Das Evangelische Schulzentrum Muldental in Grimma wurde 2025 mit dem Themenpreis Demokratiebildung des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet. Grundschullehrerin Claudia Tröbitz erklärt im Interview, wie Kinder Verantwortung übernehmen können und warum Beteiligung Schule verändern kann.
Text: Antje Tatter; Fotos: Oliver Forstner | Robert Bosch Stiftung
Frau Tröbitz, wenn ich heute Vormittag Zeit in Ihrer Grundschule verbringen würde: Woran würde ich konkret merken, dass bei Ihnen Demokratie gelebt wird?

Gerade läuft unser Ganztagsangebot. Dort gibt es viele Angebote, in denen die Kinder interessengeleitet lernen und gleichzeitig Inhalte des Lehrplans abdecken. Es gibt zum Beispiel eine Grundschulband, Werkstätten oder die »kleinen Heinzelmännchen«, die mit dem Hausmeister durchs Haus gehen, Dinge bauen und reparieren. Später läuft noch das Silentium, in dem die Kinder in Ruhe arbeiten können.
Demokratiebildung zeigt sich bei uns vor allem in vielen kleinen Dingen des Alltags. Wir versuchen, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich die Kinder selbstständig und verantwortungsvoll bewegen können. In unserem offenen Hortkonzept melden sich die Kinder selbst an und ab, sie wählen Angebote eigenständig aus oder ziehen sich auch mal zurück.
Natürlich gibt es bei uns einen Klassenrat und einen Kinderrat. Wichtig ist uns, dass dort nicht ständig Erwachsene Themen vorgeben. Wenn der Elternrat zum Beispiel Geld zur Verfügung stellt, überlegen die Kinder selbst, wofür sie es einsetzen möchten, und stellen Anträge.
Und manchmal entstehen daraus ganz konkrete Entscheidungen im Schulalltag: Die Kinder haben bei uns zum Beispiel selbst ein Kaugummiverbot eingeführt, weil sie gesagt haben, dass es so nicht mehr gut funktioniert.
Mehr Freiheit beim Lernen
Am Evangelischen Schulzentrum Muldental können schon die jüngsten Kinder von Anfang an mitentscheiden und mitgestalten. Wie hat sich das entwickelt?
Das war auf jeden Fall ein längerer Prozess. Früher waren bei uns die Grundschulstufen noch getrennt. Dann gab es die Situation, dass wir mehr Kinder aufnehmen wollten, aber nicht genug Anmeldungen hatten. So haben wir begonnen, jahrgangsgemischt zu arbeiten.
Mit dieser Jahrgangsmischung entstanden automatisch Arbeitsphasen und Freiarbeit, in denen jedes Kind an seinen eigenen Aufgaben gearbeitet hat. Anfangs war das noch sehr strukturiert – klassisch mit Arbeitsheften. Dieses Setting eröffnet die Möglichkeit, Lernen immer weiter zu öffnen. Kinder, die mehr Unterstützung brauchen, arbeiten dann mit anderen Materialien als leistungsstärkere Kinder.
Daraus hat sich vieles ganz natürlich entwickelt. Vor etwa 15 Jahren sind wir dazu übergegangen, dass die Kinder ihre Wochenpläne selbst schreiben. Nicht wir geben alles vor, sondern die Kinder planen mit. Selbstverständlich begleiten wir das eng. Es ist klar, dass Bereiche wie Rechnen, Lesen, Schreiben oder Sachunterricht vorkommen müssen. Aber die Kinder übernehmen dabei Verantwortung für ihr eigenes Lernen.
Am Anfang klappt das nicht immer sofort gut. Genau darum geht es ja: herauszufinden, wie Lernen für das einzelne Kind funktionieren kann.
Die Kinder müssen also erst einmal lernen, mit dieser Freiheit umzugehen?

Genau. Gerade in der ersten Klasse muss sich das entwickeln. Manche Kinder entdecken zum Beispiel das Lesen für sich und lesen dann gefühlt vier Stunden am Stück – und machen nichts anderes mehr. Wir begleiten die Kinder dabei, ein Gleichgewicht zu finden.
Wichtig ist vor allem das Vertrauen. Kinder wachsen über ihre Stärken. Deshalb versuchen wir, sie dort zu fördern, wo sie stark sind, und nicht nur auf Defizite zu schauen. Dabei halten wir an den zentralen Basiskompetenzen fest.
Uns geht es darum, das Lernen hochzuhalten. Wenn die Kinder zum Beispiel einen Vortrag vorbereiten, dann wählen sie Themen aus, die sie gerade beschäftigen. Dabei recherchieren sie, lesen Texte, entnehmen Informationen, gestalten Poster und präsentieren ihre Ergebnisse. Das sind alles Kompetenzen, die sie auf diesem Weg lernen und üben.
Und sie lernen auch, sich gegenseitig Rückmeldung zu geben. Bevor ich etwas sage, nennen die anderen Kinder erst einmal drei Dinge, die gut gelungen sind, und geben dann einen Tipp mit.
Wenn Lehrkräfte Verantwortung abgeben
Wie verändert das die Rolle der Lehrkraft?
Wir achten darauf, dass wir uns als Lehrkräfte nicht übernehmen. Vieles funktioniert gerade deshalb, weil die Kinder Verantwortung mittragen. Wie schon erwähnt: Die Kinder schreiben ihre Wochenpläne selbst. Wir wissen genau, bei welchen Kindern wir genauer hinschauen müssen und wer das schon sehr selbstständig schafft. Wenn die Federmappen kontrolliert werden müssen, dann übernehmen das die Kinder gegenseitig. Das klingt nach kleinen Dingen, macht jedoch im Alltag einen großen Unterschied. Wir überlegen immer wieder: Wie können wir Verantwortung sinnvoll abgeben, ohne dass alles an den Lehrkräften hängen bleibt?
Es gibt zum Beispiel den »Satz des Tages«. Ein Kind schreibt einen Satz an die Tafel und die Klasse untersucht ihn gemeinsam auf Rechtschreibung und Grammatik. Die Kinder bringen also selbst Inhalte ein. Unsere Aufgabe besteht vor allem darin, zu begleiten, zu beobachten, Lernprozesse zu unterstützen und nicht alles vorzubereiten. Das war schon ein echter Wandel, der bei uns damals mit der Jahrgangsmischung begonnen hat.
»Die Kinder sollen erleben, dass ihre Stimme zählt«
Wie gelingt es Ihnen, Kinder fürs Mitmachen zu begeistern?
Wichtig ist erstmal, dass die Themen aus den Kindern selbst heraus entstehen. Beim Bolzplatz geht es zum Beispiel ständig um Fragen wie: Welche Regeln sind fair? Wie teilen wir uns die Zeiten mit den älteren Schülerinnen und Schülern? Warum dürfen manche nicht mitspielen?
Daraus ergeben sich dann oft konkrete Lösungen. Für das Ganztagsangebot haben wir etwa Umfragen gemacht und anschließend ein Fußballangebot nur für Mädchen eingerichtet. Wir versuchen generell, auf das zu reagieren, was die Kinder gerade beschäftigt. Einige Mädchen wollten zum Beispiel mehr Möglichkeiten zum »Reitenspielen«. Deshalb bekommen sie jetzt große Holzpferde und Hindernisse. Andere Kinder brauchen eher Ruhe oder Rückzugsorte.






Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit das im Schulalltag funktioniert?
Kinder benötigen dafür Zeit und Raum. Sie müssen sich frei bewegen, Freundschaften leben und sich im Schulhaus zu Hause fühlen können. Beteiligung funktioniert nicht gut, wenn alles komplett durchgetaktet ist.
Gerade im Grundschulbereich geht es immer darum, die Balance zu halten: zwischen einem geschützten Rahmen und echter Beteiligungserfahrung. Die Kinder sollen erleben, dass ihre Stimme zählt und dass sie etwas bewirken können.
Mitreden ausdrücklich erwünscht
Sie beziehen Kinder sogar in Schulentwicklungsprozesse ein. Wie funktioniert das konkret?
Bei unserer Leitbildarbeit habe ich mir zum Beispiel einen Tipp von der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe geholt, die ebenfalls mit dem Themenpreis Demokratiebildung ausgezeichnet worden ist. Dort hieß es: »Macht es gemütlich – und stellt eine Candybar hin.« Eigentlich war das eher für die Älteren gedacht. Plötzlich standen auch die Grundschulkinder da und fragten: »Was müssen wir machen, um etwas Süßes zu bekommen?«
Dann haben wir unsere Leitbildsätze in einfacher Sprache mit ihnen besprochen und sie nach ihrer Meinung gefragt. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Wir versuchen einfach immer wieder, Beteiligung zu ermöglichen und Kinder ernsthaft einzubeziehen.
Ihre Schule liegt im ländlichen Raum. Wie beeinflusst das die Demokratiebildung?
Auf eine gewisse Weise ist es hier auf dem Land sogar entspannter. Ich wohne selbst in der Stadt und fahre zum Arbeiten raus. Das tut mir gut. Gleichzeitig sind wir eine freie Schule und können unsere Werte sehr klar vertreten. Das haben wir immer getan, doch nie als Einzelpersonen, sondern als gesamtes Schulzentrum.
Wir vernetzen uns dabei auch mit anderen Schulen, zum Beispiel über die Schulstiftung. Unter dem Motto »Damit es bunt bleibt« gab es gemeinsame Aktionen. Aktuell beschäftigt uns die Diskussion um Kürzungen für freie Schulen in Sachsen. Auch da organisieren wir uns gemeinsam und zeigen Haltung.
Es hilft auch, dass Familien sich bewusst für unsere Schule entscheiden. Wir kommunizieren klar, wofür wir stehen.






Einfach anfangen
Was raten Sie Schulen, die sagen: Wir wollen mehr Demokratie im Schulalltag wagen – aber womit fangen wir an?
Man kann mit kleinen Dingen anfangen. Ein Klassenrat oder ein Kinderrat sind zum Beispiel relativ einfache Möglichkeiten. Auch Rituale wie ein Morgenkreis oder mehr Freiheit bei der Frage, in welcher Reihenfolge Kinder arbeiten oder ob sie allein oder gemeinsam lernen möchten.
Manchmal helfen auch Veränderungen im Raum. Es gibt zum Beispiel das Churermodell: Tische stehen nicht mehr klassisch frontal ausgerichtet, sondern eher an den Wänden, mit Nischen und Arbeitsbereichen. Dadurch verändert sich automatisch auch der Unterricht.
Am wichtigsten ist wahrscheinlich, einfach loszulegen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Warum lohnt sich dieser Weg aus Ihrer Sicht?
Weil Schule dadurch für alle zufriedenstellender werden kann. Und weil Beteiligung nicht nur für Schülerinnen und Schüler wichtig ist, sondern genauso für Kollegien. Man kann auch dort Verantwortung stärker verteilen, zum Beispiel über Steuergruppen für Schulentwicklung.
Ich glaube allerdings nicht an Patentrezepte. Jede Schule braucht etwas anderes. Manche Schulen profitieren von der Jahrgangsmischung, andere von Streitschlichterprogrammen. Das hängt immer vom jeweiligen Umfeld ab. Deshalb ist Austausch so wichtig: gemeinsam überlegen, wo die eigenen Herausforderungen liegen und welche Lösungen passen könnten.
Und man muss ein Stück weit mutig sein. Das erste Jahr kann anstrengend sein, weil plötzlich viel mehr Menschen mitdenken und mitentscheiden. Aber irgendwann möchte man es nicht mehr anders. Dann entsteht eher das Gefühl: Warum wurde ich da eigentlich nicht einbezogen?
»Demokratie heißt, Gesellschaft mitzugestalten«
Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Kinder, wenn sie Ihre Schule verlassen? Demokratie bedeutet nicht nur, alle paar Jahre ein Kreuz zu setzen. Demokratie heißt, sich zu engagieren, Verantwortung zu übernehmen und Gesellschaft mitzugestalten.
Ich wünsche mir, dass die Kinder genau das tun: Sie sollen Fragen stellen und den Mut haben, eine eigene Meinung zu entwickeln und sich zu engagieren. Und sie sollen verstehen, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist. Sie muss jeden Tag neu gestaltet und verteidigt werden. Viele Rechte, die heute selbstverständlich wirken, wurden hart erkämpft. Dieses Bewusstsein sollten sie mitnehmen.
Mehr über das Evangelische Schulzentrum Muldental in Grimma
Das Evangelische Schulzentrum Muldental ist eine inklusive Schule in freier Trägerschaft und liegt rund 30 Kilometer von Leipzig entfernt. Die etwa 370 Schülerinnen und Schüler kommen überwiegend aus der Region und lernen hier von Klasse 1 bis zum Schulabschluss in einem gebundenen Ganztagskonzept.

Ein fantastischer Artikel. Die komplexe Gestaltung und Durchführung eines „anderen“ Lernens finde ich super. Unbedingt weiter entwickeln und publik machen, damit andere Regionen eventuelle Möglichkeiten für eine teilweise oder komplette Umstellung durchführen können. 👍🏻
Lieber Heiko Tilgner,
herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung.
Einen schönen Freitag für Sie.
Lynn Winkler