{"id":9335,"date":"2021-08-23T08:00:14","date_gmt":"2021-08-23T06:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=9335"},"modified":"2021-09-06T15:19:57","modified_gmt":"2021-09-06T13:19:57","slug":"extremismus-im-netz-die-unsichtbare-gefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2021\/08\/23\/extremismus-im-netz-die-unsichtbare-gefahr\/","title":{"rendered":"Blog-Special: Extremismus im Netz \u2013 die unsichtbare Gefahr"},"content":{"rendered":"<p>Bunte Bilder, coole Videos, private Storys \u2013 in sozialen Medien finden Jugendliche Ablenkung vom Alltag. Doch immer \u00f6fter geraten sie dort ins Visier extremistischer Kreise.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Autorin:\u00a0Annett Kschieschan<\/strong><\/p>\n<p>Ein Foto von Hundewelpen \u2013 dicht gedr\u00e4ngt in einem Verschlag, die Tiere in bedauernswertem Zustand. Der Aufruf unter dem Facebook-Post: \u00bbSpende f\u00fcr den Tierschutz!\u00ab. Bei der genaueren Recherche wird deutlich: Hinter der Ver\u00f6ffentlichung stehen offenbar Mitglieder der Identit\u00e4ren Bewegung. Ein grellbuntes Rap-Video mit schnellen Schnitten und provozierenden Texten. Das Impressum weist eine rechtsradikale Gruppe als Urheber aus. Auch hinter scheinbar harmlos wirkenden \u00bbLifestyle\u00ab-Bildern auf Instagram stehen bisweilen Extremisten. Erkennbar ist das nur f\u00fcr Denjenigen, der hinter Hashtags wie #blueeyesblondhair oder #barttr\u00e4ger schaut und recherchiert. Das tun die wenigsten Erwachsenen und noch weniger Jugendliche. Die sozialen Netzwerke stehen f\u00fcr die meisten Menschen f\u00fcr Freizeit, Spa\u00df und Unterhaltung. Sie sind aber l\u00e4ngst auch politische B\u00fchne. Und: Sie sind f\u00fcr Jugendliche fester Teil des Alltagslebens. Dementsprechend sind Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler den oft auch unterschwelligen Botschaften extremistischer Kreise h\u00e4ufig weitaus st\u00e4rker ausgesetzt als Erwachsene.<\/p>\n<h2>Extreme Inhalte im Kleingedruckten<\/h2>\n<p>In einer Befragung der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen gaben 40 Prozent der befragten Jugendlichen an, in letzter Zeit im Internet h\u00e4ufig mit extremistischen Inhalten in Kontakt gekommen zu sein. Das Strategie dabei: Die Akteure sprechen die Sprache der Jugendlichen, tragen dieselben Modemarken, teilen Videos beliebter Stars. F\u00fcr Jugendliche ist so auf den ersten Blick oft nicht erkennbar, mit welchen Geisteshaltungen sie es zu tun haben. Weil sie selbst noch keine gefestigte politische Haltung haben, k\u00f6nnen sie empf\u00e4nglich f\u00fcr radikale Botschaften sein. Die werden in freundlichen Videoclips oder h\u00fcbschen Fotos verpackt. Durch \u2013 manchmal auch gedankenlos gesetzte \u2013 Likes zeigt der Algorithmus dem Nutzer oder der Nutzerin k\u00fcnftig noch mehr solcher Inhalte an. Die m\u00f6glichen Folgen: Abstumpfung und im schlimmsten Fall eine Identifikation mit den subtilen Hass-Botschaften.<\/p>\n<h2>Investigative Reporter decken auf<\/h2>\n<p>Wie intensiv soziale Medien inzwischen zur Rekrutierung f\u00fcr extremistische Str\u00f6mungen genutzt werden, hat das Recherchenetzwerk Correctiv herausgefunden.<\/p>\n<p>Demnach greifen rechte und rechtsextreme Kreise zunehmend die Sprache und \u00c4sthetik der Foto-Plattform Instagram auf. \u00dcber Inhalte und Bildsprache setzen sie dort an, wo sie Interessen der jungen Zielgruppe vermuten, etwa bei den Themen Musik, Sport und Lifestyle. Sie versuchen damit eine Weltsicht zu normalisieren, die in den rechten bis rechtsextremen Bereich gehe, so Arne Steinberg, Reporter bei Correctiv. Er und seine Kolleginnen und Kollegen haben sich rund 4500 Accounts angeschaut und dabei Muster identifiziert. Zum Beispiel gebe es ganz h\u00e4ufig Fotos von Influencerinnen, die einen Jutebeutel tragen oder einen Pullover, auf denen ganz klein Symbole zu sehen seien, die einer rechten Gruppierung zuzuordnen sind, zum Beispiel der Identit\u00e4ren Bewegung.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist der Kontext der Fotos oder Storys nicht erkennbar. Er ergibt sich oft erst in den Hashtags, den Kommentaren oder weiteren Posts desselben Nutzers. In rechten Kreisen werden inzwischen Workshops angeboten, in denen rechte Influencerinnen und Influencer erfahren, wie man unter dem Radar der Internetw\u00e4chter bleibt, was gerade noch erlaubt und was verboten ist.<\/p>\n<h2>Die Gefahr steckt im Hashtag<\/h2>\n<p>Indem sie sich den typischen Instagram-Algorithmen anpassen, erreichen scheinbar private Profile hohe Resonanz. So werden vermeintlich pers\u00f6nliche Schnappsch\u00fcsse aus dem Leben oder emotionale Posts gestreut, um einerseits ein Gef\u00fchl von Privatheit zu erzeugen, andererseits aber auch das Bed\u00fcrfnis nach Unterhaltung und Teilhabe zu stillen. Schnell erreicht so ein Account deutlich mehr Abonnenten als \u00bboffizielle\u00ab Accounts der jeweiligen Bewegungen. Rechtsextreme nutzen Instagram meist gemeinsam mit anderen sozialen Medien und verlinken weitere Angebote in der Profilbeschreibung oder in einzelnen Posts beziehungsweise in Hashtags. Auf diese Weise ist die eigene \u00bbInternet-Blase\u00ab pl\u00f6tzlich gef\u00fcllt mit Botschaften, denen sich gerade junge Leute manchmal kaum noch entziehen k\u00f6nnen. Nicht zuletzt, weil die virtuelle Welt zunehmend einen Anspruch auf Normalit\u00e4t erhebt. Fehlen die ausgleichenden und korrigierenden Informationen kann ein Abdriften nur schwer verhindert werden.<\/p>\n<h2>Der Verfassungsschutz warnt<\/h2>\n<p>Auch der Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt warnen inzwischen deutlich vor den Gefahren durch Extremisten im Netz. So habe die Beeinflussung \u00fcber soziale Netzwerke vor allem am Anfang von Radikalisierungsprozessen in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen, hei\u00dft es aus den Beh\u00f6rden. Die Verfassungssch\u00fctzer weisen auf die gro\u00dfen Herausforderungen hin, vor denen die Demokratie bei der Abwehr extremistischer Online-Propaganda stehe. \u00bbDie digitale Welt bietet Rechtsextremisten unendliche M\u00f6glichkeiten, ihre verfassungsfeindliche Ideologie \u2013 mitunter auf subtile Art und Weise \u2013 zu verbreiten. Ein bevorzugtes Medium f\u00fcr ihre Propaganda sind die Social-Media-Kan\u00e4le. Da den menschenverachtenden Worten h\u00e4ufig auch Taten folgen, ist es Aufgabe des Verfassungsschutzes, diese Gefahr f\u00fcr unsere Demokratie fr\u00fchzeitig zu erkennen und die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber relevante Entwicklungen rechtzeitig zu informieren und sie zu sensibilisieren\u00ab, so Dirk-Martin Christian, Pr\u00e4sident des s\u00e4chsischen Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz, anl\u00e4sslich des j\u00fcngsten gemeinsamen Symposiums der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden Ostdeutschlands und Berlins.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Beh\u00f6rden sind Pr\u00e4ventionsangebote unerl\u00e4sslich. Und die m\u00fcssen vor allem bei jungen Leuten ansetzen.<\/p>\n<h2>Experten unterst\u00fctzen Lehrerinnen und Lehrer<\/h2>\n<p>Jugendliche f\u00fcr die Strategien der Extremisten zu sensibilisieren, funktioniert nur \u00fcber Aufkl\u00e4rung. ARD, ZDF und Deutschlandradio stellen Lehrerinnen und Lehrern auf dem Portal <a href=\"https:\/\/www.br.de\/sogehtmedien\/index.html\">\u00bbSogehtmedien\u00ab<\/a> verschiedene Unterrichtsmaterialien zum Download bereit. Dabei geht es unter anderem darum, zu vermitteln, wie man die Absicht hinter Fake News erkennt und typische Tricks entlarvt. Anhand von Beispielen wird auch die Gestaltung einer Unterrichtsstunde zum Thema vorgeschlagen. Mit zahlreichen Videos, Audios, Quizformen, interaktiven Karten und Texten gibt das Portal Aufschluss dar\u00fcber, wie Soziale Medien funktionieren, wo Gefahren liegen und wie man sie sichtbar machen kann.<\/p>\n<h2>\u00bbAnsprechen, was falsch l\u00e4uft\u00ab<\/h2>\n<figure id=\"attachment_9337\" aria-describedby=\"caption-attachment-9337\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-9337\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/christina-wolf-br-macht-schule-coach-100__v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/christina-wolf-br-macht-schule-coach-100__v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/christina-wolf-br-macht-schule-coach-100__v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135.jpg 606w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9337\" class=\"wp-caption-text\">Die Reporterin Christina Wolf macht sich schon seit Jahren mit eigenen Sendungen gegen Extremismus stark; Foto: BR<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Team aus Moderatoren bringt die Inhalte anschaulich in eigens produzierten Videos auf den Punkt. Christina Wolf etwa erkl\u00e4rt, warum Extremisten heute eben nicht mehr an Springerstiefeln und Bomberjacke, langem Bart und Kapuzenpulli zu erkennen sind. F\u00fcr die Reporterin, die schon bei verschiedenen Fernseh- und Radiosendern gearbeitet hat, ist die Aufkl\u00e4rung ein Herzensthema. In der Sendung \u00bbRespekt\u00ab setzt sie sich f\u00fcr eine offene und tolerante Gesellschaft ein.<\/p>\n<p>Demokratie (leben) bedeute f\u00fcr sie \u00bbW\u00e4hlen zu gehen, andere Ansichten auszuhalten &amp; an- und auszusprechen, was falsch l\u00e4uft\u00ab, so Christina Wolf. Das tut sie regelm\u00e4\u00dfig in den \u00bbRespekt\u00ab-Videos, wo es unter anderem um Themen wie anti-asiatischen Rassismus, Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit oder auch Jugendarmut geht. 2019 bekam sie den Deutschen H\u00f6rbuchpreis in der Kategorie \u00bbBester Podcast\u00ab.\u00a0 Unter dem Titel \u00bbTransformer\u00ab erz\u00e4hlte sie darin, wie ihre Freundin Steffi zum Mann wird. Die sensible Begleitung der Transition und die Entwicklung der Freundschaft unter ungew\u00f6hnlichen Bedingungen schafft \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr ein in letzter Zeit h\u00e4ufiger diskutiertes, aber immer noch von vielen Klischees gepr\u00e4gtes Thema.<\/p>\n<p>Christina Wolf ist eine Journalistin, die sich einmischt, die aufkl\u00e4rt, die Demokratie auch als Verantwortung des Einzelnen versteht.\u00a0 Bei \u00bbsogehtmedien\u00ab teilt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen und will damit vor allem auch denen helfen, die junge Menschen auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleiten.<\/p>\n<h2>Unterst\u00fctzung f\u00fcr Schulen<\/h2>\n<p>Die neue Ausgabe der KLASSE besch\u00e4ftigt sich u. a. mit den gesellschaftlich und p\u00e4dagogisch relevanten Themen Nachrichtenkompetenz (Fake News) und Hass-Kommentare (Hate Speech). Um P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen an s\u00e4chsischen Schulen zu unterst\u00fctzen, mit diesen herausfordernden Ph\u00e4nomenen umzugehen, Radikalisierungen zu erkennen und anzugehen bzw. fortbildende Beratungen zu erhalten, gibt es ein breites Angebotsnetzwerk, welches auf einem Poster abgebildet wird. Dieses liegt der KLASSE bei, ist aber auch als <a href=\"http:\/\/www.politische.bildung.sachsen.de\/download\/21_06_01_Poster_Beratungsangebote.pdf\">PDF zum Download<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>H\u00e4ngen Sie dieses Plakat gern ins Lehrerzimmer, auf Schulflure oder in Beratungsr\u00e4ume, nutzen Sie es f\u00fcr Dienstberatungen und Konferenzen. Dar\u00fcber hinaus finden Sie weitere Angebote und Ansprechpartner auf unserer Seite: <a href=\"https:\/\/www.politische.bildung.sachsen.de\/\">www.politische.bildung.sachen.de<\/a>. Wenn Sie Angebote und Ansprechpartner finden wollen, die Sie \u00fcber das Qualit\u00e4tsbudget finnazieren wollen, schauen Sie gern in die Rubrik Politische Bildung auf den Seiten <a href=\"https:\/\/www.unterstuetzung-sachsen.de\/content.php?menuid=1453\">www.unterstuetzung-sachsen.de<\/a>.<\/p>\n<p>Die neue \u00bbKLASSE \u2013 Das Magazin f\u00fcr Schule in Sachsen\u00ab erscheint in wenigen Tagen. Die Ausgabe 1\/2021 ist dann <a href=\"https:\/\/www.smk.sachsen.de\/publikationen.html\">hier<\/a> kostenlos verf\u00fcgbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bunte Bilder, coole Videos, private Storys \u2013 in sozialen Medien finden Jugendliche Ablenkung vom Alltag. 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