Produktives Lernen bereit für Regelausbildung

Produktives Lernen bereit für Regelausbildung

Der Schulversuch „Produktives Lernen“ hat sich bewährt: Durch den starken Praxisbezug haben viele abschlussgefährdete Schüler einen Bildungsabschluss und stabile berufliche Anschlussperspektiven erreicht. Aufgrund des großen Erfolges soll der Schulversuch zum kommenden Schuljahr 2018/19 in das Regelsystem überführt werden. Im neuen Schulgesetz wurden die Weichen bereits gestellt.

Eines eint alle Schüler im Produktiven Lernen: Im regulären Schulbetrieb galt ihr Hauptschulabschluss als gefährdet. Oft sind es Jugendliche mit schwierigen psychosozialen und gesundheitlichen Lebenssituationen. Für das Produktive Lernen entscheiden sie sich jedoch alle freiwillig. Viele von ihnen sehen es als ihre letzte Chance, Fuß zu fassen und den Weg ins Berufsleben mit einem Schulabschluss zu finden.

Gute Anschlussperspektiven

Den Erfolg des Schulversuches in Sachsen bestätigt nun der Abschlussbericht der Projektevaluation von 2015 bis 20171, erstellt durch das Institut für Produktives Lernen (IPLE). Im Untersuchungszeitraum haben insgesamt 520 Jugendliche am Produktiven Lernen teilgenommen. 79 Prozent der zuvor abschlussgefährdeten Schüler erreichten einen dem Hauptschulabschluss gleichgestellten Abschluss – 35 von ihnen sogar den qualifizierenden Hauptschulabschluss für Schulfremde.

Das Produktive Lernen überzeugt vor allem in der Betrachtung der Anschlussperspektiven der Jugendlichen. Rund 43 Prozent der Schüler haben direkt im Anschluss eine Ausbildung sicher, überwiegend im dualen System.

Auch in der Langzeitbetrachtung schafft das Produktive Lernen den Schülern eine nachhaltige Basis für die berufliche Zukunft. So wurden die Absolventen nach einem halben Jahr noch einmal nach ihrem Verbleib befragt. Der Anteil der Jugendlichen in einer Ausbildung, einer berufsvorbereitenden Maßnahme oder einem Arbeitsverhältnis blieb nahezu identisch. Bemerkenswert ist, dass über 60 Prozent der Auszubildenden ihren Ausbildungsplatz über einen ihrer ehemaligen Praxislernorte gefunden haben. 12 Prozent der Befragten gaben an, „etwas anderes zu machen“ wie beispielsweise ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Berufsgrundbildungsjahr. Die restlichen sieben Prozent machten keine Angabe oder waren zu dem Zeitpunkt arbeitslos.

Der Abschlussbericht zeigte auch einen Zusammenhang zwischen dem Bildungsabschluss und gefundener Anschlussperspektive. Nur fünf Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss hatten zum Ende der 9. Klasse einen Ausbildungsvertrag in der Tasche – jedoch 50 Prozent der Schüler mit Hauptschulabschluss und sogar 77 Prozent der Schüler mit qualifizierendem Hauptschulabschluss.

Erfolg durch großen Praxisanteil

Ein Erfolgsrezept des Produktiven Lernens ist der große Praxisanteil und die Verzahnung zwischen Praxiserfahrung und schulischem Lernen. Die Jugendlichen lernen zwei Wochentage in der Schule und arbeiten drei Wochentage in Betrieben, die sie sich selbst aussuchen. Im Gegensatz zu einem Schulpraktikum verbleiben die Schüler drei bis vier Monate in demselben Unternehmen – sechs Betriebe in zwei Jahren. So sammeln sie nicht nur Erfahrung im Bewerben, sondern lernen auch die allgemeinen Anforderungen an die Arbeitswelt kennen. Die Schüler können herausfinden, wo ihre Interessen liegen, welche Möglichkeiten es gibt, welche Ressourcen sie haben und auch welche beruflichen Ziele. Die Schüler können sich bewähren – losgelöst von den schulischen Leistungen.

Die große Mehrheit der Jugendlichen fühlt sich trotz des geringeren schulischen Anteils im Produktiven Lernen gut auf die Berufsschule vorbereitet – und auf die Wahl des Ausbildungsplatzes. Ihre Lernschwierigkeiten sind natürlich nicht sofort abgestellt, wie Befragungen der Schüler verdeutlichen. Aus dem engen Praxisbezug und der Möglichkeit der Mitbestimmung der Themen im Unterricht, zogen die Schüler jedoch größere Motivation und entwickelten den Willen, den schulischen Teil abzuschließen. Die Jugendlichen suchten verstärkt nach Lösungen für ihre Lernprobleme und gaben seltener auf.

Seitens der Betriebe werden das Produktive Lernen und die gute Zusammenarbeit von Schule und Betrieben gelobt. Die Firmen können die Schüler über längere Zeit einarbeiten und gegebenenfalls an sich binden. Die Schüler lernen den Alltag, die Tätigkeiten und den Betrieb viel intensiver kennen.

Besonderer Bildungsweg des Regelsystems

Das Produktive Lernen wurde im Rahmen eines ESF-Projektes 2008 an acht sächsischen Oberschulen eingeführt und durch das IPLE begleitet. Das Konzept fußt vor allem auf der freiwilligen Teilnahme der Schüler, der curricularen Verbindung des praktischen und schulischen Lernens und in der individuelleren Bildungsberatung. Im Vorfeld des Produktiven Lernens durchlaufen die Jugendlichen eine sechswöchige Orientierungsphase, in der jeder herausfinden kann, ob diese Lernform zu ihm oder ihr passt. Zum Aufnahmeverfahren gehören zusätzlich eine schriftliche Bewerbung und ein Aufnahmegespräch.

Als besonderer Bildungsweg wird das Produktive Lernen zum Schuljahr 2018/19 in das Regelsystem überführt werden. Die Ergebnisse des Schulversuchs und der Evaluierung werden bei der Umsetzung einbezogen. Die Qualifizierung der Lehrkräfte erfolgt grundsätzlich praxisbegleitend in Seminaren und einem Briefstudium, aber auch E-Learning-Angeboten. Am Projekt beteiligen sich derzeit folgende Oberschulen:

  • Oberschule Freital-Potschappel
  • Oberschule „Am Holländer“ in Döbeln
  • Oberschule „Am Stadtrand“ Hoyerswerda
  • Georg-Weerth-Oberschule Chemnitz
  • Georg-Schumann-Schule, Oberschule der Stadt Leipzig
  • Helmholtzschule, Oberschule der Stadt Leipzig
  • 121. Oberschule „Johann Georg Palitzsch“ Dresden
  • Dr.-Christoph-Hufeland-Oberschule Plauen

In der Reportage „Jeder hat eine Chance verdient. Ein besonderes Projekt rettet abschlussgefährdete Schüler“ erzählen Lehrer, Schüler und Betriebe von ihren Erfahrungen.

 

1 Vgl. Produktives Lernen in Sachsen: 2015 – 2017. Abschlussbericht zur Projektevaluation; IPLE 2017.

Bianca Schulz, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

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