{"id":9513,"date":"2021-10-25T10:59:53","date_gmt":"2021-10-25T08:59:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=9513"},"modified":"2021-11-05T09:05:03","modified_gmt":"2021-11-05T08:05:03","slug":"die-ddr-hat-spuren-hinterlassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2021\/10\/25\/die-ddr-hat-spuren-hinterlassen\/","title":{"rendered":"\u00bbDie DDR hat Spuren hinterlassen\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Seit 1. Mai 2021 ist Dr. Nancy Aris als neue S\u00e4chsische Landesbeauftragte f\u00fcr die Aufarbeitung der SED-Diktatur t\u00e4tig. Wir haben mit ihr \u00fcber ihre Arbeit gesprochen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Text: Ralf Seifert<\/strong><\/p>\n<h2>Sie sind seit 1. Mai 2021 die S\u00e4chsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Was sind Ihre Aufgaben? Und womit besch\u00e4ftigen Sie sich aktuell?<\/h2>\n<p>Unsere Aufgaben sind ganz vielf\u00e4ltig. Ich sehe meine Beh\u00f6rde in einer Scharnierfunktion: Wir beraten Menschen, die in der DDR aus politischen Gr\u00fcnden verfolgt wurden, und wir spiegeln deren Bed\u00fcrfnisse in den politischen Raum zur\u00fcck. Wir arbeiten DDR-Geschichte auf, dokumentieren Schicksale, markieren Orte und bringen dieses Wissen in die \u00d6ffentlichkeit \u2013 mit Veranstaltungen, B\u00fcchern, Ausstellungen und mit diversen Angeboten f\u00fcr Schulen. Unser Bildungsauftrag erstreckt sich auf Jung und Alt. Zu guter Letzt geht es um eine St\u00e4rkung der Erinnerungskultur im Allgemeinen, um die Vernetzung von verschiedenen Aufarbeitungsinstitutionen: Gedenkst\u00e4tten, Vereine, Stiftungen oder etwa die Au\u00dfenstellen des Stasi-Unterlagenarchivs.<\/p>\n<p>Aktuell besch\u00e4ftigen mich zwei Dinge besonders: Zum einen das ehemalige Frauengef\u00e4ngnis Hoheneck, wo ich mich daf\u00fcr einsetze, dass dort rasch eine w\u00fcrdige Gedenkst\u00e4tte errichtet wird, und zum anderen ein breit angelegtes historisches Spurensucheprojekt, mit dem wir Jugendliche f\u00fcr die Geschichte vor ihrer Haust\u00fcr begeistern m\u00f6chten.<\/p>\n<h2>Warum sollten sich Ihrer Meinung nach s\u00e4chsische Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit der SED-Diktatur auseinandersetzen? Welche Methoden sehen Sie dabei als besonders erfolgversprechend an?<\/h2>\n<p>Ich sehe in der Auseinandersetzung mit Geschichte generell eine Chance, einen Bezug zur Gegenwart zu finden, der \u00fcber das rein Gegenw\u00e4rtige hinausgeht. Eine Art Bodenhaftung oder Grundierung. Eine engere Beziehung zum Ort, in dem ich lebe. Letztlich geht es um eine st\u00e4rkere eigene Identit\u00e4t. Die DDR liegt nicht so weit zur\u00fcck, sie hat Spuren hinterlassen. Nicht nur in der Landschaft oder im Ortsbild, sondern auch in den Menschen, in der Art, wie sie mit anderen umgehen. Manche heutigen Probleme oder Eigenheiten lassen sich nur verstehen, wenn man diese Zusammenh\u00e4nge kennt.<\/p>\n<p>Ich habe keine Erfolgsrezepte f\u00fcr eine perfekte Bildungsarbeit, ich denke aber, dass regional verortete Geschichten besser funktionieren als die gro\u00dfe Meistererz\u00e4hlung. Meine Erfahrung ist die, dass junge Menschen in der aktiven Auseinandersetzung mehr f\u00fcr sich mitnehmen \u2013 zum Beispiel bei einem Zeitzeugengespr\u00e4ch, bei dem sie selbst die Fragen stellen oder im Projektunterricht, wo sie etwas in die Hand bekommen. Ich bin ein Freund von Fragen: Mut zur L\u00fccke!<\/p>\n<h2>Sie haben zusammen mit Clemens Heitmann das Buch <b>\u00bb<\/b>Via Knast in den Westen: Das Ka\u00dfberg-Gef\u00e4ngnis und seine Geschichte<b>\u00ab <\/b>herausgegeben. Welche Rolle haben Gedenk- und Erinnerungsorte im Bildungsprozess?<\/h2>\n<p>Ich halte authentische historische Orte f\u00fcr au\u00dferordentlich wichtig, weil sie wie eine Zeitkapsel die Erinnerungen vieler auf eine ganz besondere Weise in sich bewahren, b\u00fcndeln und gleichzeitig verlebendigen. Die wenigsten DDR-B\u00fcrger sa\u00dfen in einem Gef\u00e4ngnis oder mussten in einem Stasi-Vernehmungszimmer Rede und Antwort stehen. Kaum einer wusste, was hinter den Mauern passierte. Auch f\u00fcr sie sind solche Orte wichtig, weil man dort eine sinnliche Erfahrung macht und eine Ahnung davon bekommt, wie es den Inhaftierten ergangen sein muss. Das rechtlose Ausgeliefertsein, die Hilflosigkeit. Steht man in der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt auf der Bautzner Stra\u00dfe im Freigang, dann erfasst man das perfide System der Unterdr\u00fcckung und Zersetzung der H\u00e4ftlinge mit einem Blick. F\u00fcr den Bildungsprozess ist es wichtig, Jugendliche dort nicht allein zu lassen. Das, was sie sehen, was sie erleben, muss besprochen, muss kontextualisiert werden. Es ist sehr sinnvoll Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler vorzubereiten. Mit einer Fahrt in die Gedenkst\u00e4tte ist es nicht getan, da braucht es eine Einbettung.<\/p>\n<h2>Die ehemalige DDR wird auch heute, nach \u00fcber 30 Jahren nach der Friedlichen Revolution und trotz unz\u00e4hliger fachwissenschaftlicher und medialer Beitr\u00e4ge zur Bearbeitung, noch immer verkl\u00e4rt oder politisch instrumentalisiert. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/h2>\n<p>Eine Verkl\u00e4rung wird es immer geben, allein, weil es in der DDR ja durchaus auch Bef\u00fcrworter des politischen Systems gab. Das darf nicht vergessen werden. Etwa jeder sechste DDR-B\u00fcrger war Mitglied der SED. Diese Menschen und damit ihre Positionen haben sich im Herbst \u203989 nicht pl\u00f6tzlich in Luft aufgel\u00f6st. Viele haben den Umbruch nach 1989 auch als einen dramatischen Einschnitt in ihr bisheriges Leben erlebt, als einen Verlust, aus dem sich die DDR r\u00fcckblickend pl\u00f6tzlich heimelig vertraut anf\u00fchlte. Diese Transformationserfahrungen sollten wir ernst nehmen. Aber wir m\u00fcssen den Verkl\u00e4rungen auch deutlich etwas entgegensetzen: Fakten und ein historisches Wissen, das mehrere Perspektiven zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was ich bedenklich finde, sind Menschen, auch j\u00fcngere, die die Situation heute \u00bbschlimmer als in der DDR\u00ab finden. Da frage ich mich schon, welche DDR diese Menschen meinen. Aber auch hier gilt: Aufkl\u00e4ren und mit den Menschen sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1. Mai 2021 ist Dr. Nancy Aris als neue S\u00e4chsische Landesbeauftragte f\u00fcr die Aufarbeitung der SED-Diktatur t\u00e4tig. 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