„Jeder hat eine Chance verdient“. Ein besonderes Projekt rettet abschlussgefährdete Schüler

„Jeder hat eine Chance verdient“. Ein besonderes Projekt rettet abschlussgefährdete Schüler

Es ist heute kaum vorstellbar, dass Lehrer Hans Hauser ursprünglich so gar nicht beim Projekt „Produktives Lernen“ mitmachen wollte. „Ich war absolut zufrieden als Geografie und Geschichtslehrer an meiner Mittelschule in Hoyerswerda.“ Doch sein damaliger Schulleiter überzeugte den Pädagogen. Das war im Jahr 2008. Den Schritt hat er nie bereut. Ganz im Gegenteil, mit Herz und Seele betreut und unterrichtet er gemeinsam mit Kollegin Rosemarie Schulze mittlerweile nun schon die siebente Generation Schüler beim „Produktiven Lernen“. Es sind vier Lehrer, die in einem eigenen kleinen Gebäude zwei kleine Klassen betreuen. Von der achten bis zur neunten Klasse und damit letztendlich bis zum Hauptschulabschluss.

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Lehrerin und Lehrer mit Herzblut: Rosemarie Schulze und Hans Hauser sehen sich die Dokumentation ihrer jetzigen Klasse an. Foto: Manja Kelch

Einfach haben es ihre Schüler nicht. Es sind so genannte abschlussgefährdete Schüler. Geprägt sind sie von jahrelangen Misserfolgen an der Schule. Ein Schulabschluss schien für sie bisher in weiter Ferne. Sie haben den Anschluss verloren. Genau da setzt das „Produktive Lernen“ an. Die Jugendlichen arbeiten drei Tage in einem Betrieb und haben zwei Tage Schule. Ein Konzept was aufgeht. Das was bisher unmöglich schien, klappt plötzlich bei den meisten. „Die Schüler reifen durch die Arbeit in realen Betrieben. Sie wachsen an ihren Aufgaben“, sagt Rosemarie Schulze. fullsizerender-17Sie entdecken sich quasi selbst, indem sie auf eine Reise ins „echte“ Leben gehen. Dazu kommt das anwendungsorientierte und individuelle Lernen im Unterricht bei Rosemarie Schulze und Hans Hauser. Es ist eine völlig andere Art des Unterrichts, den die beiden ihren 20 Schülern anbieten. Außer Deutsch,  Mathe und Englisch gibt es keine klassischen Fächer mehr, sondern drei Lernbereiche, die alle anderen Fächer umfassen.

Lernen durch „Tun“

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Die Schüler bauen einen Kubikmeter als Modell.

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Punkte statt Noten bringen neue Motivation.

Es ist Lernen durch anfassen und mit den Händen begreifen. Um zu erfassen, wie viel ein Quadratmeter ist, haben zwei Schüler, die ihr Praktikum in einer Malerfirma absolvierten, ihn kurzerhand einfach auf den Boden gezeichnet. Und um zu begreifen, wie viel ein Kubikmeter ist, haben sich dazu alle im Modellbau probiert. Die Lehrer greifen die persönlichen Interessen der Schüler auf und beziehen sie in den Unterricht ein. Da wird zusammen gekocht, gerechnet, gebaut, diskutiert. Die Schüler arbeiten viel selbstständig. Präsentieren dann ihre Projekte im Unterricht. Es gibt Punkte, keine Noten. Und das Schuljahr teilt sich in Trimester. Doch nicht alle schaffen es in die 9. Klasse, sagen Hans Hauser und Rosemarie Schulze. Oft sind es neben den schulischen, auch gesundheitliche oder soziale Probleme. Das sind die Tiefpunkte, die es auch hier genug gibt. Doch wer es bis in die 9. Klasse schafft, hat gute Chancen auf den Abschluss. Im Schuljahr 2015/16 waren es 76%, die den Hauptschulabschluss erreichten.

„Ich wurde besser durch mehr Praxis“

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Chefin Madlen Badendick mit Schüler Patrick Schulze am Praxisort in Hoyerswerda. Foto: Manja Kelch

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Nimmt am „Produktiven Lernen“ teil: Schüler Patrick Schulze. Foto: Manja Kelch

Einer, der es locker bis in die 9. Klasse geschafft hat, ist Patrick Schulze. „Durch mehr Praxis wurde ich besser in der Schule und wollte auch wieder mehr lernen“, sagt der 17 Jährige. Sein Praxisort ist ein Laden im größten Einkaufszentrum von Hoyerswerda. Chefin Madlen Badendick nimmt schon seit 2009 Schüler aus dem Produktiven Lernen auf. Es spricht sich bei den Schülern herum, dass ihr Geschäft ein guter Praxisort ist. „Ich will jedem Menschen eine Chance geben für den Sprung in das richtige Leben. Jeder hat diese Chance verdient“, sagt Madlen Badendick. Die meisten Schüler ergreifen diese Gelegenheit. Es sind nur wenige, die am Praxisort scheitern. Meist fehlt es dann am Sozialverhalten. Sie können den Service einfach nicht leisten. „Wichtig ist immer, dass man sich Zeit nimmt für die Schüler. Ich behandle sie wie meine eigenen Azubis“, so die Unternehmerin.

 Mehr Interesse als Plätze

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Hans Hauser vor den Fotos zu den Praxisplätzen der „PL“- Teilnehmer. Foto: Manja Kelch

Ab der 8. Klasse können die Schüler sich selbst für das Projekt bewerben. Der Andrang ist in Hoyerswerda groß. Es sind deutlich mehr Bewerber als Plätze. „Wir starten dann erst einmal mit sechs Wochen Orientierungsphase. Danach können die Schüler und auch wir Lehrer sagen, es passt oder es passt nicht“, erklärt Hans Hauser. Die Mehrzahl der Schüler ist ehrgeizig und will endlich durchstarten. Besonders aber freuen sich die Lehrer darüber, dass sich auch die Eltern wieder für die Schule interessieren. Sie fangen an, von sich aus nachzufragen. Durch das Punktemodell und den besonderen Unterricht nimmt das Projekt viel Druck aus den Familien. Die Schüler haben endlich wieder Erfolge. Und noch einen Vorteil gibt es: „Auch wenn am Ende auf dem Abschlusszeugnis mal die eine oder andere 4 steht: Wenn die Schüler dann sechs überzeugende Praktikumseinschätzungen ihrer Praxislernorte vorweisen können, spielt eine schlechtere Note dann bei der Bewerbung vielleicht weniger eine Rolle“, so Hauser. Die Übergabe der Abschlusszeugnisse, das ist für die beiden Lehrer immer wieder der bewegendste Moment. „Wenn Schüler, Eltern und Großeltern kommen und sich bedanken. Dann wissen wir, dass wir vieles richtig gemacht haben“.

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Identfizierung mit dem Projekt: Selbst gestaltete Schilder. Foto: Manja Kelch

 

Mehr Fakten zum Konzept und zu den Standorten für das „Produktive Lernen“ in Sachsen gibt es auf dem Bildungsserver.

Manja Kelch, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

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