Herzlich willkommen an der »schönsten Schule der Welt«! Nicht nur Schülersprecherin Josi ist von der »Alten Reusaer Schule«, Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung begeistert. Weshalb? Zeigen wir heute.
Die Sonne bahnt sich langsam ihren Weg durch die letzten Wolken und die ersten Herbstblätter fallen, als wir in der Spitzen-Stadt Plauen die »Alte Reusaer Schule« betreten. Gleich fällt auf: Im Schulhaus ist es ganz ruhig. Eher ungewöhnlich für ein Förderzentrum mit sozial-emotionalem Förderbedarf – möchte mancher meinen. Doch das ist hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Empfangen werden wir von der guten Seele des Hauses: Sekretärin Stephanie Schädlich. Sie »übergibt« uns an Schulleiter Frank Ettrich, der uns direkt mit unter das Dach des Förderzentrums zu Stellvertreterin Sandra Lenk – und einem atemberaubenden Blick über die vogtländische Stadt – nimmt.
Seit 2017 arbeitet Ettrich hier als Schulleiter, Lenk seit 2008 als Stellvertreterin. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Die beiden sind ein eingespieltes Team mit Herz. »Wir können uns blind aufeinander verlassen.«
»Es macht riesigen Spaß mit den Kindern zu arbeiten – die Kinder haben es verdient! Es ist eine wunderbare Sache, dass unsere Schülerinnen und Schüler hier an sich glauben können. Dass wir sie bestärken, dass sie ihre Kompetenzen erweitern können und dass sie ein Teil unserer Gesellschaft sind – nicht nur am Rand, sondern mittendrin«, betont der Schulleiter sichtbar überzeugt.





Was bedeutet der Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung?
»Wir unterrichten hier Schülerinnen und Schüler, die in ihrem Verhalten auffällig sind. Das heißt: Sie zeigen aggressives oder ängstliches Verhalten, sie haben Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, aber auch Kinder, die in ihrem sozialen Erleben beeinträchtigt sind – etwa infolge von Traumata und Misshandlungen«, erklärt Lenk.
»In diesem Jahr gibt es bei uns sogar zwei Klassen, die einen doppelten Förderschwerpunkt aufweisen – nicht nur sozial-emotionale Entwicklung, sondern sie haben zusätzlich Förderbedarf im Bereich Lernen.«

Um dem Förderbedarf gerecht zu werden, unterrichtet die Schule in der Regel im Zwei-Pädagogen-System. Das heißt: Im Unterricht gibt es eine Lehrkraft und eine pädagogische Fachkraft. Außerdem werden Klassen mit maximal zehn Kindern (ab Klasse 5 mit höchstens 12 Kindern) gebildet.
»Wir sind eine Durchgangsschule. Das heißt: Die Kinder bekommen nach erfolgreicher Förderung bei uns die Chance, wieder an ihre Regelschule zurückzukehren«, erklärt Ettrich weiter und ergänzt: »In unserem Kollegium arbeiten 30 Lehrkräfte und fast alle verfügen über eine sonderpädagogische Ausbildung – das ist nicht der Regelfall, aber ein großes Geschenk für die Kinder. Außerdem haben wir hier ein Team, auf das wir zählen können. In unserem Arbeitsalltag haben wir es mit schweren Schicksalen zu tun, das geht nicht spurlos vorbei – doch wir können uns aufeinander verlassen, unterstützen uns gegenseitig und das hilft, die Herausforderungen zu bewältigen.«
Das besondere Entwicklungspädagogik-Programm
Um den besonderen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden und um sie optimal zu fördern, arbeitet die Schule seit 1999 nach einem speziellen pädagogischen Programm, der »Entwicklungstherapie/Entwicklungspädagogik« – kurz ETEP. »Unsere Schule arbeitet mit dem Institut für Entwicklungstherapie/Entwicklungspädagogik e. V. zusammen.«
Das Konzept wurde in den 70er Jahren von Prof. Mary Wood entwickelt. Seit Anfang der 90er Jahre wurde das Modell in Deutschland modifiziert und in der Praxis erprobt.
Ziel der Entwicklungspädagogik ist die Förderung der sozial-emotionalen Fähigkeiten und die schnellstmögliche vollständige Reintegration der Schülerinnen und Schüler.
»Unsere Kinder brauchen Struktur«
Die Klassenzimmer der Schule sind entsprechend des Entwicklungspädagogischen Konzepts konzipiert, das heißt: Es gibt im vorderen Bereich immer einen Lernbereich, der ausschließlich zum Lernen genutzt wird. Es gibt einen Spielbereich und einen Bereich für das gemeinsame Frühstück, einen Essbereich. »Unseren Kindern bietet das eine immer wiederkehrende Struktur, an der sie sich orientieren können, die ihnen Sicherheit gibt – die sie brauchen.«
»Das Frühstück wird bei uns von den pädagogischen Fachkräften eingekauft und vorbereitet, zum Teil gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern. Das gemeinsame Frühstück ist ein zentrales Element des Entwicklungspädagogischen Konzepts. Unsere Kinder sitzen gemeinsam am Tisch, essen gemeinsam, alle bekommen etwas zu essen und alle das gleiche Essen – das soll natürlich auch immer eine gesunde Kost sein. Wir trainieren damit soziale und viele andere Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schüler im familiären Bereich nicht erleben können«, erklärt Sandra Lenk.
Hier gibt es versetzte und gewaltfreie Pausen
»Unser Außengelände ist sehr groß, denn wir brauchen ausreichend Raum für Bewegung. Unsere Schülerinnen und Schüler haben einen sehr großen Bewegungsdrang, oft eine hohe motorische Unruhe und müssen sich in den Pausen entsprechend auspowern. Dafür steht ein Sportplatz zur Verfügung, verschiedene Spielgeräte bis hin zur Tischtennisplatte. Außerdem gibt es unser grünes Klassenzimmer, damit wir auch im Freien unterrichten können«, berichtet die Stellvertreterin.



Eine weitere Besonderheit am Förderzentrum sind die versetzten Pausen: »Wir sind flexibel, was den Start in die Pausen bzw. den Unterricht angeht. Die Kinder bestimmen ein Stück weit mit. Durch ihren Förderschwerpunkt haben sie ganz andere ›Befindlichkeiten‹. Wenn wir im Unterricht merken, dass die Konzentration nachlässt, dann ist eben die Hofpause fünf Minuten länger. Wir geben ihnen Raum, um sich auszutoben und Kraft für den Unterricht zu sammeln. Es hängt von der Tagesform der Kinder ab, denn sie stehen im Vordergrund – und manchmal sind 30 Minuten Unterricht sinnvoller als 45«, erläutert Frank Ettrich.
»Für uns ist es auch sehr wichtig, dass wir für gewaltfreie Pausen sorgen. Unsere Kinder kennen manchmal nur die Möglichkeit, mithilfe von Gewalt Probleme zu lösen. Es gibt bei uns klare Regeln und Rahmenbedingungen: Damit haben sie eine gute Orientierung, an ihrem Verhalten zu arbeiten und nach alternativen Handlungen zu suchen und Konflikte zu lösen. Nach den Pausen findet zudem auch eine Verhaltensauswertung statt. Gewalttätige Vorfälle sind bei uns die absolute Ausnahme – was man nicht unbedingt bei dem Förderschwerpunkt erwarten kann und es macht uns umso mehr stolz, sagen zu können: Unsere Kinder können das.«
Zwei Schulstandorte
Die »Alte Reusaer Schule«, Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt für emotionale und soziale Entwicklung, unter der Trägerschaft des Vogtlandkreises, wurde 1990 gegründet. »An unserer Einrichtung werden bis zu 100 Schülerinnen und Schüler in den Klassenstufen 1 bis 6 von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften unterrichtet und gefördert«, erzählt der Schulleiter. Das Einzugsgebiet reicht von der Stadt Plauen bis in den gesamten Vogtlandkreis. »Das sind mitunter lange Anfahrtswege für die Lernenden. Deshalb freuen wir uns, dass seit Mitte August 2025 einige Klassen, insgesamt 35 Kinder, an einem zweiten Schulstandort im etwa 30 Minuten entfernten Falkenstein unterrichtet werden können.«
Ettrich fügt hinzu: »Im Schuljahr 2024/25 wurde das rechte Gebäude unserer Schule saniert und auf den neusten Stand gebracht. Die Kinder haben jetzt nicht nur bessere Lernbedingungen, sondern endlich auch ordentliche hygienische Bedingung – die Toilettenräume sind nun in einem modernen Zustand. Das freut uns sehr.«
»Ich würde nichts anderes mehr machen wollen«
Gute pädagogische Arbeit steht und fällt mit den Menschen, die dafür arbeiten – und an der Plauener Schule haben sich definitiv die richtigen gefunden.

Sekretärin Stephanie Schädlich ist seit sechs Jahren an Bord: »Ich mag alles, denn unsere Schule ist anders: ob das die Lehrer sind, die Kinder, die Schulleitung oder ob ich das bin. Das macht uns aus, dass wir hier als Team gut zusammenarbeiten und deshalb komme ich gern jeden Tag auf Arbeit. Zu meinen Aufgaben gehört zum Beispiel Erste Hilfe, das Kopierkontingent verwalten, Haushaltsgelder verwalten – hauptsächlich bin ich aber für die Schülerinnen und Schüler da. Ich würde nichts anderes mehr machen wollen.«
Seit 20 Jahren ist Lehrer Oliver Forbriger an der Schule: »Es ist genau das, was ich machen möchte. Ich schätze meinen Beruf, weil er herausfordernd ist. Wir unterstützen die Kinder und versuchen sie in ihrer Entwicklung voranzubringen. Ich arbeite gern mit ihnen zusammen. Es macht mir Freude, sie zu unterstützen, sie zu loben, etwa für ein gutes Verhalten, eine gute Sache – das sind die schönsten Momente. Für diesen Job braucht es Energie, Motivation und man muss gut mit seinen Kräften haushalten – das heißt: über die Arbeit hier, die sehr intensiv ist, muss man sich einen Ausgleich im Privatleben schaffen.«
Außerdem ist er als Fachberater tätig: »In meiner Rolle als Fachberater unterstütze ich andere Lehrkräfte an Regelschulen, zum Beispiel wenn Unsicherheiten im rechtlichen Rahmen bestehen oder bei Fragen wie: Was ist die beste Schule für die Kinder? Was sind konkrete Maßnahmen, mit denen wir die Kinder besser fördern können? Wie können wir sie besser in das Setting einer normalen Schule inkludieren? Dazu gibt es viele gute Maßnahmen, die ich vorschlagen kann.
Fachleiter, Klassen- und Sportlehrer Christian Giebson unterrichtet bereits 24 Jahre am Förderzentrum: »Am Anfang war ich einer der Jüngsten, jetzt gehöre ich zu den älteren Kollegen – und ich unterrichte immer noch gern hier. Wir haben eine kleine, aber feine Sporthalle. Neben der sportlichen Betätigung legen wir viel Wert auf Fairness. Das lernen die Kinder beispielsweise auch in regionalen und überregionalen Wettkämpfen, an denen wir teilnehmen. Dazu gehört etwa Fußball, Schwimmen und Leichtathletik. Das macht mir Spaß und ich freue mich, wenn wir die Kinder am Ende ihrer Zeit und erfolgreichen Förderung bei uns mit gutem Gewissen an die weiterführenden Schulen geben können.«
Auch der Hausmeister Marcus Haller ist ein wichtiger Ankerpunkt für die Kinder. »Er lebt ihnen richtiges Verhalten vor: Er ist fleißig und hat Verständnis für die Kinder«, freut sich Frank Ettrich.



Noch mehr?
Einmal im Monat finden am Förderzentrum Fallbesprechungen mit den Lehrerinnen und Lehrern der Grund- und Oberschule sowie den pädagogischen Fachkräften statt. »Das ist nicht nur ein wichtiger Baustein, um uns die Entwicklung der Kinder anzuschauen und entsprechende Maßnahmen abzuleiten. Unsere Lehrkräfte wechseln dabei auch die Perspektive. Ein Schülerfall wird dargelegt und eine Lehrerin oder ein Lehrer, der das Kind nicht im Unterricht hat, gibt ihre bzw. seine neutrale Einschätzung dazu«, berichtet der Schulleiter. »Das dauert maximal 30 Minuten. Unsere Arbeit hier ist fordernd. Deshalb wollen wir unsere Ressourcen bedacht einsetzten. Aus diesem Grund dauern zum Beispiel auch unsere Dienstberatungen maximal 30 bis 45 Minuten. Diejenigen, die nicht vor Ort dabei sein können, nehmen digital teil. Ich habe großes Vertrauen in meine Kolleginnen und Kollegen und möchte ihnen deshalb den Freiraum geben, den sie für ihre Arbeit brauchen. Wenn es Fragen oder Probleme gibt, habe ich jederzeit ein offenes Ohr – meine Tür steht immer offen. Wir legen den Fokus auf die Arbeit mit den Kindern, alles andere ergibt sich darum herum.«
Noch mehr über das Förderzentrum gibt es auf der Webseite: foerderzentrum-reusa.de
