Der 9. November steht für die wechselvollen Wegmarken deutscher Geschichte – Teil 2

Der 9. November steht für die wechselvollen Wegmarken deutscher Geschichte – Teil 2

Im zweiten Teil sprechen wir mit Kultusminister Christian Piwarz über die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem 9. November.

Weshalb sollten sich Schülerinnen und Schüler mit dem 9. November auseinandersetzen bzw. was können Sie dabei lernen?

Der 9. November wird auch als Schicksalstag in der deutschen Geschichte bezeichnet. Auf diesen Tag fallen gleich mehrere Ereignisse, die großes Potenzial haben, über den Wert von Demokratie miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir haben es geschafft, eine Welt zu kreieren, in der Nachrichten in Sekundenschnelle von Minsk nach Montevideo gelangen. Und doch sind wir erschreckend gut darin, nicht mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die anders denken oder auf andere Erfahrungen zurückblicken als wir. Insofern ist der 9. November für mich ein geeigneter Anlass, das Gespräch mit eben jenen Menschen zu suchen, die Erfahrungen von außerhalb unseres Bewusstseins und unserer Lebenswelten mitbringen. Die deutsche Geschichte hat Traumata produziert, die innerhalb von Familien weitergereicht werden, ohne dass sie an die Öffentlichkeit geraten: Deshalb ist der 9. November auch ein Aufruf zu mehr Verständnis dafür, dass das Vergangene auch heute noch politisch ist und aufgearbeitet werden muss.

Welche Formate zur Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 9. November in der deutschen Geschichte eignen sich Ihrer Meinung nach?

Aus meiner Sicht bieten sich besonders Formate an, die einen direkten oder indirekten Erfahrungsaustausch mit Zeitzeugen ermöglichen. Dadurch wird Geschichte erlebbar. Im direkten Gespräch mit Zeitzeugen bekommen Schüler einen emotionalen Zugang zu konkreten Momenten der Geschichte. Der zweite Gesichtspunkt ergibt sich aus den methodischen Anforderungen, die mit der Durchführung eines Zeitzeugeninterviews verbunden sind: Wenn Kinder und Jugendliche im Geschichtsunterricht über Zeitzeugen ein historisches Geschehen, das in ihrem lokalen, regionalen oder familiären Umfeld stattgefunden hat, selbst recherchieren, so lernen sie schon fast automatisch, historisch zu denken.

In Zeiten, wo für bestimmte historische Momente keine lebenden Zeitzeugen mehr verfügbar sind, übernehmen Medien als Stellvertreter diese Rolle. Das können filmische oder schriftliche Dokumentationen früherer Interviews, künstlerische Übersetzungen der Geschichte durch szenische Lesungen, Theaterstücke, Romane, Gedichte, Filme oder Konzerte, wie zum Beispiel die Schülergesprächskonzerte der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie sein. Und natürlich dürfen wir auch den Wert von Besuchen außerschulischer Lernorte nicht vergessen. Es gibt also viele Möglichkeiten, einen emotionalen Zugang zur Geschichte zu ermöglichen.

Was haben Sie am 9. November 1989 gemacht? Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie realisierten, dass die Mauer offen ist?

Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern. Wir waren auf Klassenfahrt auf Burg Hohenstein. Am Morgen des 10. November kam einer unserer Betreuer und sagte, dass die Mauer offen sei. Wir haben das erst mal nicht geglaubt und haben dann den Vormittag vor dem Fernseher gesessen. Es war eine spannende Zeit, in der sich innerhalb kurzer Zeit viel geändert hat.

In diesem Jahr feierten wir das Jubiläum 30 Jahre deutsche Einheit. Was denken Sie: Sind wir inzwischen EIN Volk?

Ja, das sind wir. Wir haben zwar weiterhin unsere unterschiedlichen Biografien und Herkünfte, aber das gemeinsame Verständnis als ein Volk ist gewachsen. Insbesondere bei den Jüngeren ist das Ost und West weniger ein Thema – und das ist gut so. Aber an dieser Einheit müssen wir weiterarbeiten und die Unterschiedlichkeit – egal, ob Nord und Süd oder Ost und West annehmen und dafür aufmerksam bleiben.

Hinweis: Mit Schuljahresbeginn 2019/20 wurde durch das Landesamt für Schule und Bildung ein Modellprojekt zum Thema »Der 9. November in der deutschen Geschichte« an sächsischen Schulen gestartet. Dabei geht es um die Planung und Realisierung von Stadtführungen zu historischen Ereignissen, die mit dem 9. November in den Jahren 1918, 1938 und 1989 verbunden sind, welche von Schulen anderer Städte und Gemeinden im Freistaat Sachsen für den eigenen Ort adaptierbar sind. Interessierte Schulen können sich an die zuständige Koordinatorin für politische Bildung am Standort Leipzig, Ute Glathe, richten: Ute.Glathe@lasub.smk.sachsen.de.

Hier lesen Sie Teil 1.

Lynn Winkler, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

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