Vom Mathe-Abi und der fünften Gewalt

Vom Mathe-Abi und der fünften Gewalt

Eine bundesweite Welle des Protestes haben die Prüfungen im Mathematik-Abitur ausgelöst. Auch nach Sachsen schwappte die Klage über das zu schwere Mathe-Abi rüber. Ob die Abiturprüfungen tatsächlich zu schwer waren, kann derzeit kaum jemand mit Gewissheit sagen. Für das sächsische Mathe-Abi gibt es bereits eine erste Einschätzung. Ungeachtet dessen spricht jedoch vieles dafür, dass solche Phänomene von nun an in jedem Jahr die Kultusbehörden beschäftigen werden.

Foto: © Gorodenkoff | Adobe Stock

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Noch am vergangenen Freitag brüteten zeitgleich in 15 Bundesländern Abiturienten über den schriftlichen Mathematikaufgaben. Nur wenige Stunden später brach eine Empörungswelle über Bayern herein und erreichte fast alle Bundesländer – so auch Sachsen. Zu schwer, unverständlich und weit weg von dem, was vorher im Unterricht behandelt wurde, so das Urteil von über hunderttausend Schülern in 13 Online-Petitionen sowie sozialen Netzwerken. War es wirklich so? Darüber werden in den betroffenen Bundesländern Fachdidaktiker und Kultusbehörden urteilen. Sie werden die Mathematikaufgaben prüfen, mit den Bildungsstandards und Lehrplaninhalten abgleichen.

Genau das haben sächsische Fachpädagogen auf Bitten des Landesschülerrates bereits getan. Für jede einzelne Teilaufgabe wurde nochmals der Anteil der Bewertungseinheiten gemäß den Niveaustufen der Bildungsstandards analysiert. Das Ergebnis: Der Schwierigkeitsgrad der Abiturprüfung 2019 entspricht in vollem Umfang den Vorgaben der Bildungsstandards. Das haben auch zahlreiche Lehrkräfte und Schulleiter, mit denen das Kultusministerium in den letzten Tagen Kontakt hatte, bestätigt. Darüber hinaus liegen keinerlei Erkenntnisse vor, dass Themen der Prüfung nicht im Unterricht behandelt worden sind.

Das Ergebnis verwundert nicht. So gingen bis dato keine Beschwerden oder Kritiken im Kultusministerium und Landesamt für Schule und Bildung ein – weder von Schülern, Eltern noch Lehrern. Einer Online-Petition haben sich rund 2000 Unterstützer angeschlossen, darunter manche aus anderen Bundesländern.

Für Sachsen mag damit zutreffen, was ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Gesetzmäßigkeit der heutigen Debattenkultur beschrieb: „Empörung schaltet sich vor Wissen.“ Daran haben soziale Medien maßgeblichen Anteil.

Für die Kommunikation in sozialen Netzwerken gilt: Was emotionalisiert, funktioniert. Was Drama, Konflikt und Wut verspricht, wird geteilt. Vor den Mechanismen sind auch Massenmedien, wie Zeitungen, Fernsehen und Radio nicht gefeit. Sobald die kollektive Erregung im Netz ein gewisses Maß überschreitet, müssen Massenmedien das Thema aufgreifen.

So zeigt der sozial-medial verbreitete Schülerprotest, wie mächtig das Netz inzwischen geworden ist. Online-Medien bestimmen als fünfte Gewalt im Staat, die öffentliche Themenagenda und setzen die vierte Gewalt, die herkömmlichen Massenmedien, unter Zugzwang sowie die Exekutive unter Druck.

Was ist die Lehre daraus? Gesellschaft und Politik sind gut beraten, Gelassenheit zu beweisen. Nicht jede Empörungswelle muss gleich kommentiert werden und in politisches Handeln münden. Einfach mal nicht teilen und retweeten. Ist die Hoffnung naiv? Vermutlich. Aber eines ist auch klar: Abiturprüfungen müssen anspruchsvoll sein. Das Gefühl, dass eigene Abitur sei schwerer als das der Vorjahre, kennt jeder, der die Hürde zur Hochschulreife schon einmal überspringen musste. Jährliche Klagen über zu schwere Prüfungen sind damit vorprogrammiert. Eine Online-Petition zu starten, fällt nicht schwer. Die nächste Protestwelle kommt bestimmt. Darauf können sich Kultusbehörden schon einmal einstellen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Beitrages war noch von einer Online-Petition für Sachsen mit 62 Unterstützern die Rede. Wir haben die Textpassage korrigiert und danken dem Hinweisgeber.

Dirk Reelfs, Pressesprecher im Sächsischen Staatsministerium für Kultus

3 Kommentare

  1. Lisa Reisch 7 Monaten vor

    Ich finde, man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: „Jeder empfindet seine abgeleistete Prüfung als die schwerste.“ Damit werden die Schüler_innen nicht ernst genommen. Und damit sollten wir vorsichtig umgehen, da dieser Wind zeitgleich auch mit den Demonstrationen für „Fridays for Future“ weht -Schüler_innen werden nicht ernst genommen, sie hätten keine Ahnung und die Wünsche wären utopisch. Ich könnte mir vorstellen, dass die Aufgaben deswegen als zu schwer empfunden wurden, weil der vorangegangene Mathematikunterricht (im Gegensatz zu den Abituraufgaben) nicht den neusten Bildungsstandards entsprach. Somit waren die Schüler_innen nicht vorbereitet auf Aufgaben dieser Art.
    Einen interessanten Kurzbeitrag dazu kann man in der neusten Ausgabe der Zeit lesen.

  2. Günther Pauli 7 Monaten vor

    Ich glaube nicht, dass das Problem ist, ob die Abiturprüfung in Mathematik den Bildungsstandarts entspricht oder nicht, das Problem ist der allgemeine Umgang mit dem Fach Mathematik in der Bildung insgesamt. Ich habe 21 Jahre lang Nachhilfe, schulbegleitenden Unterricht und Abiturvorbereitung für Schülergruppen in Gymnasien gegeben und zwar in Bayern und Baden-Württemberg. Auch die letzten Abiturprüfungen von Sachsen im Fach Mathematik kenne ich, da ich die letzten Jahrgänge zur eigenen Information einmal durchgearbeitet habe. Viele meiner Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium hatten die Mittelstufe im Fach Mathematik mit Note 2 abgeschlossen und sackten beim Eintritt in die Oberstufe erst einmal auf Note 4 ab. Sie brauchten dann die 2 oder 3 Jahre (Je nach G12 oder G13), um sich mit Hilfe des regulären Unterrichts, Nachhilfe und Crashkursen (!) wieder bis zur Note 2 hochzuarbeiten. Diese Schüler(innen), die zur Nachhilfe kamen, waren also , wie meistens gedacht wird, keine Dummen oder Faulenzer, sie wollten ein gutes Abitur machen.
    Zur Zeit unterrichte ich MTRAs (Eingangsvoraussetzung: Realschulabschluss) in Naturwissenschaften (Mathematik, Physik, Chemie und Strahlenkunde) in einer Berufsfachschule in Sachsen und muss dort aber erleben, wie schlecht deren Fähigkeiten gerade im Fach Mathematik sind. Aufgaben, die dem Niveau nach den 10 Jahren Schule (Realschulabschluss) entsprechen, können von diesen nur schlecht oder gar nicht gelöst werden.
    Interessant ist in diesem gesamtem Zusammenhang, dass laut einer Statistik von allen in der Bundesrepublik gegebenen Nachhilfestunden allein ca. 50% auf das Fach Mathematik fallen, also gegenüber allen anderen Fächern wie Englisch, Deutsch, Französisch, Physik, Chemie usw. Auffällig ist auch, dass diese Art von Schülerprotesten, wie sie in obigem Artikel genannt werden und wie sie schon in vergangenen Jahren aufgetreten sind, nur bezüglich der Abiturprüfung im Fach Mathematik, nicht aber in Bezug auf andere Prüfungsfächer auftreten.
    Meiner Einschätzung liegen die genannten Auffälligkeiten, einschließlich des „Schülerprotestes“ daran, dass das Fach Mathematik in der Bildung besonders für einen aus meiner Sicht überspannten oder einseitigen Leistungsdruck benutzt wird, der schon in der Grundschule beginnt, um nach bestimmten Leistungsstandarts frühzeitig „auszusieben“, obwohl das immer wieder bestritten wird. Auf der einen Seite entspricht das für alle verbindliche Abiturniveau im Fach Mathematik nach mehreren Reformen der Oberstufe dem früheren Leistungskursniveau, bei dem man 6 Stunden Mathe in der Woche hatte und dies aber selber gewählt hatte (nicht jeder möchte nach dem Abitur ein Ingenieurstudium beginnen!). Auf der anderen Seite erlebe ich, wie schlecht oft das Verständnis für Mathematik, ja bloß für Zahlen bei Schulabgängern ist. Es sieht für mich so aus, dass gerade im Fach Mathematik eine immer stärkere Trennung zwischen sogenannten „Überfliegern“, die eigentlich keinen Lehrer mehr brauchen und sich die Dinge selber beibringen könnten und einem mehrheitlichen Rest, der es „halt nicht wirklich blickt“ vollzogen wird. Und das ist für mich der eigentliche Grund, warum es in diesem Fach immer wieder zu Spannungen und Problemen kommt.

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