Schule kann nicht alles reparieren, was zu Hause schief läuft

Schule kann nicht alles reparieren, was zu Hause schief läuft

Nirgendwo in Sachsen haben so viele Kinder eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium erhalten wie an der Grundschule 5 im Leipziger Waldstraßenviertel. In diesem Jahr waren es 93% der Viertklässler und damit doppelt so viele wie im sächsischen Durchschnitt. Das Viertel zählt zu den wohlhabenden Gegenden der Stadt. Spätestens seit PISA wissen Bildungsforscher, dass das Kind eines Professors eine dreimal größere Chance hat, aufs Gymnasium zu gehen, als das einer Verkäuferin. Ist das nun Schicksal? Wir haben Wissenschaftler, Lehrer und Ärzte gefragt, welchen Einfluss die Schule denn überhaupt noch dabei hat.

Schon vor der Schule gibt es gravierende Unterschiede

Die Entwicklungsunterschiede der Kinder haben zugenommen. Bei den Schuleingangsuntersuchungen können manche Kinder kaum einen Stift halten, während andere bereits lesen und zwei Fremdsprachen beherrschen würden, sagt Elke Siegert, Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes in Dresden. Sie spricht von gravierenden Unterschieden in der Entwicklung von ein bis zwei Jahren. Gründe dafür gibt es viele – zum Beispiel gesundheitliche oder psychosoziale. Ein anderer ist die soziale Herkunft.

Kann Schule alle Defizite ausgleichen?

Uta Diensbir leitet die Grundschule in Thalheim – eine Stützpunktschule für Schüler mit Lese- und Rechtschreibschwäche. Trotz aller Anstrengungen könne die Schule nicht alle Defizite in der Entwicklung ausgleichen, so die Schulleiterin. Diese Auffassung teilt auch Axel Gehrmann, Professor für empirische Unterrichtsforschung an der TU Dresden. „Alle Entwicklungsrückstände könnten die Lehrer gar nicht kompensieren“, sagt er. Pädagogen sollten aber besser ausgebildet werden, damit sie Potenziale noch besser erkennen. Denn benachteiligte Kinder bräuchten  eine gezielte Förderung unter Gleichaltrigen. Dafür fordert er eine gerechtere Verteilung der Ressourcen, nämlich dorthin wo besonders viel Förderbedarf besteht. Laut kommunalem Bildungsbericht seien das die sozialen Brennpunkte der Großstädte und auch der ländliche Raum.

„Alle Entwicklungsrückstände können die Lehrer gar nicht kompensieren“ 

Axel Gehrmann, Professor für empirische Unterrichtsforschung

Welche Rolle spielen die Eltern?

Auch Prof. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater, vertritt die Auffassung, dass Kita und Schule nicht allein die Erziehung übernehmen können. Die Eltern seien ihren Kindern emotional am nächsten. Neben Vertrauen bräuchten Kinder Struktur, Orientierung und Sicherheit. Doch eine Aufgabe sieht er auch für die Zuständigen in Ministerien und Politik: So müsse künftig die Ausbildung der Pädagogen auch die zunehmende Zahl der Kinder mit Problemen und Verhaltensauffälligkeiten berücksichtigen. Mit diesen Kindern würden Erzieher und Lehrer derzeit oft allein gelassen.

„Die Eltern sind ihren Kindern emotional am nächsten.“  

Prof. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater

Und was brauchen Kinder für eine erfolgreiche Zukunft?

Die ersten Jahre des Lebens sind Schicksalsjahre, sagen Entwicklungspsychologen. In dieser Zeit bilden sich die meisten Nervenverbindungen. „Kinder brauchen ihr Nest – ein liebevolles und zuverlässiges Zuhause, eine ausgewogene Umgebung ohne Reizüberflutung, spielerische Übungen zum Wahrnehmen auf allen Sinnes- und Entwicklungsgebieten sowie positive Motivation, bisher schlecht entwickelte Bereiche weiter zu entwickeln“, so Elke Siegert. Und auch später profitieren Kinder, wenn Eltern an ihrer Bildung interessiert sind. Zum Schluss ein Fakt, der nachdenklich macht: Im Gegensatz zu Akademikereltern sehen Eltern aus sozial schwachen Stadtteilen den Wechsel auf das Gymnasium kritisch. Selbst wenn ihr Kind die Empfehlung dafür bekommt, fürchten sie den Druck und melden ihr Kind oft lieber an einer Oberschule an.

„Kinder brauchen ihr Nest“ 

Elke Siegert, Kinder- und Jugendärztlicher Dienst

Den ausführlichen Artikel zum Thema gibt es in der aktuellen Zeitschrift „Klasse“ des Kultusministeriums.

Manja Kelch, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

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