{"id":766,"date":"2015-12-18T10:10:41","date_gmt":"2015-12-18T09:10:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=766"},"modified":"2017-12-12T09:35:00","modified_gmt":"2017-12-12T08:35:00","slug":"soziale-netzwerke-sind-mehr-als-der-shitstorm-das-gegeninterview-mit-blogger-martin-fuchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2015\/12\/18\/soziale-netzwerke-sind-mehr-als-der-shitstorm-das-gegeninterview-mit-blogger-martin-fuchs\/","title":{"rendered":"Soziale Netzwerke sind mehr als der #Shitstorm \u2013 das Gegeninterview mit Blogger Martin Fuchs"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbTypisch f\u00fcr das Netz: Der #Shitstorm. Leg mich wieder hin.\u00ab, so die Reaktion \u00fcber \u00bbtwitter\u00ab von Blogger und Politikberater Martin Fuchs auf unser <a href=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2015\/11\/30\/veraendern-uns-soziale-medien\/\" target=\"_blank\">Interview <\/a>mit Politikwissenschaftler Prof. Dr. Kliche. Warum er das so sieht, wollten wir aber genauer wissen und haben deshalb auch ihn gefragt, wie er social media im Spannungsfeld Politik und Medien wahrnimmt und welche Rolle die Schule dabei spielen sollte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">\u00a0<\/span><strong>Uns f\u00e4llt Ihr moderater Ton in der social media Kommunikation auf. Ist das die bewusste Antwort auf das mediale Geschrei im Netz?<\/strong><br \/>\nIst das so? Manchmal \u00e4rgere ich mich selber \u00fcber meine Postings und Tweets, die ich abgesetzt habe, weil ich wei\u00df wie verletzend h\u00e4mische und pers\u00f6nliche Angriffe sein k\u00f6nnen. Und ja, ich achte schon sehr darauf wie ich etwas ausdr\u00fccke und wie man Kritik galant verpacken kann. Also nicht anders als im analogen Alltag. Viele Nutzer m\u00fcssen aber noch lernen, dass sich Online und Offline-R\u00e4ume nicht unterscheiden und der Knigge eben auch f\u00fcr Tweets, Kommentarspalten und Amazonbewertungen gilt.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #ff0000;\">\u00bbJournalisten wollen ihren eigenen Bedeutungsverlust nicht wahrhaben&#8230;.\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Der SPIEGEL wirft Regierungssprecher Steffen Seibert vor, er baue die Facebook-Seite des Bundespresseamtes zum Staatsfernsehen aus. Hat der SPIEGEL Recht oder muss eine Regierung in Zeiten des grassierenden Bedeutungsverlustes der Printmedien nicht \u00fcber neue Kommunikationskan\u00e4le nachdenken?<\/strong><br \/>\nIch glaube an dieser Stelle liegt der SPIEGEL ausnahmsweise einmal falsch. Fr\u00fcher wurden die Informationen der Bundesregierung f\u00fcr Litfa\u00dfs\u00e4ulen aufbereitet, dann wurden Radio- und Kinospots produziert, heute geh\u00f6rt Social Media zum Standard-Kommunikationsmix auch von Regierungen. Das Informationen f\u00fcr soziale Netzwerke audiovisuell gelungen und professionell aufbereitet werden, sollte man der Regierung nicht vorwerfen, sondern sie eher f\u00fcr Ihre erfolgreichen Aktivit\u00e4ten loben. Ich habe kein Problem damit, dass das Bundespresseamt seinen eigenen Kanal nutzt, um auch exklusive Einblicke zu geben, jeder &#8211; auch Facebook-Nichtnutzer- hat die M\u00f6glichkeit diese \u00f6ffentlich zu sehen. Da wird also nichts vorenthalten. Ich habe manchmal eher das Gef\u00fchl, dass Journalisten ihren eigenen Bedeutungsverlust nicht wahrhaben wollen und deshalb kritisch berichten. Gerade die, die es nicht schaffen exklusive Zug\u00e4nge zur Bundesregierung zu bekommen.<\/p>\n<p><strong>Die 4. Gewalt verliert an Relevanz. Im Netz hat sich das Medienpublikum quasi als 5. Gewalt dazu geschaltet und befeuert die mediale Hysterie mit Stimmungen, Einfl\u00fcsterungen und Ger\u00fcchten. Wie k\u00f6nnen die Eigenschaften der professionellen Medienlandschaft wie Recherche, Einordnung, Orientierung da noch sichergestellt werden?<\/strong><br \/>\nIch bin fest davon \u00fcberzeugt, dass die klassischen Medien im Bezug auf Ihre Funktion als 4.\u00a0Gewalt nicht an Relevanz verlieren werden. Zum einen informieren sich viele B\u00fcrger via Social Media auf den\u00a0Profilen klassischer Medien, zum anderen wird es immer einen Bedarf nach qualitativ hochwertiger Bewertung, Einordnung und Kommentierung durch Medien geben. Wichtig ist, dass Medien ihr klassischen Handwerk nicht vernachl\u00e4ssigen. Hei\u00dft: Recherche, gerne auch investigative Recherche, Verifizierung, 2-Quellen-Prinzip etc&#8230; und eben nicht jedem Hype hinterherrennen. Den Wettlauf werden sie nicht gewinnen, da eben z.B. das Foto von einem Anschlag immer eher auf Twitter ist, bevor es bei Spiegel Online als Eilmeldung auftauchen kann. Die Nutzer werden lernen und merken, dass man nicht jeder Informationen trauen darf, nur weil sie viral durch Netz geht. Und daf\u00fcr braucht es seri\u00f6sen Journalismus ohne Hype.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #ff0000;\">\u00bbSorgen macht mir dabei eine immer st\u00e4rker werdende \u00bbGegen\u00f6ffentlichkeit\u00ab[&#8230;] Hier entsteht ein Graben, der die Gesellschaft auseinandertreibt.\u00ab <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Sind soziale Netzwerke aus Ihrer Sicht \u00fcberhaupt eine 5. Gewalt? Wo sehen Sie die St\u00e4rken von sozialen Netzwerken? Und Schw\u00e4chen?<\/strong><br \/>\nNein, der Vergleich hinkt. Soziale Netzwerke sind per se erst einmal eine Technologie und eine Plattform f\u00fcr Kommunikation und Information. 5. Gewalt k\u00f6nnten gegebenenfalls einzelne Akteure werden, die soziale Medien perfekt f\u00fcr sich nutzen. z.B. Blogger, Aktivisten und NGOs. Das ist ja teilweise schon so, wenn ich mir z.B. anschaue, wer neben den Medien Skandale aufdeckt. Da sind auch immer \u00f6fter Nicht-Journalisten dabei, die ein Thema \u00f6ffentlich machen mit einem Blog-Beitrag oder einer Petition. Wichtig ist aber auch f\u00fcr diese Akteure, dass sie sich langfristig Vertrauen und Reputation aufbauen m\u00fcssen und das geht nur \u00fcber qualitativ gutes Handwerk. Soziale Netzwerke k\u00f6nnen dann f\u00fcr die Verbreitung und Vernetzung der Informationen sehr gut genutzt werden. Sorgen macht mir dabei eine immer st\u00e4rker werdende \u00bbGegen\u00f6ffentlichkeit\u00ab, also mediale Onlineangebote die den Staat, die Gesellschaft und unser Wertesystem grundlegend in Frage stellen. Hier entsteht ein Graben, der die Gesellschaft auseinandertreibt. Ich habe das Gef\u00fchl, dass diese Angebote immer mehr Zulauf bekommen, eben weil die B\u00fcrger den klassischen Medien nicht mehr vertrauen. Und hier m\u00fcssen klassische Medien ansetzen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen Kan\u00e4le wie Twitter, Facebook oder Blog von Politikern oder Regierungen?<\/strong><br \/>\nEine sehr gro\u00dfe. Und das sage ich nicht, weil ich als Digitalberater Parteien und Regierungen berate, sondern weil ich die Ver\u00e4nderung des Informations- und Kommunikationsverhalten der Bev\u00f6lkerung beobachte. Das verschiebt sich seit Jahren massiv in Richtung Online, nicht nur in jungen Zielgruppen. Wenn Politiker und Regierungen ihre B\u00fcrger also noch erreichen wollen und den Kontakt nicht verlieren wollen, m\u00fcssen sie Online-Angebote nutzen. Ich bin der letzte der verlangt, dass jeder Politiker Facebook oder Snapchat nutzen soll. Entscheidend ist die Frage, wen will ich erreichen und dann den richtigen Kanal zu w\u00e4hlen. Und das nicht nur im Wahlkampf oder zu Kampagnen, sondern kontinuierlich. Zudem erm\u00f6glichen soziale Netzwerke Reichweiten, die andere Kommunikationskan\u00e4le nie und nicht so kosteng\u00fcnstig und effizient bieten. Politiker m\u00fcssen aber Lust auf Kommunikation haben, das ist die Grundbedingung f\u00fcr die Nutzung.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #ff0000;\">\u00bbLehrer k\u00f6nnen kein Volontariat ersetzen [&#8230;] Eigene (manchmal auch schmerzhafte) Erfahrungen machen ist m.E. auch hier der richtige Weg.\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>M\u00fcssen Lehrer ihren Sch\u00fclern das Handwerk vermitteln, was bislang professionelle Journalisten geleistet haben?<\/strong><br \/>\nDer Ruf nach der Schule wird ja immer schnell laut, wenn die Gesellschaft im Wandel oder \u00fcberfordert ist. Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen Lehrer wissen was da im Netz abgeht, wie ihre Sch\u00fcler das Netz nutzen und sollten ganz selbstverst\u00e4ndlich Tools und Technologien auch im Unterricht einsetzen. Wichtiger ist aber, dass Lehrer Werte und nicht nur Wissen vermitteln. Das finde ich viel wichtiger. Lehrer k\u00f6nnen kein Volontariat ersetzen, aber Grundlagen in Verifizierung von Informationen und Einordnung f\u00e4nde ich nicht falsch. Allerdings nehme ich fast an, das lernen Sch\u00fcler besser beim learning by doing als in Klassenr\u00e4umen. Eigene (manchmal auch schmerzhafte) Erfahrungen machen ist m.E. auch hier der richtige Weg.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">\u00a0<\/span><strong>Was sind die wichtigsten Dinge, die junge Leute im Umgang mit dem Netz lernen sollten? Kann das Schule \u00fcberhaupt leisten?<\/strong><br \/>\nWenn ich mich mit Kindern und Jugendlichen unterhalte, habe ich oft den Eindruck, dass die sehr genau wissen, wem sie im Netz vertrauen k\u00f6nnen und wem nicht. Woher Informationen kommen und wie man diese bewertet. Die aktuelle Sch\u00fclergeneration ist mit und im Netz aufgewachsen, die sind oftmals fitter als die eigenen Lehrer und Eltern. Entscheidend ist, dass gesellschaftliche Werte vermittelt werden, diese auch im Netz Anwendung finden und dass fehlerhaftes Verhalten klare Sanktionen nach sich ziehen kann. Das Netz ist kein rechtsfreier Raum und das m\u00fcssen Sch\u00fcler merken, bei manchen reicht einmal, manch anderer braucht mehr Erfahrungen. Also alles wie im realen Leben.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrten Dirk Reelfs und Manja Kelch.<\/p>\n<p><strong>Martin Fuchs<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Martin-Fuchs-e1450088032876.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-776\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Martin-Fuchs-300x200.jpg\" alt=\"Martin Fuchs\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8230;ber\u00e4t Regierungen, Parteien und Politiker in digitaler Kommunikation. Zuvor war er Politik- und Strategieberater in Br\u00fcssel und Berlin. Seit 2008 ist er Lehrbeauftragter f\u00fcr Public Affairs an der Universit\u00e4t Passau und Dozent f\u00fcr Social Media und Politik an weiteren Hochschulen. Zudem ist er Gr\u00fcnder der Social-Media-Analyse-Plattform Pluragraph.de und <a href=\"http:\/\/www.hamburger-wahlbeobachter.de\/\" target=\"_blank\">bloggt<\/a> \u00fcber Social Media in der Politik. Er ist Kolumnist des Fachmagazins \u00bbpolitik &amp; kommunikation\u00ab und wird als Experte zum Thema Social Media und Politik oft in den Medien <a href=\"http:\/\/www.hamburger-wahlbeobachter.de\/p\/wahlbeobachter-in-den-medien.html\" target=\"_blank\">zitiert<\/a>. Mehr Infos auf seiner <a href=\"http:\/\/www.martin-fuchs.org\" target=\"_blank\">Homepage<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbTypisch f\u00fcr das Netz: Der #Shitstorm. Leg mich wieder hin.\u00ab, so die Reaktion \u00fcber \u00bbtwitter\u00ab von Blogger und Politikberater Martin Fuchs auf unser Interview mit Politikwissenschaftler Prof. Dr. Kliche. 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