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Ich gehöre zu den Mahlmännern und Mahlfrauen!

Ich gehöre zu den Mahlmännern und Mahlfrauen!

Berufliche Bildung mal ganz anders: Das Werkstufenzentrum Mahlmannstraße in Leipzig ist einmalig in Sachsen. Hier lernen ausschließlich Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Das haben wir uns genauer angeschaut.

An einem Donnerstagmorgen im Juni treffen wir Jördis Trautwein. Sie leitet das Werkstufenzentrum Mahlmannstraße. »Ich bin sehr stolz darauf, was mein Team hier in den drei Jahren, in denen es unser Werkstufenzentrum gibt, schon erreicht hat«, freut sich die Fachleiterin und ergänzt: »Unser Konzept und unsere Schulform sind bisher einzigartig im Freistaat. Hier erfüllen Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung ihre Berufsschulpflicht – und das mit ganz viel Praxis.«

Selbstständig und selbstbewusst in die Zukunft

»Unser wichtigstes Ziel ist es, unsere Schülerinnen und Schüler so selbstständig und so selbstbewusst wie möglich in die Zukunft zu entlassen«, erklärt Trautwein.

Am Werkstufenzentrum, unweit des Leipziger Stadtzentrums, lernen rund 70 Schülerinnen und Schüler aus drei verschiedenen Schulen: der Schule Thonberg, der Schule Rosenweg und der Kay-Espenhayn-Schule. Sie werden von einem Team aus insgesamt 25 Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften betreut. Jede Klasse besteht aus höchstens elf Jugendlichen. In der Regel sind die jungen Menschen zwischen 16 und 18 Jahren alt und absolvieren hier ihre letzten drei Schuljahre, also Klasse 10 bis 12.

Es gibt sieben zweigeteilte Klassenräume: jeweils ein Unterrichtsbereich und ein Gruppenbereich. Außerdem verfügt die Schule zum Beispiel über einen Bewegungsraum und eine Trainingswohnung – »darauf sind wir sehr stolz, das hat nicht jede Schule«. In der Wohnung trainieren die jungen Menschen lebenspraktische Tätigkeiten. »Denn ein Großteil unserer Schüler wünscht sich, später einmal allein zu leben und das üben wir hier«, erläutert Jördis Trautwein. »Betten beziehen, ein Bad putzen oder ein Frühstück für eine kleine Gruppe zubereiten – eben alles, was es braucht, um später von zu Hause ausziehen und selbstständig leben zu können.«

Eine wichtige Säule ist die Berufsorientierung

Heute ist Donnerstag, das heißt: es ist »Arbeit und Beruf«-Tag. »Unsere Schülerinnen und Schüler haben von 9 Uhr bis 15 Uhr die Möglichkeit, in verschiedene Arbeitsbereiche reinzuschnuppern. Sie probieren aus und bilden sich selbst eine Meinung darüber, welcher Job für sie in Zukunft infrage kommen könnte.« Dafür sind die jungen Menschen entweder außerhalb des Werkstufenzentrums unterwegs oder sie sind in verschiedenen Arbeitsgruppen tätig.

Eine Gruppe unterstützt zum Beispiel die Leipziger Stadtreinigung beim Müllsammeln – und das kommt gut an. »Die Arbeit bei der Stadtreinigung macht mir sehr viel Spaß, denn du bist draußen an der frischen Luft«, erzählt Schüler Luca.

Eine andere Gruppe, die Arbeitsgruppe Küche/Service, ist für die Essensversorgung zuständig. Sie überlegen zunächst, welche Zutaten sie für ausgewählte Gerichte brauchen, kaufen anschließend ein und kochen gemeinsam. Die Speisen werden dann in der Schule verkauft. Vom gelungenen Nudelsalat mit Würstchen konnten wir uns selbst überzeugen.

»Wir sind sehr stolz auf unsere zwei Lehrküchen, die barrierefrei sind. Wir haben einen unterfahrbaren Herd, sodass auch die Rollstuhlfahrer gut an das Cerankochfeld gelangen und Speisen zubereiten können«, berichtet Jördis Trautwein.

Weitere Arbeitsgruppen sind: Bau, Garten- und Landschaftsbau, Keramik, Gebäudereinigung und Wäsche/Nähen. Hier lernen die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel Mangeln und Bügeln. »Es entstehen aber auch ganz tolle Produkte, wie selbst gefertigte Kissen, die zum Teil auch verkauft werden.«

Die Schule zeichnet sich durch eine vielfältige Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern aus, dazu gehören beispielsweise: das Programmkino Cinémathèque Leipzig, die Kunst- und Gewerbegenossenschaft Feinkost eG und der inklusive Nachbarschaftsgarten Johannishöhe. Dort übernehmen die Schülerinnen und Schüler etwa Hausmeister- und Reinigungstätigkeiten oder Aufträge im Bereich Landschaftsgartenbau wie Beete anlegen.  

Gute Aussichten für die Zukunft

»Die Perspektiven für unsere Schülerinnen und Schüler sind inzwischen deutlich vielfältiger als noch vor einigen Jahren. Für einen großen Prozentsatz ist die geschützte Werkstatt der richtige Arbeitsort. Sie absolvieren dafür bereits während ihrer Zeit bei uns Praktika in den Werkstätten, lernen die spätere Umgebung kennen und wir ermöglichen so einen sanften Übergang.«

Viele Mahlmänner und Mahlfrauen haben aber auch den Wunsch, später auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu landen und dafür gibt es verschiedene Modelle. »Wir haben zum Beispiel Schüler, die vor ihrem 18. Lebensjahr an Berufsschulzentren gehen – mit der Chance, ihren Hautschulabschluss nachzuholen. Oder sie besuchen im Anschluss eine Berufsbildungsmaßnahme. Einige können auch direkt als ungelernte Hilfskräfte mit einer unterstützten Beschäftigung einsteigen. Wir haben schon manche Erfolge gefeiert: Gute Erfahrungen haben wir zum Beispiel mit dem Einzelhandel gemacht. Auch im Gastronomiebereich und Hotelgewerbe ist großes Interesse da, dort gibt es viele Praktikumsmöglichkeiten für unsere Schülerinnen und Schüler.«

»Wir sind sehr glücklich, dass es die Berufsorientierungsmaßnahme als Paket gibt. So können wir in ganz enger Zusammenarbeit mit dem Integrationsfachdienst, der uns maßgeblich etwa bei der Vorbereitung der Schüler auf die Zukunft, der Praktikumssuche oder Betriebsführungen unterstützt, für unsere Jugendlichen vieles möglich machen.«

Was ist überhaupt eine Werkstufe?

Die Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung gliedert sich in Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe und Werkstufe. Jede Stufe umfasst drei Jahre. In der letzten Stufe, der Werkstufe, erfüllen die Schülerinnen und Schüler in der Regel ihre Berufsschulpflicht. Die Werkstufe ist damit das Bindeglied zwischen Schule und Arbeitsleben. Sie bereitet die Schülerinnen und Schüler umfassend auf das künftige Erwachsenenleben vor.

»Unsere Schüler erhalten am Ende ihrer 12 Schuljahre ein Abschlusszeugnis, das bescheinigt, dass sie die Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung erfolgreich absolviert haben. Es gibt auch immer wieder Ausnahmen, die beispielsweise im Anschluss im Rahmen einer Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (BvB) den Hauptschlussabschluss nachzuholen.«

»Alle sollen sich bei uns wohlfühlen«

»Uns ist das soziale Miteinander und die Identifikation mit unserer Schule sehr wichtig – egal, ob das die Lernenden, die Lehrenden oder die Unterstützenden sind. Alle sollen sich bei uns wohlfühlen. Dafür schaffen wir viel Raum: mit Möglichkeiten miteinander ins Gespräch zu kommen, zu spielen, zu entspannen, mit schulischen Höhepunkten wie unserem Kennenlern-Picknick oder unserem Schulfest, aber auch mit gemeinsamen Schulausflügen. Unser Ziel ist es, dass jede und jeder, die oder den es neu zu uns verschlägt, schon nach kurzer Zeit sagen kann: Ich gehöre dazu, zu den Mahlmännern und Mahlfrauen«, unterstreicht die Fachleiterin.

»Wir versuchen, es uns hier schön grün zu machen«

Auf der Terrasse hinter dem Schulgebäude liegt eine kleine grüne Oase. »Unsere Arbeitsgruppe Bau hat uns tolle Hochbeete gebaut und bewirtschaftet werden sie von der Arbeitsgruppe Garten- und Landschaftsbau. Neben schönen Blumen werden hier viele Früchte und Kräuter wie Erdbeeren und Minze angebaut, die dann weiterverwendet werden«, berichtet Jördis Trautwein. Die schöne Terrasse wird außerdem für die Hofpause oder zum Chillen genutzt. Möglich machen es die zahlreichen Paletten-Sitzmöbel, die alle »durch die Schülerhand« entstanden sind. Selbstgenähte Kissen runden das Entspannen im Freien ab.

Was noch?

Eine weitere Besonderheit am Werkstufenzentrum sind die Neigungskurse. Sie finden jeden Dienstag und Mittwoch statt. »Die Ideen dafür kommen einerseits aus unserem Kollegium. Egal, ob aus dem musischen, künstlerischen und sportlichen Bereich oder der Allgemeinbildung – wir überlegen, was unsere Schüler interessieren und weiterbringen könnte. Wir haben aber auch die Schülerinnen und Schüler gefragt. So ist eine gute Mischung entstanden«, freut sich Jördis Trautwein und ergänzt: »In unserer Aula findet zum Beispiel ›Body Attack‹ für diejenigen statt, die gern etwas für ihre körperliche Fitness tun möchten. Genauso gibt es den begehrten Schulsanitätskurs – ein Schülerwunsch. Hier lernen unsere Schülerinnen und Schüler Erste Hilfe. Wir bieten auch einen Kurs ›Werkstatt‹ an. Mit einem Lehrer nehmen die Schüler ein Motorrad auseinander, säubern es und gestalten es neu. Außerdem haben wir eine Fußballgruppe und eine Tanz-Theater-Gruppe.«

»Wir haben den Wahlunterricht ausgeweitet. Wir nehmen uns das Privileg, für die Neigungskurse mehr Stunden zur Verfügung zu stellen, sodass unsere Schülerinnen und Schüler mehr nach ihren Interessen entscheiden können. Sie sollen lernen, für sich selbst einzustehen: Wer bin ich? Was will ich? Ich muss Entscheidungen treffen und mit ihnen leben.«

»Wir möchten unsere Mahlmänner und Mahlfrauen bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten. Deshalb gibt es bei uns das Fach ›Zukunftskurs‹. Hier behandeln wir viele lebensrelevante Themen wie Ämtergänge, Mobilitätstraining und mögliche Wohn- und Familienformen. Wir nehmen uns dafür Lehrplaninhalte aus verschiedenen grundlegenden und Fachunterrichts-Bereichen und fassen sie in unserem Kurs zusammen. Das gibt es nur bei uns.«

Warum ist die Arbeit im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung so besonders?

»Mir gefällt, dass ich so individuell auf Menschen eingehen kann, eigene Lösungen stricken muss. Man muss viel differenzieren, das ist die Herausforderung. Vor allem werden aber Teamplayer gebraucht – denn wir arbeiten nie allein, sondern immer zusammen mit der pädagogischen Fachkraft, mit Schulbegleitern. Mindestens zwei Menschen führen eine Klasse. Wir müssen uns untereinander gut absprechen, haben aber auch die Chance, dadurch Tolles zu entwickeln.«

Das ist Jördis Trautwein

Für die heutige Fachleiterin war bereits als Jugendliche klar, dass sie im sozialen Sektor arbeiten möchte. Zum »Ausprobieren« war sie ein Jahr in England in einem Behindertenheim tätig und hat anschließend in Leipzig das Studium der Förderpädagogik begonnen. Seit 2003 ist sie als Lehrerin, zumeist Klassenlehrerin, im Einsatz. Darüber hinaus hat sie einige Jahre am Seminar für Lehrerbildung Referendare ausgebildet und das Diagnostik-Team an der Schule Thonberg, den Mobilen Sozialpädagogischen Dienst (MSD) geleitet, bis sie die Möglichkeit bekam, mit einem Team das Werkstufenzentrum Mahlmannstraße aufzubauen. »Hier habe ich gemerkt: Das ist meine Passion! Denn ich war schon viele Jahre in der Werkstufe tätig und hatte richtig Lust darauf, eine Schule zu schaffen, die sich wirklich ganz konkret an den Bedürfnissen dieser tollen jungen Menschen orientiert.«

Inzwischen haben die ersten Schülerinnen und Schüler, die vor drei Schuljahren mit Jördis Trautwein und ihrem Team in die Mahlmannstraße eingezogen sind, die komplette Werkstufe durchlaufen und gehen nun den nächsten Schritt in ihre Zukunft.


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