Jüdisches Leben in Sachsen

Was macht eigentlich der Beauftragte der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben? Wir haben mit Dr. Thomas Feist über seine Aufgaben und die neue Broschüre »Jüdisches Leben in Sachsen« gesprochen.

Text: Ralf Seifert

Sie sind der Beauftragte der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben. Was sind Ihre Aufgaben? Und womit beschäftigen Sie sich aktuell?

Meiner Arbeit liegt eine Konzeption zu Grunde, nach der ich ressortübergreifend in den Arbeitsfeldern Situationsanalyse, Vernetzung staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure und Konzeption von Begegnungs- und Bildungsangeboten im Freistaat tätig bin. Ich kann mich im Rahmen von Anhörungen bei Gesetzes-, Verordnungs- und sonstigen wichtigen Vorhaben der Staatsministerien einbringen und nehme an Bund-Länder-Sitzungen der Beauftragten teil. Einmal jährlich unterrichte ich das Kabinett über die Ergebnisse meiner Tätigkeit und benenne Handlungsbedarfe, die sich aus meinen Erkenntnissen ergeben. Darüber hinaus koordiniere und organisiere ich Maßnahmen, die auf den Abbau von Antisemitismus gerichtet sind und erstelle Empfehlungen zur Antisemitismusprävention. Momentan richtet sich mein Hauptaugenmerk darauf, die Herausforderungen für die Förderung jüdischen Lebens in Sachsen und die notwenigen Maßnahmen zur Antisemitismusprävention und -bekämpfung in die Diskussionen zum Haushaltsaufstellungsverfahren des Sächsischen Landtages einbringen, damit diese wichtige Arbeit auch angesichts der besonderen finanziellen Herausforderungen des Freistaates nicht ins Hintertreffen gerät.

Sie haben eine Broschüre »Jüdisches Leben in Sachsen« erstellt, die die Vielfalt des jüdischen Lebens abbilden soll. In der Broschüre werden zahlreiche Akteure vorgestellt, die größtenteils dem » Netzwerk Jüdisches Leben in Sachsen« angehören. Was ist das für ein Netzwerk und welche Ziele verfolgt es?

Das Netzwerk wurde Ende 2019 ins Leben gerufen und bringt eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Akteure zusammen, die sich den Themen Förderung jüdischen Lebens in Sachsen sowie Antisemitismusprävention und -bekämpfung verschrieben haben. Es gibt circa 50 solcher Vereine und Initiativen in Sachen, viele davon sind seit mehreren Jahren aktiv und arbeiten in der Regel ehrenamtlich. Sie sind wichtige Partner der jüdischen Gemeinden in Sachsen und tragen maßgeblich zur Vermittlung von Wissen über jüdische Religion und Kultur im Freistaat bei. Der Netzwerkgedanke richtet sich vor allem auf eine Koordination der Angebote, die Vermeidung von Doppelstrukturen und die Rückmeldung der Akteure aus ihrer Arbeit vor Ort. Letzteres ist für mich ein wichtiger Faktor in der Bewertung und Gewichtung von staatlichen Maßnahmen hinsichtlich ihrer Zielgenauigkeit und Effektivität.

Die Broschüre wird in den Kontext des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gestellt. Was genau wird damit gefeiert und wie sieht ein Festjahr in Zeiten von Corona aus?

Wir feiern in diesem Jahr die urkundlich erste Erwähnung jüdischen Lebens in Deutschland. Natürlich ist die Gestaltung eines Festjahres in Pandemiezeiten eine besondere Herausforderung, da viele interaktive Formate wie musikalische Aufführungen, Workshops, Diskussionsrunden und ähnliches nicht in der geplanten Form durchgeführt werden können. Die Kreativität der Veranstalter hat jedoch neue, internetbasierte Formen gefunden, die es zumindest zum Teil ermöglichen, das Thema in Sachsen noch stärker in die Gesellschaft hinein zu multiplizieren. Und einige dieser neuen Formate bringen auch Zugänge, die vorher nicht denkbar schienen.

Sie schreiben in Ihrem Grußwort, dass sich oft »jüdische Wissenschaftler, Künstler und Unternehmer« um das Gemeinwesen in Sachsen verdient gemacht haben. Können Sie uns Beispiele geben, die Sie besonders beeindrucken?

Die Universität Leipzig hatte über Jahrhunderte als Landesuniversität eine besondere Anziehungskraft. Hier studierten eine ganze Reihe später sehr erfolgreicher Wissenschaftler, darunter Martin Buber, Émile Durkheim und Edmund Husserl. Als dieser Universität verpflichtete Lehrkräfte fallen mir Hans Mayer und Ernst Bloch ein. Leipzig war zudem das Zentrum der bürgerlichen Musikkultur mit Felix Mendelssohn-Bartholdy als prominentestem Vertreter. Aber auch die Synagogenmusik hatte hier ein künstlerisches Zentrum. Namen wie Louis Lewandowski, Samuel Lampel und Salomon Jadassohn wären hier zu nennen. Nicht zu vergessen der vorausschauende Dresdner Literat Victor Klemperer mit seinem Werk »LTI«, David Theodor Heine, Mitbegründer der Satirezeitschrift »Simplicissimus«, der Operettenstar Richard Tauber und seine Interpretation von Lehárs »Dein ist mein ganzes Herz«, der als Stefan Heym bekannt gewordene Helmut Flieg aus Chemnitz oder sein ebenfalls aus Chemnitz stammender Kollege Rudolf Leder, der unter dem Pseudonym Stephan Hermlin bekannt ist. Erwähnenswert auch der in Leipzig geborene Johannes (Hanns) Eisler, Schöpfer der DDR-Nationalhymne. Als herausgehobene jüdische Unternehmer in Sachsen kann man die Gebrüder Schocken, die Brüder Ury oder die Familie Tietz nennen, die die ersten Kaufhäuser eröffneten, den Musikverleger Henri Hinrichsen, Maximilian Elb, den Erfinder des Rostlösers »Caramba« oder die Gebrüder Arnold, die durch ihre Investitionen Brauereien wie Feldschlösschen oder Radeberger ermöglichten. Daneben sind einige Wirtschaftszweige, die unseren Freistaat stark machten, ohne jüdische Unternehmer nicht denkbar. Genannt seien hier der Bergbau, der Pelzhandel, die Spinnerei- und Textilindustrie, Seifen-, Schuhcreme- und Parfümherstellung, die Zigarettenindustrie oder auch die Uhren- und Glasbranche. Unbedingt erwähnenswert: der erste sächsische Ministerpräsident war Georg Gradnauer. Ein Jude.

In Ihrem zweiten Bericht, der in der Kabinettssitzung am 7. Juli 2020 behandelt wurde, wenden Sie sich mit Handlungsempfehlungen an die Staatsregierung. Welche Rolle nehmen dabei sächsische Schulen ein?

In der Tat nimmt der Bildungsbereich in meinem Bericht eine wichtige Rolle – vom Umfang und vom Inhalt her – ein. Mit dem Landesamt für Schule und Bildung und dessen Präsidenten bin ich sowie der mich und meine Arbeit begleitende Expertenrat in einem kontinuierlichen und konstruktiven Dialog. Ein wichtiger Meilenstein für die jüdischen Gemeinden in Sachsen war die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach. Mein Einsatz gilt zudem der stärkeren inhaltlichen Verknüpfung der Schulen mit außerschulischen Bildungsträgern und deren pädagogischen Angeboten. Bildung hört ja nicht an der Schultür auf, sie braucht Verbindung zu dem, was wir nichtformales und lebenslanges Lernen nennen. Ein weiteres wichtiges Thema ist für mich die Einbindung regionaler Lernorte, die jüdisches Leben und jüdischer Kultur-, Geistes- und Regionalgeschichte noch wirksamer mit dem Unterrichtsstoff verzahnen helfen. Fest steht für mich: Wir müssen mit unseren Bildungsangeboten – seien sie auf das Kennenlernen jüdischer Geschichte, Kultur und Gegenwart oder auf Antisemitismusprävention ausgerichtet – möglichst alle Heranwachsenden erreichen. Das geht nicht ohne die Einbindung unserer Schulen und natürlich auch die Fortbildung unserer Lehrkräfte. Dabei ist das Kultusministerium für mich ein starker Partner – und das sage ich nicht nur, weil meine Geschäftsstelle dort angesiedelt ist.

Weitere Informationen zum Beauftragter der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben finden sie hier.

Broschüre »Jüdisches Leben in Sachsen«

Lynn Winkler, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

1 Kommentar

  1. Hagen Hoffmann 6 Monaten vor

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    es ist sehr erfreulich, daß es diese Beauftragung für jüdisches Leben in Sachsen innerhalb der Staatsregierung gibt.
    Allerdings hätte ich in einer Angelegenheit mehr Unterstützung erwartet, als nur ein paar Worte.
    An meinem BSZ hängt seit einem Jahr ein Kunstprojekt mit dem Titel „Es gibt k eine kulturelle Identität“ aus.
    Ich habe es kritisch angesprochen, doch mehr Ärger als sachbezogene Diskussion geerntet.
    Meine Kritik habe ich darauf konzentriert, daß der Mensch ohne kulturelle Identität nicht existieren kann und somit das Absprechen einer solchen zumindest diskriminierend ist.
    Sprache und Religion sind wichtige Merkmale einer kulturellen Identität. Wer dies nicht anerkennt, richtet sich gegen das Humanistische und so auch gegen das Judentum, das Christentum oder auch gegen verfasungsrechtlich verankerte Grundwerte, z.B. gegen die Bewahrung sorbischer Identität ( Artikel 6 ) oder unseren Erziehungs- und Bildungsauftrag ( § 1/(3) ), der sich an der christlichen Tradition des europäischen Kulturkreises orientiert.
    Auch die Lehrpläne der geisteswissenschaftlichen Fächer beinhalten allesamt die Frage von Identität.
    Mit diesen Überlegungen habe ich mich auch an Herrn Dr. Feist gewandt, in der Hoffnung, daß er sich in seinem Ehrenamt in die Diskussion einbringt.
    Leider war dies nicht der Fall.
    Lediglich aus Yad Vashem, wo ich 2012 an einer Lehrerfortbildung teilnahm, habe ich ermutigend Worte und Unterstützung erhalten.
    Da wird über den Fall am BSZ Löbau zu dem unsäglichen Film ‚Fabian der Goldschmied‘ im MDR berichtet,
    daß aber an meinem BSZ kulturelle Identität durch die Lesart, es gäbe keine, in Frage gestellt wird, interessiert niemanden.
    Dies ist nicht nur bedauerlich, sondern auch bedenklich angesichts rechter und linker Identitätspolitik.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hagen Hoffmann