Blog-Special: Extremismus im Netz – die unsichtbare Gefahr

Bunte Bilder, coole Videos, private Storys – in sozialen Medien finden Jugendliche Ablenkung vom Alltag. Doch immer öfter geraten sie dort ins Visier extremistischer Kreise.

Autorin: Annett Kschieschan

Ein Foto von Hundewelpen – dicht gedrängt in einem Verschlag, die Tiere in bedauernswertem Zustand. Der Aufruf unter dem Facebook-Post: »Spende für den Tierschutz!«. Bei der genaueren Recherche wird deutlich: Hinter der Veröffentlichung stehen offenbar Mitglieder der Identitären Bewegung. Ein grellbuntes Rap-Video mit schnellen Schnitten und provozierenden Texten. Das Impressum weist eine rechtsradikale Gruppe als Urheber aus. Auch hinter scheinbar harmlos wirkenden »Lifestyle«-Bildern auf Instagram stehen bisweilen Extremisten. Erkennbar ist das nur für Denjenigen, der hinter Hashtags wie #blueeyesblondhair oder #bartträger schaut und recherchiert. Das tun die wenigsten Erwachsenen und noch weniger Jugendliche. Die sozialen Netzwerke stehen für die meisten Menschen für Freizeit, Spaß und Unterhaltung. Sie sind aber längst auch politische Bühne. Und: Sie sind für Jugendliche fester Teil des Alltagslebens. Dementsprechend sind Schülerinnen und Schüler den oft auch unterschwelligen Botschaften extremistischer Kreise häufig weitaus stärker ausgesetzt als Erwachsene.

Extreme Inhalte im Kleingedruckten

In einer Befragung der Ludwig-Maximilians-Universität München gaben 40 Prozent der befragten Jugendlichen an, in letzter Zeit im Internet häufig mit extremistischen Inhalten in Kontakt gekommen zu sein. Das Strategie dabei: Die Akteure sprechen die Sprache der Jugendlichen, tragen dieselben Modemarken, teilen Videos beliebter Stars. Für Jugendliche ist so auf den ersten Blick oft nicht erkennbar, mit welchen Geisteshaltungen sie es zu tun haben. Weil sie selbst noch keine gefestigte politische Haltung haben, können sie empfänglich für radikale Botschaften sein. Die werden in freundlichen Videoclips oder hübschen Fotos verpackt. Durch – manchmal auch gedankenlos gesetzte – Likes zeigt der Algorithmus dem Nutzer oder der Nutzerin künftig noch mehr solcher Inhalte an. Die möglichen Folgen: Abstumpfung und im schlimmsten Fall eine Identifikation mit den subtilen Hass-Botschaften.

Investigative Reporter decken auf

Wie intensiv soziale Medien inzwischen zur Rekrutierung für extremistische Strömungen genutzt werden, hat das Recherchenetzwerk Correctiv herausgefunden.

Demnach greifen rechte und rechtsextreme Kreise zunehmend die Sprache und Ästhetik der Foto-Plattform Instagram auf. Über Inhalte und Bildsprache setzen sie dort an, wo sie Interessen der jungen Zielgruppe vermuten, etwa bei den Themen Musik, Sport und Lifestyle. Sie versuchen damit eine Weltsicht zu normalisieren, die in den rechten bis rechtsextremen Bereich gehe, so Arne Steinberg, Reporter bei Correctiv. Er und seine Kolleginnen und Kollegen haben sich rund 4500 Accounts angeschaut und dabei Muster identifiziert. Zum Beispiel gebe es ganz häufig Fotos von Influencerinnen, die einen Jutebeutel tragen oder einen Pullover, auf denen ganz klein Symbole zu sehen seien, die einer rechten Gruppierung zuzuordnen sind, zum Beispiel der Identitären Bewegung.

Auf den ersten Blick ist der Kontext der Fotos oder Storys nicht erkennbar. Er ergibt sich oft erst in den Hashtags, den Kommentaren oder weiteren Posts desselben Nutzers. In rechten Kreisen werden inzwischen Workshops angeboten, in denen rechte Influencerinnen und Influencer erfahren, wie man unter dem Radar der Internetwächter bleibt, was gerade noch erlaubt und was verboten ist.

Die Gefahr steckt im Hashtag

Indem sie sich den typischen Instagram-Algorithmen anpassen, erreichen scheinbar private Profile hohe Resonanz. So werden vermeintlich persönliche Schnappschüsse aus dem Leben oder emotionale Posts gestreut, um einerseits ein Gefühl von Privatheit zu erzeugen, andererseits aber auch das Bedürfnis nach Unterhaltung und Teilhabe zu stillen. Schnell erreicht so ein Account deutlich mehr Abonnenten als »offizielle« Accounts der jeweiligen Bewegungen. Rechtsextreme nutzen Instagram meist gemeinsam mit anderen sozialen Medien und verlinken weitere Angebote in der Profilbeschreibung oder in einzelnen Posts beziehungsweise in Hashtags. Auf diese Weise ist die eigene »Internet-Blase« plötzlich gefüllt mit Botschaften, denen sich gerade junge Leute manchmal kaum noch entziehen können. Nicht zuletzt, weil die virtuelle Welt zunehmend einen Anspruch auf Normalität erhebt. Fehlen die ausgleichenden und korrigierenden Informationen kann ein Abdriften nur schwer verhindert werden.

Der Verfassungsschutz warnt

Auch der Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt warnen inzwischen deutlich vor den Gefahren durch Extremisten im Netz. So habe die Beeinflussung über soziale Netzwerke vor allem am Anfang von Radikalisierungsprozessen in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen, heißt es aus den Behörden. Die Verfassungsschützer weisen auf die großen Herausforderungen hin, vor denen die Demokratie bei der Abwehr extremistischer Online-Propaganda stehe. »Die digitale Welt bietet Rechtsextremisten unendliche Möglichkeiten, ihre verfassungsfeindliche Ideologie – mitunter auf subtile Art und Weise – zu verbreiten. Ein bevorzugtes Medium für ihre Propaganda sind die Social-Media-Kanäle. Da den menschenverachtenden Worten häufig auch Taten folgen, ist es Aufgabe des Verfassungsschutzes, diese Gefahr für unsere Demokratie frühzeitig zu erkennen und die Öffentlichkeit über relevante Entwicklungen rechtzeitig zu informieren und sie zu sensibilisieren«, so Dirk-Martin Christian, Präsident des sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz, anlässlich des jüngsten gemeinsamen Symposiums der Verfassungsschutzbehörden Ostdeutschlands und Berlins.

Aus Sicht der Behörden sind Präventionsangebote unerlässlich. Und die müssen vor allem bei jungen Leuten ansetzen.

Experten unterstützen Lehrerinnen und Lehrer

Jugendliche für die Strategien der Extremisten zu sensibilisieren, funktioniert nur über Aufklärung. ARD, ZDF und Deutschlandradio stellen Lehrerinnen und Lehrern auf dem Portal »Sogehtmedien« verschiedene Unterrichtsmaterialien zum Download bereit. Dabei geht es unter anderem darum, zu vermitteln, wie man die Absicht hinter Fake News erkennt und typische Tricks entlarvt. Anhand von Beispielen wird auch die Gestaltung einer Unterrichtsstunde zum Thema vorgeschlagen. Mit zahlreichen Videos, Audios, Quizformen, interaktiven Karten und Texten gibt das Portal Aufschluss darüber, wie Soziale Medien funktionieren, wo Gefahren liegen und wie man sie sichtbar machen kann.

»Ansprechen, was falsch läuft«

Die Reporterin Christina Wolf macht sich schon seit Jahren mit eigenen Sendungen gegen Extremismus stark; Foto: BR

Ein Team aus Moderatoren bringt die Inhalte anschaulich in eigens produzierten Videos auf den Punkt. Christina Wolf etwa erklärt, warum Extremisten heute eben nicht mehr an Springerstiefeln und Bomberjacke, langem Bart und Kapuzenpulli zu erkennen sind. Für die Reporterin, die schon bei verschiedenen Fernseh- und Radiosendern gearbeitet hat, ist die Aufklärung ein Herzensthema. In der Sendung »Respekt« setzt sie sich für eine offene und tolerante Gesellschaft ein.

Demokratie (leben) bedeute für sie »Wählen zu gehen, andere Ansichten auszuhalten & an- und auszusprechen, was falsch läuft«, so Christina Wolf. Das tut sie regelmäßig in den »Respekt«-Videos, wo es unter anderem um Themen wie anti-asiatischen Rassismus, Identität und Zugehörigkeit oder auch Jugendarmut geht. 2019 bekam sie den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie »Bester Podcast«.  Unter dem Titel »Transformer« erzählte sie darin, wie ihre Freundin Steffi zum Mann wird. Die sensible Begleitung der Transition und die Entwicklung der Freundschaft unter ungewöhnlichen Bedingungen schafft Öffentlichkeit für ein in letzter Zeit häufiger diskutiertes, aber immer noch von vielen Klischees geprägtes Thema.

Christina Wolf ist eine Journalistin, die sich einmischt, die aufklärt, die Demokratie auch als Verantwortung des Einzelnen versteht.  Bei »sogehtmedien« teilt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen und will damit vor allem auch denen helfen, die junge Menschen auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleiten.

Unterstützung für Schulen

Die neue Ausgabe der KLASSE beschäftigt sich u. a. mit den gesellschaftlich und pädagogisch relevanten Themen Nachrichtenkompetenz (Fake News) und Hass-Kommentare (Hate Speech). Um Pädagoginnen und Pädagogen an sächsischen Schulen zu unterstützen, mit diesen herausfordernden Phänomenen umzugehen, Radikalisierungen zu erkennen und anzugehen bzw. fortbildende Beratungen zu erhalten, gibt es ein breites Angebotsnetzwerk, welches auf einem Poster abgebildet wird. Dieses liegt der KLASSE bei, ist aber auch als PDF zum Download verfügbar.

Hängen Sie dieses Plakat gern ins Lehrerzimmer, auf Schulflure oder in Beratungsräume, nutzen Sie es für Dienstberatungen und Konferenzen. Darüber hinaus finden Sie weitere Angebote und Ansprechpartner auf unserer Seite: www.politische.bildung.sachen.de. Wenn Sie Angebote und Ansprechpartner finden wollen, die Sie über das Qualitätsbudget finnazieren wollen, schauen Sie gern in die Rubrik Politische Bildung auf den Seiten www.unterstuetzung-sachsen.de.

Die neue »KLASSE – Das Magazin für Schule in Sachsen« erscheint in wenigen Tagen. Die Ausgabe 1/2021 ist dann hier kostenlos verfügbar.

Lynn Winkler, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

1 Kommentar

  1. Sascha Reichenbach 2 Wochen vor

    Grundsätzlich eine gute Aufklärung zu Gefahren für Jugendliche im Netz.
    Es fehlen jedoch sämtliche Andere Versionen der Darstellung von Gefahren im woldwideweb aus auch anderen Richtungen ausser die von Rechts. Oft in Videos zur Schau gestellte Gewalt, Verharmlosung von Drogen und das Bild der Frau in diversen Musikvideos sind hier nicht oder gar nicht angesprochen. Es gehört noch eine Menge mehr digitale Aufklärung auch an Schulen ,um jugendliche vor Extremismus jeglicher Art zu schützen und zu sensibilisieren.