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Psychologie-Kurs am Gymnasium? Eine Dresdner Schule macht sich auf den Weg

Psychologie-Kurs am Gymnasium? Eine Dresdner Schule macht sich auf den Weg

Zurück am Ehrenfried-Walther-von-Tschirnhaus-Gymnasium Dresden. Zwei Jahre nach unserem letzten Besuch gibt es Neuigkeiten: Lehrerin Melanie Nitsch hat zusammen mit Schülerinnen und Schülern und der Unterstützung eines Psychologen einen Lehrplan für einen fächerverbindenden Psychologie-Kurs entwickelt.

Wir treffen Melanie Nitsch an einem sonnigen Dienstag. In wenigen Minuten klingelt es zur Stunde und der fächerverbindende Grundkurs »Verantwortung Mitwelt« beginnt. Rund 20 Abiturienten besuchen im aktuellen Schuljahr den Kurs. Heute werden sie über ihr aktuelles Projekt berichten: den Lehrplan für einen fächerübergreifenden Grundkurs »Pädagogik/Psychologie«. Den haben die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrer Lehrerin und Psychologe Dr. Frederik Haarig entwickelt – und darauf sind alle Beteiligten spürbar stolz.

Der Grundkurs startet mit einer Umfrage: »Mentale Erkrankung: Warst du je betroffen oder kennst du jemanden, der betroffen war oder ist?« Die Mehrheit der Kursteilnehmenden stimmt mit »Ja« ab. »Hast du dich in letzter Zeit gestresst oder erschöpft gefühlt?« und »Wie oft ist Schule für dein Empfinden von Stress und/oder Erschöpfung verantwortlich?« Auch diese beiden Fragen beantwortet der überwiegende Teil mit »Ja, oft.« Bereits der Einstieg in die Stunde zeigt, dass mentale Herausforderungen bei einem Großteil der Gymnasiasten eine Rolle spielen.

»Wir wünschen uns, dass das Thema mentale Gesundheit stärker in den Fokus der Gesellschaft und auch von Schule rückt – und dass wir unseren Schülerinnen und Schülern Strategien vermitteln, wie sie mit Stress besser umgehen und ihre Resilienz stärken können«, erklärt Nitsch das Ziel des geplanten Grundkurses.

So entsteht ein neuer Lehrplan

»Die Idee für das Projekt zur Stärkung der mentalen Gesundheit ist auf zwei Ebenen entstanden. Einerseits habe ich selbst Erfahrung mit mentaler Erkrankung sammeln müssen und dabei reflektiert, wie wenig Wissen ich in meiner Zeit des Heranwachsens darüber sammeln konnte. Daraus entwickelte sich der Wunsch, Schule als einen Ort zu gestalten, an dem Jugendliche für diese Herausforderungen, die immerhin ein Viertel aller Menschen irgendwann einmal treffen können, gestärkt werden können«, erinnert sich Melanie Nitsch an die Anfänge. »Gleichzeitig möchte ich als Lehrerin offen mit dem Thema umgehen. Zum einen, um Stigmatisierung entgegenzuwirken. Erst, wenn wir alle selbstverständlich über diese Herausforderungen sprechen, treten sie in die Mitte der Gesellschaft. Zum anderen möchte ich mit dem Thematisieren Schülerinnen und Schülern eine Möglichkeit bieten, mich darauf ansprechen zu können. Ich bin überzeugt: Wenn eine Lehrkraft selbst offen damit umgeht, ist es für Heranwachsende leichter, sich ohne Scham anzuvertrauen.«

Im fächerverbindenden Grundkurs »Verantwortung Mitwelt« lernen die Gymnasiasten für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. »In der Klassenstufe 12 setzen wir uns das Ziel, innerhalb eines durch die Schülerinnen und Schüler gewählten Projekts die Welt im Kleinen ein Stück besser zu machen. Ich schlug unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Thema ›Stärkung der mentalen Gesundheit an Schulen‹ vor. Die Schilderungen von Betroffenheit haben mich tief berührt und gezeigt, wie groß der Bedarf ist, darüber zu sprechen«, erläutert die Lehrerin.

Im Unterricht: Von der ersten Idee zur Umsetzung

»Unser Projekt lief über circa ein Jahr und beinhaltete im Groben: eine Bedarfsanalyse, die Entwicklung von Vorschlägen und nun in diesem Schuljahr die Umsetzung der Ideen«, gibt Nitsch einen Überblick. »In einem ersten Schritt wurden die Schülerinnen und Schüler in den Grundlagen der Psychologie/Resilienzförderung geschult. Dafür haben wir uns Expertenunterstützung von Psychologe Dr. Frederik Haarig geholt. In drei Workshops erhielten unsere Kursteilnehmenden einen Einblick in die Definitionen von psychischer Gesundheit, Resilienz, Achtsamkeit und den Umgang mit Stress. Im Anschluss untersuchten wir, was unsere Schule bereits im Bereich der Stärkung der mentalen Gesundheit umsetzt.«

Konkret hat der Kurs alle Ebenen der Schule untersucht:

  • Lehren und Lernen (Alles rund um Unterricht)
  • Präventionsangebote (Präventionstage/Fit in die Oberstufe)
  • Schulkultur (GTA, Schulklima)
  • Management und Führung (Lehrkräfte und Schulleitung)
  • Kooperationen (Außenpartner)
  • Elternarbeit (Elternabende)

Innerhalb dieser Bereiche haben die Schülerinnen und Schüler anschließend konkrete Ideen entwickelt, wie die Stärkung der mentalen Gesundheit dort einfließen kann.

»Zum Beispiel wünschen sich die Schülerinnen und Schüler, dass Notendurchschnitte nicht vor allen gezeigt werden. Der soziale Vergleich sollte keine Rolle spielen, vielmehr soll darauf eingegangen werden, wie sich die- bzw. derjenige weiterentwickelt hat, also wie die Leistung im Vergleich zum vorangegangenen Test aussieht.«

Die erarbeiteten Vorschläge wurden dann mit Dr. Frederik Haarig diskutiert, abgeglichen und in Projektform abgegeben. In einer Klausur mussten alle Schülerinnen und Schüler die eigenen Ideen reflektieren und ihre Umsetzungsmöglichkeiten beurteilen. »Das bedeutendste Ergebnis ist der Wunsch nach einem Grundkurs Psychologie, den wir gerade umsetzen«, freut sich Nitsch.

»Positive Effekte der Erarbeitung waren zudem, dass wir unsere Schülerinnen und Schüler und deren Wünsche und Anregungen für Schule besser kennenlernen konnten.«

Wie geht es weiter?

Alle Ideen haben Melanie Nitsch und Kursteilnehmende inzwischen der Schulleitung und dem Kollegium präsentiert und zur Umsetzung vorgeschlagen. »Zeitgleich verwendet Dr. Frederik Haarig die Ergebnisse, um sie auf dem Landespräventionstag vorzustellen und somit eine Anregung zu bieten, die von ›der Zielgruppe‹ selbst erarbeitet wurde«, berichtet Nitsch stolz.

»Die Idee des Grundkurses ›Pädagogik/Psychologie‹ ist zusammen mit dem Nachfolgerkurs ›Verantwortung Mitwelt‹ der aktuellen Klassenstufe 11 bereits umgesetzt worden. Neben den Gymnasiasten und Melanie Nitsch haben daran auch die Lehrerinnen Frau Rauch und Frau Illgen mitgewirkt. Nun fehlt nur noch die offizielle Genehmigung des Landesamtes für Schule und Bildung für unseren Lehrplan, damit der Kurs ab 2026/27 unterrichtet werden kann. Wir hoffen, dass das klappt.«

… und was wünschen sich die Schülerinnen und Schüler von dem neuen Grundkurs?

Siri: »Mein Wunsch ist, dass zukünftige Schülerinnen und Schüler lernen, Emotionen und Erlebnisse besser einordnen zu können und damit mentale Gesundheit entstigmatisiert wird. Ich hoffe, dass ein größeres Bewusstsein für Betroffene entsteht und dass mentale Gesundheit ein Grundbestandteil jeder schulischen Ausbildung wird.«

Lea: »Ich hoffe, dass wir lernen, mit Stress und Emotionen besser umgehen zu können – und wir empathischer gegenüber Schülerinnen und Schülern sein können, die mit psychischen Belastungen zu kämpfen haben.«

Ella: »Ich wünsche mir, dass Schule ein Ort wird, an dem man lernt zu lernen und sein volles Potenzial auszuschöpfen, ohne sich selbst dabei aus den Augen zu verlieren. Ich hoffe auf mehr Balance und dadurch auf mehr Selbstvertrauen.«

Zoe: »Ich hoffe, dass der Lehrplan umgesetzt wird, denn hier steckt sehr viel Mühe und Arbeit drin und es ist ein wichtiges Thema. Außerdem wünsche ich mir, dass andere zukünftig besser mit dem Thema umgehen können.«

»Wir wollen uns mit anderen Schulen austauschen!«

»Wir möchten sehr gern von anderen Schulen lernen und gleichzeitig auch eine Inspiration für andere sein. An allen Schulen entwickeln Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer viele kleine Projekte, über die wir uns viel öfter austauschen sollten, um miteinander und voneinander zu lernen«, appelliert Melanie Nitsch und ergänzt: »Nach dem ersten Besuch des Kultusministeriums 2023 haben wir Kontakte zu anderen Schulen geknüpft, mit denen wir uns zum Thema austauschen konnten – was uns sehr gefreut und unsere Projekte befruchtet hat.«

Das ist Melanie Nitsch

Melanie Nitsch unterrichtet am Dresdener Ehrenfried-Walther-von-Tschirnhaus-Gymnasium die Fächer Deutsch und Geschichte und ist Fachleiterin im Bereich Profil und politische Bildung.

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