voll, und wir wussten nicht, ob unser Ansatz wirklich trägt. 

Am Ende stand dieser Mann auf der Bühne und sagte: »Heute Abend ist ein Wunder geschehen.« Er fühlte sich ernst genommen, er hatte eine Bühne bekommen, konnte seine Geschichte in der Stadt erzählen, in der er Schlechtes erlebt hatte. Das war ein bewegender und auch versöhnlicher Moment. Dieser Mann hat mich sehr beeindruckt, weil er uns Deutschen die Hand gereicht hat. 

Wenn solche Momente gelingen, wenn Dialog wirklich möglich wird, dann geht man sehr bewegt – und auch hoffnungsvoll – nach Hause, weil man sieht, dass politische Bildung etwas bewirken kann.

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