Mehr Kompetenzen, weniger Fachwissen

Mehr Kompetenzen, weniger Fachwissen

Die Schule der Zukunft muss stärker darauf abzielen, Kompetenzen zu vermitteln. Deshalb sollen künftig die als überfrachtet geltenden Lehrpläne im Freistaat laufend aktualisiert und der fächerverbindende Unterricht fest verankert werden. Martina Adler vom Landesamt für Schule und Bildung erklärt im Interview, was sich für sächsische Schulen verändert.

Das Strategiepapier definiert für das Handlungsfeld Lernen folgendes Ziel: 2030 sind an den sächsischen Schulen Fachunterricht und fächerverbindendes Lernen verbindlich, aufeinander abgestimmt und ergänzen sich. Was bedeutet das für die Lehrpläne?

In einer dynamischen Wissensgesellschaft ist die Zeit der großen Lehrplanreformen vorbei. Stattdessen braucht es regelmäßige Aktualisierungsschleifen. Wir müssen künftig gesellschaftliche Entwicklungen stärker im Blick behalten und beobachten, was dies für die Fächer bedeutet und bei Bedarf die jeweiligen Lehrpläne anpassen. Dabei ist Agilität ein wichtiges Stichwort: Wir müssen in der Lage sein, flexibel auf neue Anforderungen zu reagieren. Dafür braucht es allerdings klare Kriterien.

Welche sind das?

Ein wichtiges Kriterium wird beispielsweise die Kompetenzorientierung sein. Wir müssen prüfen, ob die im Lehrplan verorteten Lernziele und -inhalte dazu beitragen, den Kompetenzerwerb der Lernenden zu stärken. Statt den Fokus auf reines Fachwissen zu legen, wollen wir den Blick auf Wissen richten, das vernetzt angewendet werden kann und hilft, Probleme zu lösen. Eine laufende Aktualisierung ist ressourcenintensiv.

Wie wollen Sie das angesichts des Fachkräftemangels bewältigen?

Das ist eine große Herausforderung. Als wir zuletzt 2004 die Lehrpläne grundlegend überarbeitet haben, waren sehr viele Lehrkräfte pro Fach in den jeweiligen Lehrplankommissionen beteiligt. Sie haben sich über einen längeren Zeitraum wöchentlich getroffen und an den Lehrplänen gearbeitet. Das ist eine Ressourcenbindung, die wir aktuell nicht ermöglichen können. Gleichzeitig ist es unverzichtbar, dass Menschen aus der Praxis die Lehrplanaktualisierung begleiten. Wir müssen schauen, wie wir die Praxis ressourcenschonend beteiligen und dafür neue Wege finden.

Zurück zum Stichwort Kompetenzorientierung: Welche Rolle spielt das Thema künftig?

Unsere Lehrpläne sind bereits grundsätzlich kompetenzorientiert angelegt. Trotzdem müssen wir die Lehrpläne dahingehend noch einmal genau untersuchen. In vielen Fächern sind immer noch Wissensbestände enthalten, die nicht hundertprozentig nötig sind, um die Kompetenzorientierung umzusetzen. Wir müssen uns fragen: Welches Fachwissen, welche Fähigkeiten braucht eine Schülerin oder ein Schüler, um komplexe Aufgabenstellungen zu lösen? Denn genau dies ist eine große Herausforderung in unserer Gesellschaft: Wir müssen damit tagtäglich umgehen können. Es nützt uns nichts, Dinge nur zu wissen, wir müssen sie auch anwenden können.

In der Schule der Zukunft nimmt die Kompetenzorientierung also eine noch größere Rolle ein als bisher?

Das ist richtig. Deshalb ist zum Beispiel im Strategiepapier ein weiteres Ziel mit diesem Thema verknüpft. »2030 gestalten die sächsischen Schulen alle Lern- und Leistungssituationen anwendungs- und kompetenzorientiert.« Lehrkräfte möchten ihre Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf Prüfungen vorbereiten. Das bedeutet: Wenn wir Prüfungen verändern, ändern wir auch den Unterricht. Oder anders formuliert: Wenn wir Prüfungen kompetenzorientiert aufsetzen und dort komplexe Aufgaben formulieren, werden Schülerinnen und Schüler auch im Unterricht lernen, komplexe Problemstellungen zu lösen.

Mit den neuen Maßnahmen soll im Handlungsfeld Lernen außerdem der fächerverbindende Unterricht gestärkt werden. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Auch hier gibt es eine Verknüpfung – diesmal zwischen dem Handlungsfeld Lernen und dem Handlungsfeld Steuerung: »2030 handeln die sächsischen Schulen eigenverantwortlich hinsichtlich pädagogischer Konzepte, der Gesamtorganisation des schulischen Lernens und schulinterner Personal- und Leitungsstrukturen.« Um dieses Ziel zu erreichen, sollen Schulen künftig unter anderem verpflichtend Stundentafeln und Lehrpläne eigenständig und flexibel für fächerverbindendes Lernen umsetzen. Auch hier geht es wieder um Kompetenzorientierung, um Fachwissen, um Strategien und die Fähigkeit, Probleme lösen zu können. Der Unterricht an der Schule der Zukunft muss noch stärker vernetzt sein, denn Probleme können schon heute nicht immer nur aus der Perspektive eines Faches gelöst werden. Es müssen viele Fachbereiche miteinander verknüpft werden.

Bedeutet dies, dass Schulen in Bezug auf den Lehrplan künftig mehr Freiräume haben und stärker eigenverantwortlich handeln können?

Wie der Lehrplan umgesetzt wird, ist immer schon die pädagogische Freiheit der Lehrkraft gewesen. Das wird nach wie vor so bleiben. Der Lehrplan gibt Lehrplanziele und -inhalte auf einem relativ abstrakten Niveau vor, die Ausgestaltung und die Umsetzung liegt immer in der Verantwortung der Einzelschule. Für den fächerverbindenden Unterricht eröffnen wir künftig aber größere Freiräume, die der Einzelschule mehr Flexibilisierung ermöglichen. Im Freistaat gibt es bereits Schulen, die sich auf diesen innovativen Weg begeben haben. Ein Teil der Umsetzung wird sein, dass wir solche Best-Practice-Beispiele sammeln und als Anregung und Impuls für alle Schulen zur Verfügung stellen.

Wie lassen sich die geplanten Maßnahmen mit den Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) vereinbaren?

Daran müssen wir uns natürlich halten. Wenn die KMK neue Bildungsstandards vorgibt, ist es unsere Aufgabe, diese in die sächsischen Lehrpläne zu überführen. Gleichzeitig sollten uns die Vorgaben der KMK nicht davon abhalten, das Lernen der Zukunft zu gestalten. Hier müssen wir dann innovative Veränderungsprozesse anregen und initiieren. Nur weil ein Weg vielleicht ein bisschen steiniger, länger oder beschwerlicher ist, sollten wir ihn nicht vermeiden.

Weitere spannende Beiträge lesen Sie in der neuen Sonderausgabe unserer KLASSE zum »Bildungsland Sachsen 2030«.

 

Text: Antje Tiefenthal

Fotos: Matthias Rietschel

Lynn Winkler, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

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