Jeden Montag tauschen Siebtklässlerinnen und Siebtklässler der Oberschule Markranstädt das Klassenzimmer gegen die »Kleine Farm«. Sie bauen, kochen, gestalten und verbinden dort Inhalte verschiedener Fächer. Seit dem Schuljahr 2025/26 bringt die Schule das bestehende Format in die Erprobung des Vernetzten Unterrichts ein – eine Maßnahme der Strategie »Bildungsland Sachsen 2030«. Ein Besuch zeigt, wie die Schule nach eigenen Wegen für das neue Unterrichtsformat sucht.
Text: Antje Tatter; Fotos: Uwe Meinhold
»Es kann sein, dass alles schiefgeht.« Zehn Jungen und Mädchen sitzen an diesem Montagmorgen auf Holzbänken mitten im Grünen und hören Ines Bornträger zu. Vielleicht, sagt sie, brenne die Pizza an. Vielleicht brauche es mehrere Versuche. Zutaten hat sie vorsichtshalber genug eingekauft. »Das ist für uns alle ein Lernprozess. Aber das kriegen wir schon hin.«



Die zehn Jugendlichen sind Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse der Oberschule Markranstädt. Wie jeden Montag haben sie ihr Klassenzimmer gegen einen Lernort im Grünen getauscht: gegen die »Kleine Farm«. Gemeinsam mit Ines Bornträger vom Verein Richtungswechsel, der die Farm am südlichen Stadtrand von Markranstädt betreibt, und ihrem Lehrer Nils Elter starten sie hier in ihren Schultag.
Heute ist ein besonderer Montag. In den Monaten zuvor haben die Schülerinnen und Schüler auf der Farm einen Pizzaofen gebaut. Nun soll er zum ersten Mal angefeuert werden. Dennis ist an diesem Morgen für das Feuer zuständig. Rund 300 Grad muss der Ofen erreichen. Ob es heiß genug ist, verrät der Ruß am Gewölbe: Ist er verschwunden, kann die Glut zur Seite geschoben und die Steinfläche für die erste Pizza vorbereitet werden.
Von der Farm zum vernetzten Unterricht
Seit vier Jahren verbringt die jeweilige 7. Klasse der Oberschule Markranstädt ein Schuljahr lang jeden Montag hier. Seit dem Schuljahr 2025/26 ist das Format zugleich Teil eines größeren Entwicklungsprozesses. Die Oberschule Markranstädt ist eine von 31 sächsischen Schulen, die sich an der freiwilligen zweijährigen Erprobungsphase des Vernetzten Unterrichts beteiligen. Während andere Schulen dafür neue Formate entwickeln, knüpft die Oberschule Markranstädt an das bestehende Konzept an und erprobt, wie sich dieser im Sinne des Vernetzten Unterrichts weiterentwickeln lässt.

Der Vernetzte Unterricht ist eine Maßnahme der Strategie »Bildungsland Sachsen 2030«. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler darin zu stärken, Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und Wissen aus verschiedenen Fachbereichen miteinander zu verbinden. Anders als beim bereits etablierten fachübergreifenden oder fächerverbindenden Lernen, werden dafür Lernziele verschiedener Fächer verbindlich miteinander verknüpft. Während der zweijährigen Erprobungsphase entwickeln und erproben die teilnehmenden Schulen konkrete Umsetzungsmöglichkeiten. Ihre Erfahrungen sollen anschließend in einen Leitfaden zur Entwicklung des Vernetzten Unterrichts an anderen Schulen einfließen.
Was Mathe mit Pizzateig zu tun hat
Platz dafür bietet die Farm reichlich. Zwischen Wiesen, Bäumen und Gehegen leben Minischweine, Hasen, Ziegen, Hühner und Alpakas. Das Gelände ist Streichelzoo, Parkanlage, Spielplatz und grünes Klassenzimmer zugleich. Montags arbeiten die Teenager in verschiedenen Gruppen, die regelmäßig wechseln. So übernimmt jede und jeder im Laufe der Zeit unterschiedliche Aufgaben.
An diesem Montag bereitet ein Team den Pizzateig vor und rechnet die benötigten Mengen hoch – hier verbinden sich Inhalte aus Wirtschaft-Technik-Haushalt (WTH) und Mathematik. Das Kreativteam nimmt sich einen Bereich vor, der bislang als Hühnergehege genutzt wurde und neu gestaltet werden soll. Die Jugendlichen machen zunächst eine Bestandsaufnahme und dürfen dann bewusst kreativ werden: Was könnte hier entstehen? Für wen soll der neue Bereich gedacht sein? Ihre Ideen können sie zeichnen oder schriftlich festhalten. Hier fließen unter anderem Inhalte aus dem Kunstunterricht ein.
Ein paar Meter weiter entstehen aus alten Paletten neue Sitzmöbel für einen Lounge-Bereich im Grünen. Victor hat an diesem Morgen eine besondere Rolle. »Du bist heute das Hirn, der Planer«, erklärt Lehrer Nils Elter und macht ihn zum Chef der kleinen Truppe. Seine Nagelpistole hat Elter extra von zu Hause mitgebracht. Er zeigt den Jugendlichen, wie sie den Anschlagwinkel setzen müssen, und erinnert an das Gelernte im Mathematikunterricht: 90 Grad.


Bald bestimmen Sägen und Hämmern neben den Geräuschen der Natur die Kulisse auf der Farm. Die Jungen arbeiten konzentriert und sind dabei ganz in ihre Aufgabe vertieft. Ob sie sich vorstellen können, später einmal beruflich mit Werkzeug zu arbeiten? »Hm, ja«, brummen sie. Und macht ihnen die Arbeit hier Spaß? »Ja, ist besser als Schule«, sagt einer.
»Wir können was Großes bauen«
Die Arbeit auf der Farm ist zugleich einer der ersten Schritte in der Berufsorientierung. Noch geht es nicht darum, sich für einen Beruf zu entscheiden. Die Jugendlichen sollen zunächst ganz niedrigschwellig unterschiedliche Tätigkeiten ausprobieren und dabei ein Gefühl dafür entwickeln, was ihnen liegt und welche Richtung zu ihnen passen könnte. Schulleiterin Christiane Nestler, die an diesem Montag eine Kollegin auf der Farm vertritt, beschreibt es so: »Was liegt mir? Bin ich ein Teamplayer? Bin ich bereit, bei jedem Wetter rauszugehen? Bin ich handwerklich begabt, oder haue ich mir eher auf den Daumen? Möchte ich vielleicht etwas im sozialen Bereich machen?« Auch dafür gibt es auf der Farm Gelegenheit: Wenn Kindergartengruppen zu Besuch sind, betreuen die Schülerinnen und Schüler die jüngeren Kinder mit.





Fabienne hat in den vergangenen Monaten schon einiges ausprobiert. Sie hat Bänke und einen Grill gebaut, sich um die Ziegen gekümmert und mit verschiedenen Werkzeugen gearbeitet. Am meisten Spaß gemacht habe ihr bisher das Schrauben an den Bänken, erzählt sie. An diesem Tag gehört sie zum Kreativteam, das Ideen für die Neugestaltung des ehemaligen Hühnergeheges entwickelt.
Dass sie die Montage auf der Farm mag, hat für Fabienne viel damit zu tun, wie sie hier arbeiten kann: draußen sein, sich bewegen, handwerklich arbeiten. »Wir können mit verschiedenen Maschinen arbeiten und auch Sachen machen, die wir in der Schule nicht machen können«, sagt sie. Zum Beispiel »was Großes bauen.«
Zu erleben, dass am Ende tatsächlich etwas entsteht, ist für Schulleiterin Nestler ein wichtiger Teil der Arbeit auf der Farm. Die Jugendlichen sollen erfahren, dass sie selbst etwas bewirken können. Gleichzeitig lernen sie, mit anderen zusammenzuarbeiten, ihren Platz im Team zu finden und Aufgaben eigenständig anzugehen. Welche Inhalte und Aufgaben dafür auf der Farm geeignet sind, plant Nestler gemeinsam mit Ines Bornträger. Die beiden treffen sich regelmäßig zur Abstimmung.
Für Nestler reicht die Wirkung des Formats jedoch noch weiter. Die Oberschule Markranstädt steht auch vor der Aufgabe, Absentismus vorzubeugen und Jugendliche immer wieder für das Lernen zu gewinnen. Einer der größten Erfolge sei für sie deshalb ganz unmittelbar zu beobachten: dass die Schülerinnen und Schüler montags auf die Farm kommen und mit Freude mitmachen.

Unterricht mit klaren Regeln
Vernetzter Unterricht ist regulärer Unterricht. Er wird im Stundenplan ausgewiesen, findet über das gesamte Schuljahr statt und umfasst mindestens zwei, maximal sechs Unterrichtsstunden pro Woche und Klasse. Auch die Leistungen der Schülerinnen und Schüler werden bewertet. Welche Leistungsermittlungen dafür genutzt werden, legen die beteiligten Lehrkräfte bei der Planung fest. Neben den Ergebnissen kann auch der Lern- und Arbeitsprozess in den Blick genommen werden.
Dass auch Unterricht auf der Farm klare Erwartungen an die Jugendlichen stellt, macht Nils Elter schon am Morgen deutlich. Der Lehrer kündigt an, genau hinzuschauen, wie sich die Schülerinnen und Schüler in die Arbeit einbringen.
Wie Vernetzter Unterricht konkret aussehen kann, ist bewusst noch nicht abschließend festgelegt. Die 31 Schulen der Erprobungsphase suchen dafür vielfältige Wege und werden dabei begleitet. »Wir sind mit einer Konzeption und bestimmten Rahmenbedingungen gestartet und schauen jetzt gemeinsam mit den Schulen, wie sich das umsetzen lässt«, sagt Anna-Maria Feig, die im Sächsischen Staatsministerium für Kultus die Erprobungsphase mit betreut.
Viele Schulen, unterschiedliche Wege
Das Modell der Oberschule Markranstädt soll keine Blaupause für andere Schulen sein, sondern einen möglichen Weg aufzeigen, den Vernetzten Unterricht zu entwickeln.
In der Erprobungsphase geht es darum, herauszufinden, welche Lehrplaninhalte und -ziele sich sinnvoll miteinander verbinden lassen und welche organisatorischen Lösungen sich in der Praxis bewähren. Die Erfahrungen der Schulen fließen in die weitere Konzeption ein und sollen künftig auch in Form von Planungsbeispielen Orientierung bieten.
Wer sich bereits jetzt auf den Weg machen möchte, muss weder Teil der Erprobungsphase sein noch über einen außerschulischen Lernort wie die »Kleine Farm« verfügen. Schulen können Vernetzten Unterricht im Rahmen der bestehenden Konzeption bereits umsetzen. »Jede Schule kann sich auf den Weg machen«, sagt Feig. Ein erster Schritt könne etwa sein, im Kollegium ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und zu überlegen: Welche Fächervernetzung passt zu unserer Schule? Welche Möglichkeiten haben wir bereits, Lernziele zu verbinden, welche Partner vielleicht auch? Dabei müsse Vernetzter Unterricht nicht gleich in diesem Umfang gedacht werden wie an der Oberschule Markranstädt. Schulen könnten auch in kleinem Stundenumfang beginnen.
Auf der Farm steht unterdessen die Premiere an. Bevor die erste Pizza in den Ofen kommt, ist Nils Elter an der Reihe. Zwölf Stunden lang hat der Lehrer einen Sauerteig gehen lassen. Mit einem Brot soll der neue Ofen eingeweiht werden. Das, sagt Elter, soll Glück bringen.



Das Brot gelingt. Und auch die Sorge vom Morgen, die Pizza könne anbrennen, ist unbegründet. Dennis hat den Ofen auf die richtige Temperatur gebracht, das Küchenteam die Pizzen vorbereitet. Jetzt sitzen die Schülerinnen und Schüler, Lehrer Nils Elter, Ines Bornträger und Schulleiterin Christiane Nestler gemeinsam auf den Bänken im Grünen, zwischen den neuen Lounge-Möbeln und dem Hasengehege. Sie essen die Pizza, für die an diesem Montag viele Hände gearbeitet haben.
Eine virtuelle Pinnwand bündelt alle Informationen, Materialien und den aktuellen Stand der Konzeption zum Vernetzten Unterricht. Sie wird im Verlauf der Erprobung gemeinsam mit den Schulen fortgeschrieben.
