War das Mathe-Abi zu schwer? Experten haben sich die Aufgaben angeschaut

War das Mathe-Abi zu schwer? Experten haben sich die Aufgaben angeschaut

Abiturienten in Sachsen beschweren sich über das diesjährige Mathe-Abitur. Die Prüfungsaufgaben seien zu anspruchsvoll und zu textlastig gewesen. Auch sei das Zeitbudget für die Lösung der Aufgaben zu knapp bemessen. Stimmt das und wie entstehen überhaupt die Prüfungsaufgaben, welche Kontrollmechanismen gibt es?

Eine Bemerkung vorneweg: Das Kultusministerium nimmt die Kritik der Abiturientinnen und Abiturienten sehr ernst. Hinweise, die auch vom Landesschülerrat an das Ministerium herangetragen worden sind, werden in jedem Fall überprüft. Doch bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass die Aufgaben nicht lehrplankonform waren und die geforderten Vorgaben von Bildungsstandards nicht eingehalten wurden. Dennoch werden die Ergebnisse des Matheabiturs abgewartet, um weitere Rückschlüsse ziehen zu können.

Wie Aufgaben für die Abiturprüfungen entstehen

Die Prüfungsaufgaben werden in einem mehrstufigen, bis zu dreijährigen Prozess durch erfahrene Lehrerinnen und Lehrer entwickelt. Für einen großen Teil der Aufgaben in Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch erfolgen bundesweite Abstimmungen, die durch das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) koordiniert werden. Für jede einzelne Teilaufgabe werden mehrfach den zu vergebenden Bewertungseinheiten den in den Bildungsstandards ausgewiesenen Anforderungsniveaus zugeordnet. Danach werden die Aufgaben so lange verändert, bis jedes Anforderungsniveau mit dem entsprechenden Anteil vertreten ist. Es folgen Testläufe, die insbesondere der Messung der Arbeitszeiten für jede Teilaufgabe und die gesamte Arbeit dienen. Auch hier wird immer wieder nachjustiert. Schließlich gib es verschiedene Gutachterrunden mit Lehrkräften, die bis dahin nicht in den Prozess der Aufgabenentwicklung eingebunden waren.

Am 5. Mai wurden die in Sachsen kritisierten Aufgaben auch in anderen Bundesländern verwendet. Von dort liegen nach Rückfrage bisher keine Beschwerden vor.

Textumfang nicht höher als sonst

Die Kritiken der Abiturienten beziehen sich zum Teil auf eine Anpassung der Prüfungsstruktur an die in der Kultusministerkonferenz vereinbarten einheitlichen Arbeitszeiten. Konkret wurde deshalb in Sachsen der hilfsmittelfreie Prüfungsteil um 10 Minuten verlängert, der Hilfsmittelteil entsprechend gekürzt. Bekanntgegeben wurde diese Änderung im Mai 2018, damit Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern vor Eintritt in die gymnasiale Oberstufe die Prüfungsstrukturen transparent sind.

Die Aufgabenstellungen erfordern gerade bei sachbezogenen Aufgaben einen gewissen Textumfang, um die Sachverhalte eindeutig und vollständig zu beschreiben. Dieser war in diesem Jahr allerdings nicht höher als in den Vorjahren.

Jetzt gilt es, die Ergebnisse der Prüfungen abzuwarten. In den letzten Jahren lagen diese immer in einem langjährigen Mittelwert. Auch da hatte es im Vorfeld Beschwerden über den Schwierigkeitsgrad gegeben (Vom Mathe-Abi und der fünften Gewalt; Ergebnisse der Abiturprüfung Mathematik bleiben auf dem Niveau der Vorjahre)

Allerdings standen und stehen die diesjährigen Abiturprüfungen unter dem Eindruck der Corona-Pandemie und damit einhergehenden Schulschließungen. Auf die veränderten Bedingungen in diesem Jahr hatte das Kultusministerium jedoch reagiert. So finden die Zweitkorrekturen der Abiturarbeiten an der eigenen Schule statt. Somit können die Korrektoren für den Fall, dass einzelne Inhalte wirklich nicht behandelt worden seien, dies entsprechend bei der Bewertung berücksichtigen. Grundsätzlich werden aber in den Prüfungen Kompetenzen geprüft, die in der gesamten Zeit der gymnasialen Oberstufe erworben werden und nicht nur in den letzten drei Wochen vor der Prüfung.

Warum ein Corona-Bonus fraglich ist

Der diesjährige Abiturjahrgang hatte sicher spezielle Bedingungen für die Prüfungsvorbereitung. Dabei muss aber auch gesehen werden, dass sich die Abiturienten in der Lernzeit auf ihre Prüfungsfächer konzentrieren konnten. Im „Normalfall“ wären bis zum unmittelbaren Prüfungsbeginn noch Klausuren und Leistungserhebungen in allen Fächern zu absolvieren gewesen. Das war in diesem Jahr nicht der Fall. Ein aus Teilen der Schülerschaft vorab geforderter genereller „Corona-Bonus“ in der Bewertung würde deshalb nicht zu mehr Gerechtigkeit führen. Ohnehin sollte darüber nicht ein Bundesland allein entscheiden. Das wird beim Blick in die diesjährigen Prüfungsaufgaben für Mathematik deutlich. So wurden in Sachsen im Teil A im Leistungskursfach sechs Aufgabenblöcke aus dem gemeinsamen Aufgabenpool der Länder eingesetzt. Ähnlich verhält es sich auch im Grundkursfach.

Dirk Reelfs, Pressesprecher im Sächsischen Staatsministerium für Kultus

1 Kommentar

  1. Jakob Oehler 3 Monaten vor

    Die Aufgaben habe ich als zu schwer aufgefasst. Angefangen im A-Teil, in der eine neue 5 BE-Aufgabe hinzugefügt wurde und mit einem extra von lediglich 10min dieser neue, nur wenig geübte Umfang nicht machbar waren. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass sich bisher keiner gefunden hat, der alle diese 6 Aufgaben vollständig lösen konnte. Auch die Aufgabenstellungen im B-Teil waren – man kann die Aufgaben wahrscheinlich einfach lösen – sehr komplex und unverständlich gestellt, was sehr viele erstmal vor die Herausforderung gestellt hat, diese korrekt aufzufassen. Von etwa 35 Leistungskurslern unseres Jahrgangs (einige nutzen, trotz der bescheidenen Terminierung, den Nachtermin), haben die meisten große Probleme während der Prüfung gehabt und fürchten nun um ihre eigentlich guten bis sehr guten Mathenoten.
    Ich persönlich finde, dass die Neuerungen nicht alle hätten auf einmal kommen dürfen. Unser Mathelehrer setzte uns zwar über die Neuerungen in Kenntnis, zu üben war dies jedoch trotzdem nicht, da einfach Musteraufgaben aus vergangenen Jahren fehlten. Zudem finde ich deutlich zu bemängeln, dass der überwiegende Teil des B-Teils den Schwerpunkt „Begründen“ hatte, wobei eine Aufgabe aus dem B1-Teil sinngemäß forderte, einen Wendepunkt der genannten Funktion zu nennen und anschließend dessen Bedeutung zu erläutern sowie zu begründen. Allein auf diese Aufgabe sollen 7 BE verteilt werden, was alle als sehr unverständlich auffassten.

    Auch die Grundkursler berichteten von schweren, wenig bis gar nicht behandelten Aufgaben und klagten über fehlende Zeit.

    Alles in allem finde ich mit dieser Abiturprüfung die Gleichberechtigung sehr minimiert und auch die laut der Aussage von Kultusminister Herrn Piwarz „nicht entstehenden Nachteile“ der diesjährigen Abiprüfung unter bekannten Umständen sind zu hoch gegriffen. 

    Ich erhoffe mir, dass die Politik wenigstens in diesem Bereich clever und überlegt vorgeht und zum Vorteil aller Abiturienten*innen den Bewertungsmaßstab entsprechend anpasst, um sonst entstehenden Nachteile so gering wie möglich zu halten.