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KI macht Schule | Interview mit Prof. Birte Platow

KI macht Schule | Interview mit Prof. Birte Platow

Künstliche Intelligenz ist längst im Schulalltag angekommen. Sprachmodelle korrigieren Texte, Lernplattformen geben individuelles Feedback, digitale Assistenten begleiten Hausaufgaben. Der technologische Fortschritt bringt viele Vorteile – doch so manche pädagogische Fragen bleiben ungeklärt. Wie verändert KI das Lernen, wenn Maschinen mitdenken? Zeit, genauer hinzuschauen.

Die aktuelle Ausgabe der »KLASSE« beleuchtet die Rolle von Künstlicher Intelligenz in Sachsens Schulen. In einem ausführlichen Interview reflektiert Birte Platow, Professorin für Religionspädagogik, die Nutzung von KI als digitales Werkzeug. Die Wissenschaftlerin forscht an der Technischen Universität Dresden zu den Themen »Theologie und Künstliche Intelligenz« sowie »Bildung der Zukunft« und erklärt, welche Chancen und Herausforderungen sich aus dem Einsatz von KI im Unterricht ergeben können.

Welche Chancen sehen Sie für den sinnvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht?

Der schulische Umgang mit Künstlicher Intelligenz lässt sich in drei Dimensionen denken – bildlich wie drei konzentrische Kreise. Im Innersten ist der kleinste Kreis: KI als Instrument. Hier geht es um den praktischen Einsatz – etwa durch Sprachmodelle, tutorielle Systeme oder Apps. Der nächstgrößere Kreis ist für mich die materielle Ebene: Hier wird KI selbst zum Unterrichtsgegenstand. Das ist in jedem Unterrichtsfach möglich. Der Mathematikunterricht könnte beispielsweise zeigen, auf welchen mathematischen Grundlagen KI beruht. Der Religionsunterricht könnte die Frage beleuchten, welches Menschenbild hinter einer KI steckt. Der Deutschunterricht könnte sich damit auseinandersetzen, wie sich Sprache verändert, wenn wir Texte nicht mehr selbst schreiben. Die dritte Dimension ist in meiner Wahrnehmung im schulischen Alltag am wenigsten im Blick. Sie sollte es aber sein – bei Menschen, die Schule entwickeln, in der Politik und ganz konkret vor Ort – bei Schulleitungen. Denn die dritte Dimension ist die systemische Ebene: Wie verändert sich mit KI das Lernen? Wie verändert sich die Idee von Bildung? Wie verändert sich die Idee vom Menschen? Was kommt da an weiteren Eindrücken aus der Gesellschaft, wo KI ja im Moment auch eine alles durchdringende Technologie ist?

Ich bin überzeugt, alle drei Dimensionen gehören in die Schule. Im Moment sehe ich es aber so, dass vor allem die instrumentelle Dimension gehyped und gefördert wird, langsam auch die materielle Dimension, am wenigsten aber die systemische Dimension.

Mit Blick auf die von Ihnen beschriebene systemische Dimension: Wie wird sich denn aus Ihrer Sicht mit KI das Lernen verändern?

Ich glaube, dass wir aktuell eine Verschiebung erleben. Bildung hatte schon immer eine soziale, eine emotionale, eine pragmatische und eine kognitive Komponente. KI ist natürlich besonders stark in der kognitiven Komponente – weil sie Wissen operationalisieren und auf dieser Basis vermitteln kann. Das kann sie individualisiert, differenziert, und sie kann Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, Selbststeuerung zu entwickeln. Etwa wenn sie erkennen: Ich habe nur 80 Prozent erreicht, vor allem bin ich schwächer bei Texten, aber stark im regelgeleiteten Lernen.

Allein durch ihre allgegenwärtige Präsenz, ihren Hype – und nicht zuletzt, weil sie im Gegensatz zur menschlichen Lehrkraft nichts kostet – verstärkt KI im Moment dieses Verständnis von Lernen. Aber: Individualisiertes und differenziertes Lernen wird oft als rein positiv dargestellt. Dabei bedeutet es im Umkehrschluss, dass gemeinsames Lernen in der Gruppe in den Hintergrund tritt – dabei wäre das genau das, was unsere Gesellschaft gerade verstärkt bräuchte. Und auch körperliches, haptisches Lernen kommt noch kürzer, als es das ohnehin schon tut.

Welche Veränderungen beobachten Sie darüber hinaus?

Ich sehe, dass sich durch KI auch das Gefüge der Fächer verändert. Fächer, die gut in diese Logik passen, werden gestärkt – andere dagegen weiter marginalisiert. Alles, was mit körperlichem oder ästhetischem Lernen zu tun hat, was sich nicht regelgeleitet in die KI-Logik pressen lässt – wie etwa Religionsunterricht, Musik, Kunst oder Sport – wird es schwerer haben. Auch in meinem Fach, Religion, ließen sich sicher 80 Prozent der Inhalte regelgeleitet abbilden. Aber die übrigen 20 Prozent eben nicht – und die drohen zu verschwinden.

Wenn Schule künftig dieser Logik folgt – dass digitalisiertes Lernen automatisch gutes, zukunftsgerichtetes Lernen ist – dann muss man sich darüber im Klaren sein: Das hat Nebenwirkungen. Ich will das gar nicht bewerten – aber es muss klar sein, dass es diese Effekte gibt.

Was wünschen Sie sich für die Schulen in Sachsen?

Ich würde sagen: Ja, bitte – nehmt KI rein! Aber dann macht es bitte mit ganz viel Mut! Baut die Schulen um. Öffnet die Fächergrenzen, die Zeitschemata. Denkt den Lehrberuf neu. Die Berufsrealität ist: Du vermittelst Wissen. Alles, was sonst anfällt – Streit schlichten, mit seelischen Nöten umgehen, auffangen – wird einfach erwartet. Und es wird nicht anerkannt. Dabei wäre das jetzt eine tolle Chance zu sagen: Wir geben genau diesem Teil endlich Raum.

Wie würden Sie Lehrkräfte aller Fächer ermutigen, KI verantwortungsvoll in den Unterricht zu integrieren?

Ich würde auf zwei Ebenen verweisen, die ich bereits am Anfang angesprochen habe. Erstens: Überlegen Sie, welche Ihrer Inhalte sich gut mit KI-Tools vermitteln lassen – und markieren Sie diese bewusst. Nutzen Sie KI dort, wo es fachlich sinnvoll ist. Und zweitens: Überlegen Sie, wie Sie KI auch selbst zum Gegenstand Ihres Unterrichts machen können – das geht in jedem Fach. Sehen Sie die Schnittstellen zu anderen Fächern! Im Informatik-Lehrplan steht ja zum Beispiel, dass auch über ethische Fragen oder gesellschaftliche Folgen von Technologie nachgedacht werden soll.

Deshalb habe ich auch vorhin gesagt: Fächergrenzen auflösen – das wäre vielleicht die dritte Aufgabe, die ich mir aus der Fachperspektive wünschen würde.

Warum sollten sich Lehrkräfte überhaupt mit KI auseinandersetzen?

Die größte Aufgabe, zu der jede und jeder von uns beiträgt, ist doch: mündige, handlungs- und urteilsfähige Persönlichkeiten zu begleiten. Junge Menschen, die in ihrer Lebenswelt genau das können sollen – urteilen, handeln, Verantwortung übernehmen. Und diese Lebenswelt, in der sie jetzt schon leben – und später als Erwachsene noch viel mehr –, ist durchdrungen von KI. Es gibt keinen Beruf, keine Lebenslogik, die davon unberührt bleibt. Selbst banale Dinge wie ein Handy oder ein Fitnesstracker sind KI-basiert – und das wird auch nicht mehr weggehen.

Deshalb wäre es schlichtweg ein »Kopf in den Sand«-Verhalten, wenn wir das ignorieren wollten. Natürlich kann und sollte man auch Räume markieren, in denen KI ganz bewusst außen vor bleibt. Das finde ich richtig – aber man muss sich dennoch mit dem Thema auseinandersetzen.

KI ist kein reines Lehrkraft-Tool. Welche Rolle können auch Schülerinnen und Schüler im Umgang mit KI einnehmen?

Schülerinnen und Schüler nutzen KI ja schon längst – ganz selbstverständlich. Ich kenne das auch aus meinem eigenen Familienkreis: Mein Sohn sagt zum Beispiel bei manchen Lehrkräften, dass er deren Erklärweise nicht versteht oder langweilig findet. Dann sucht er sich Erklärvideos oder Übungen im Netz – da gibt es ja viele Tutorinnen und Tutoren, die das anschaulicher machen. Das nutzen übrigens nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch viele Studierende. Solange das nicht aus dem Ruder läuft – also solange sie nicht glauben, Bildung bedeute nur noch, Sachwissen auswendig zu lernen und wiederzugeben – finde ich das absolut sinnvoll. Es gibt mittlerweile viele gute Lern-Apps, die mit kleinen Tests, sogenannten Assessments, arbeiten. Damit bekommt man ein recht gutes Bild davon, wo man steht – und kann sein eigenes Lernen beobachten und reflektieren. Auch das ist ein wichtiger Teil von Bildung.

Und es geht ja noch weiter: Es entstehen gerade Lernbegleiter, die individualisiert sind. Die versuchen am Anfang, den oder die Lernende kennenzulernen – mit Fragen wie: Was machst du in deiner Freizeit? Was interessiert dich? Was machst du mit deinen Freunden? Und diese Systeme sagen dann nicht nur »Lern jetzt noch 20 Vokabeln«, sondern sie geben personalisierte Hinweise, schlagen Wege vor, motivieren – fast wie ein digitaler Zwilling.

Das kann gerade für Schülerinnen und Schüler hilfreich sein, die sozial nicht so gut eingebunden sind oder besondere Herausforderungen beim Lernen haben. Und oft ist es gut, wenn das außerhalb der Schule passiert – also als zweites Standbein neben einem Ort, der für manche eben auch schwierig sein kann.

Welche Anforderungen stellen sich vor diesem Hintergrund an die Vermittlung von Medienkompetenz?

Da sehe ich zwei Ebenen. Die erste ist ganz banal – aber entscheidend: Wir haben es mit einem wahnsinnig dynamischen Markt zu tun. Das ist ein ständiges Hase-und-Igel-Spiel. Die Entwicklungen sind so schnell, dass Schule ihnen kaum hinterherkommt. Die zweite Ebene ist die scheinbare Natürlichkeit und Unausweichlichkeit, mit der junge Menschen diese Technologien erleben. Für sie ist das einfach da. Für mich persönlich – ich bin erst als Erwachsene mit dem Internet in Berührung gekommen – war das ganz anders. Ich weiß daher gar nicht, ob diese Unvermeidbarkeit wirklich schlecht ist. Aber klar ist: Es fällt Jugendlichen unheimlich schwer, überhaupt noch Distanz zu gewinnen.

Diese Allgegenwart erzeugt manchmal eine gewisse Naivität – weil es als ganz selbstverständlich und ungefährlich wahrgenommen wird. Gleichzeitig erleben viele aber auch sehr genau, dass da problematische Aspekte sind. Und sie kommen trotzdem nicht raus. Das macht etwas mit ihnen. Es erzeugt Schuldgefühle, Defizitgefühle – und das kann sehr belastend sein.

Und dann kommt noch etwas Drittes hinzu: Diese Medien funktionieren nach eigenen Logiken – und dahinter stehen knallharte Interessen. Als Jugendlicher kann man dem kaum ausweichen. Und genau deshalb müssen wir Medienkompetenz heute ganz anders denken: kritisch, tiefgreifend und mit viel mehr Verständnis für die Lebensrealität der jungen Menschen.

KI und Leistungsbewertung – was denken Sie darüber?

Ich fang mal mit dem Positiven an: KI kann uns wahnsinnig viel Zeit sparen. Und gerade das Korrigieren ist in vielen Fächern ein echter Zeittotschläger. Wenn wir hier effizienter werden, könnten wir vielleicht auch häufiger prüfen – und damit ein kontinuierlicheres Bild der Leistungen gewinnen. Bisher funktionieren Tests ja oft wie Silvesterraketen: kurz hell, dann wieder weg – aber das ergibt kein gerechtes Bild, gerade für viele Schülerinnen und Schüler. Mehr Feedback und mehr Gerechtigkeit – das wäre ein echter Gewinn. Vor allem, wenn man sich als Lehrkraft als Lernbegleiterin versteht. Und ich glaube: Das tun die meisten Lehrkräfte, auch wenn Schülerinnen, Schüler oder Eltern das manchmal anders wahrnehmen.

Aber es gibt auch kritische Punkte. KI-gestützte Bewertung ist eben nur bei bestimmten Inhalten möglich – und auch nur auf eine bestimmte Weise. Denn was die Technik bewerten kann, muss operationalisierbar, messbar, sichtbar sein. Das bedeutet: Lernen und Prüfen in sehr kleinen Einheiten – und dabei besteht die Gefahr, dass das große Ganze verloren geht. Fragen nach Sinn, nach Transfer, nach Verbindung – all das ist zumindest in den meisten Apps nicht vorgesehen. Das könnte hinten runterfallen.

Und dann ist da noch ein dritter Punkt, den ich ziemlich wichtig finde: Die neue Transparenz. Sie hat Vorteile – aber sie hat eben auch eine Kehrseite. Theoretisch kann ich als Lehrkraft bei vielen Tools genau sehen, wer wie viel richtig hatte. Ich könnte sagen: 60 % der Klasse haben bei einer Aufgabe falsch gelegen – also erkläre ich es nochmal. Aber ich kann auch auf Knopfdruck sehen: Wer genau sind die 60 %? Ich sehe dann: Anna, Hans und Martin hatten besonders viele Fehler. Und ich kann mir mit einem Klick anzeigen lassen, wie Martin über das ganze Schuljahr hinweg abgeschnitten hat – vielleicht sehe ich, dass er nie über 50 % kommt.

Und dann? Vielleicht komme ich zu dem Schluss: Der passt nicht aufs Gymnasium. Selbst wenn ich als Lehrkraft sein Potenzial sehe und ihm die Bildungsempfehlung trotzdem geben will – ich glaube, in einer datenbasierten Gesellschaft fällt das schwer. Diese Rationalität wirkt stark. Auch privat: Mein Sohn nutzt eine App, die eigentlich harmlos ist – sie zeigt nur, wie sich die Noten entwickeln. Aber ich erinnere mich: Als ich selbst in der Schule war, habe ich Noten, die nicht unterschrieben werden mussten, meinen Eltern auch nicht immer gezeigt. Das war ein wichtiger Lerneffekt – wir mussten taktieren, mussten entscheiden, wann sagen wir was, damit es am Zeugnistag keinen Ärger gibt.

Diese neue Transparenz macht Schülerinnen und Schüler gläsern – und das ist ambivalent. Für alle: Für die Lernenden, für die Lehrkräfte, die vielleicht mehr Verantwortung oder mehr Selbstbewusstsein brauchen. Und insgesamt, glaube ich, sollten wir uns klar machen: Diese starke Produktorientierung in unserem Bildungssystem – sie hat jahrhundertelang funktioniert. Aber KI wirft jetzt ganz neue, ernste Fragen auf. Denn sie verstärkt diesen Fokus auf messbare Leistung – und blendet dabei vieles andere aus.


2 Kommentare zu “KI macht Schule | Interview mit Prof. Birte Platow

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    die Forderung, Künstliche Intelligenz in den Unterricht zu integrieren, ist inzwischen bildungspolitischer Konsens. Lehrkräfte sollen KI nicht nur thematisieren, sondern auch praktisch mit Schülerinnen einsetzen. Doch während die Erwartungen steigen, fehlt es an einer zentralen, datenschutzkonformen Lösung für die schulische Praxis.
    Mit dem Assistenten KAI steht Lehrkräften ein KI-Tool zur Verfügung – das ist ein erster Schritt. Aber: Wie sollen Schülerinnen KI nutzen, wenn es keine landesweit einheitliche, rechtssichere Plattform für sie gibt? Es kann nicht sein, dass jede Schule individuell nach Lösungen sucht, während gleichzeitig der Einsatz von KI gefordert wird. Das Land Sachsen muss hier Verantwortung übernehmen, wie es bei der Einführung von Bettermarks bereits geschehen ist.

    Ich fordere daher eine klare Stellungnahme:
    Wann wird eine datenschutzkonforme KI-Plattform für Schülerinnen bereitgestellt?
    Welche Standards und Rahmenbedingungen gelten für deren Nutzung?
    Wie unterstützt das Land die Schulen konkret bei der Einführung und Umsetzung?

    Die Lehrkräfte sind bereit, KI sinnvoll in den Unterricht zu integrieren. Jetzt ist das Land gefordert, die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen, und das zeitnah, verbindlich, rechtssicher und praxisnah.

    1. Liebe Frau Münster,

      vielen Dank für Ihre Gedanken. Eine Forderung des Landes, Künstliche Intelligenz einzusetzen, gibt es nicht. Wie die notwendige Auseinandersetzung mit generativer KI im Unterricht aussehen kann, was es zu beachten gibt und auch welche Neuerungen es in diesem schnelllebigen Feld gibt, ist unter mesax.de/ki zu finden. Die Informationsseite ist Lehrkräften und Schulen bekannt und wird fortlaufend aktualisiert.

      Herzliche Grüße
      Lynn Winkler

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