{"id":7372,"date":"2019-11-21T09:00:59","date_gmt":"2019-11-21T08:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=7372"},"modified":"2019-12-10T14:13:02","modified_gmt":"2019-12-10T13:13:02","slug":"nicht-die-schulstruktur-sondern-die-qualitaet-des-unterrichts-ist-fuer-den-lernerfolg-entscheidend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2019\/11\/21\/nicht-die-schulstruktur-sondern-die-qualitaet-des-unterrichts-ist-fuer-den-lernerfolg-entscheidend\/","title":{"rendered":"\u00bbNicht die Schulstruktur, sondern die Qualit\u00e4t des Unterrichts ist f\u00fcr den Lernerfolg entscheidend\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Beim <a href=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2019\/10\/18\/bundesweiter-schueler-vergleichstest-sachsen-belegt-spitzenplatz\/\">IQB-Bildungstrend 2018<\/a> schnitt Sachsen erneut sehr gut ab. Wir sprachen mit Prof. Dr. Petra Stanat, Herausgeberin des L\u00e4ndervergleichs, \u00fcber die Gefahr von Strukturreformen, den Wert von Kontinuit\u00e4t im Schulsystem und Hausaufgaben f\u00fcr Sachsen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Beim aktuellen IQB L\u00e4ndervergleich liegen Sachsen und Bayern vorn. \u00bbDass diese beiden L\u00e4nder so robust dastehen, liegt vielleicht auch daran, dass diese L\u00e4nder so wenig an ihren Schulsystemen herumexperimentieren\u00ab, sagten Sie\u00a0bei der Vorstellung der Ergebnisse. Warum ist Kontinuit\u00e4t Ihrer Ansicht nach so wichtig f\u00fcr die Leistungsf\u00e4higkeit eines Schulsystems?<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong> In der Gesamtschau weisen die Ergebnisse nationaler und internationaler Studien der Bildungsforschung darauf hin, dass nicht die Schulstruktur, sondern die Qualit\u00e4t des Unterrichts f\u00fcr den Lernerfolg von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern entscheidend ist. Schulstrukturelle Ver\u00e4nderungen sind immer mit erheblichem Aufwand verbunden und k\u00f6nnen Ressourcen binden, die dann nicht mehr f\u00fcr die Weiterentwicklung von Unterrichtsqualit\u00e4t zur Verf\u00fcgung stehen. Daher die These, dass die schulstrukturelle Stabilit\u00e4t in Bayern und Sachsen m\u00f6glicherweise ein Grund daf\u00fcr ist, dass diese L\u00e4nder in unseren L\u00e4ndervergleichs- und Bildungstrendstudien unver\u00e4ndert gut dastehen. Wobei sich die Schulstrukturen dieser beiden L\u00e4nder ja durchaus unterscheiden, mit Dreigliedrigkeit in Bayern und Zweigliedrigkeit in Sachsen. Auch dies ist ein Hinweis daf\u00fcr, dass man mit unterschiedlichen Schulstrukturen zu guten Ergebnissen kommen kann.<\/p>\n<h3>Anders gefragt: Wenn L\u00e4nder sich entscheiden, Schulstrukturen zu ver\u00e4ndern, k\u00f6nnte dadurch die Leistungsf\u00e4higkeit eines Schulsystems leiden oder gar gef\u00e4hrdet sein?<\/h3>\n<p><strong>Stanat:<\/strong> Ob die Leistungsf\u00e4higkeit des s\u00e4chsischen Schulsystems durch die Einf\u00fchrung einer neuen Schulart gef\u00e4hrdet wird, ist schwer zu sagen. Das d\u00fcrfte von der Umsetzung dieser Ver\u00e4nderung abh\u00e4ngen. In den letzten 10 Jahren haben ja mehrere L\u00e4nder schulstrukturelle Reformen durchgef\u00fchrt, die nicht unbedingt zu Einbu\u00dfen im Lernerfolg der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gef\u00fchrt haben. Allerdings geht die Tendenz deutschlandweit eher dahin, die Anzahl der Schularten zu reduzieren und Zweigliedrigkeit einzuf\u00fchren, die in Sachsen ja bereits existiert. Mir pers\u00f6nlich ist nicht klar, warum man den Aufwand betreiben will, eine weitere Schulart einzuf\u00fchren, zumal in einer Zeit, in der aufgrund des Lehrkr\u00e4ftemangels in Sachsen erhebliche Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen sein werden. Will man weiterhin gute Lernergebnisse erzielen, wird es vor allem darauf ankommen, die Qualit\u00e4t des Unterrichts zu sichern \u2013 darauf sollte das Hauptaugenmerk liegen.<\/p>\n<h3>Kritiker von Leistungsvergleichen, wie den IQB-Bildungstrend, sagen, schulische Bildung auf abfragbare Leistungen zu verengen, vernachl\u00e4ssige Wertevermittlung und Pers\u00f6nlichkeitsbildung. Teilen Sie die Kritik?<\/h3>\n<p><strong>Stanat:<\/strong> Diese Kritik greift meines Erachtens zu kurz. Erstens erfassen die IQB-Tests nicht einfach nur Wissensbest\u00e4nde, sondern Kompetenzen in Kernbereichen schulischer Bildung, und es d\u00fcrfte weitgehend unumstritten sein, dass solche Kompetenzen wie Leseverstehen oder die Nutzung von Mathematik zur L\u00f6sung von Problemen f\u00fcr Teilhabe wichtig sind. Zweitens schlie\u00dfen sich die F\u00f6rderung kognitiver Kompetenzen einerseits und Wertevermittlung sowie Pers\u00f6nlichkeitsbildung andererseits nicht aus. Im Gegenteil: Die Forschung zu multipler Zielerreichung in Schulen weist eher darauf hin, dass diese beiden Aspekte oft Hand in Hand gehen.<\/p>\n<h3>Sachsen will sich auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen. Wo liegen die besonderen Herausforderungen \u2013 woran muss Sachsen noch arbeiten?<\/h3>\n<p><strong>Stanat:<\/strong> Auch f\u00fcr Sachsen weist der IQB-Bildungstrend 2018 ja in der Tendenz auf ung\u00fcnstige Entwicklungen in den erreichten Kompetenzen hin, die in einzelnen Bereichen signifikant sind. Hier stellt sich die Frage, was man gegebenenfalls tun sollte, um dieser Tendenz entgegenzuwirken. Gerade auch angesichts des Lehrkr\u00e4ftemangels k\u00f6nnte dies eine besondere Herausforderung darstellen. Und bemerkenswert ist ferner, wie s\u00e4chsische Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ihren Mathematikunterricht einsch\u00e4tzen. Auf der einen Seite scheint der Mathematikunterricht in Sachsen st\u00f6rungsfreier, strukturierter und kognitiv aktivierender zu verlaufen als in Deutschland insgesamt. Auf der anderen Seite f\u00fchlen sich die s\u00e4chsischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler von ihren Mathematiklehrkr\u00e4ften aber deutlich weniger unterst\u00fctzt als Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler bundesweit \u2013 die Werte f\u00fcr Fehlerkultur (respektvoller, geduldiger Umgang mit Fehlern) und Sch\u00fclerorientierung (individuelle Unterst\u00fctzung und Begleitung beim Lernen) fallen unterdurchschnittlich aus. Dies sollte man sich genauer anschauen und diskutieren.<\/p>\n<h3>Was sind die wichtigsten Faktoren f\u00fcr ein erfolgreiches Schulsystem?<\/h3>\n<p><strong>Stanat:<\/strong> Diese Frage l\u00e4sst sich so einfach nicht beantworten, denn die nationalen und internationalen Schulleistungsstudien weisen darauf hin, dass unterschiedliche Systeme erfolgreich sein k\u00f6nnen. Ganz wichtig ist aber sicherlich der Fokus auf das Kerngesch\u00e4ft von Schule: Unterricht. Die Forschung zu Unterrichtsqualit\u00e4t zeigt, welche Faktoren hierbei wichtig sind: Unterricht sollte m\u00f6glichst st\u00f6rungsfrei verlaufen, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler konstruktiv unterst\u00fctzen und sie kognitiv aktivieren. Es hat sich gezeigt, dass diese Basisdimensionen der Unterrichtsqualit\u00e4t nicht nur mit der Kompetenzentwicklung der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zusammenh\u00e4ngen, sondern auch mit solchen motivational-emotionalen Merkmalen wie fachbezogenem Interesse und Lernfreude. F\u00fcr die Weiterentwicklung von Schule und Unterricht ist es hilfreich, ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis von Qualit\u00e4t zu haben, auf das sich alle Akteure im System beziehen, und Feedback dar\u00fcber bereitzustellen und zu nutzen, inwieweit die jeweiligen Qualit\u00e4tsziele erreicht werden. Die IQB-Bildungstrends und die Vergleichsarbeiten k\u00f6nnen dabei wichtige Bausteine bilden, wenn sie in ein System von aufeinander abgestimmten Ma\u00dfnahmen der Qualit\u00e4tsentwicklung eingebunden sind.<\/p>\n<h3>Trotz des guten Abschneidens der s\u00e4chsischen M\u00e4dchen sind Frauen in den MINT-Berufen noch immer in der Unterzahl: Wie k\u00f6nnen vor allem M\u00e4dchen noch st\u00e4rker gef\u00f6rdert und f\u00fcr diese Berufe gewonnen werden?<\/h3>\n<p><strong>Stanat:<\/strong> Im MINT-Bereich klaffen die Ergebnisse der M\u00e4dchen und Jungen f\u00fcr Leistungen einerseits und f\u00fcr motivationale Merkmale andererseits erheblich auseinander. In Mathematik zum Beispiel sind die M\u00e4dchen den Jungen in ihren Leistungen kaum noch unterlegen, sie sind aber deutlich weniger \u00fcberzeugt davon, in diesem Fach gut zu sein. Noch extremer ist die Diskrepanz in Physik. Und auch das Interesse an diesen F\u00e4chern ist bei den M\u00e4dchen deutlich geringer ausgepr\u00e4gt als bei den Jungen. Dies hat nat\u00fcrlich Folgen f\u00fcr die Berufswahl \u2013 wenn ich nicht dran glaube, dass ich im MINT-Bereich gut bin und mein Interesse daran gering ist, werde ich wenig geneigt sein, einen Beruf in diesem Bereich zu w\u00e4hlen. Wir m\u00fcssen also noch st\u00e4rker daran arbeiten, die MINT-F\u00e4cher f\u00fcr die M\u00e4dchen attraktiver zu machen und ihrem Image entgegenzuwirken, dass es sich dabei um Jungenf\u00e4cher handelt.<\/p>\n<p>Zur Person: Prof. Dr. Petra Stanat ist Direktorin des Instituts zur Qualit\u00e4tsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Sie ist Herausgeberin des IQB Bildungstrends &#8211; ein L\u00e4ndervergleich, der die Kompetenzen der Neuntkl\u00e4ssler in den F\u00e4chern Mathematik und Naturwissenschaften erhebt.<\/p>\n<p>Die s\u00e4chsischen Ergebnisse beim IQB-Bildungstrend 2018 gibt es <a href=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2019\/10\/18\/bundesweiter-schueler-vergleichstest-sachsen-belegt-spitzenplatz\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim IQB-Bildungstrend 2018 schnitt Sachsen erneut sehr gut ab. 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