{"id":601,"date":"2015-11-30T13:17:08","date_gmt":"2015-11-30T12:17:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=601"},"modified":"2017-12-12T09:34:04","modified_gmt":"2017-12-12T08:34:04","slug":"veraendern-uns-soziale-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2015\/11\/30\/veraendern-uns-soziale-medien\/","title":{"rendered":"Ver\u00e4ndern uns soziale Medien?"},"content":{"rendered":"<p>Informationen bekommen wir heute online schneller und umfangreicher als je zuvor. Eine immer st\u00e4rkere Rolle spielen dabei die sozialen Medien und Netzwerke. Neuigkeiten verbreiten sich hier rasend schnell.\u00a0Die Medien selbst mischen kr\u00e4ftig mit in den sozialen Netzwerken und nutzen\u00a0diese\u00a0gleichzeitig\u00a0als Quellen f\u00fcr ihre Berichterstattung. Doch haben wir alle\u00a0die Kompetenz, um selbst zu filtern? K\u00f6nnen wir Wahrheit und Objektivit\u00e4t \u00fcberhaupt noch unterscheiden? Wie sollten wir mit Aggressivit\u00e4t im Netz umgehen? Welches R\u00fcstzeug m\u00fcssen wir und muss die Schule unseren Kindern f\u00fcr diese vernetzte Welt mitgeben?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zu diesen Fragen\u00a0hat Nicole Kirchner,\u00a0Redakteurin\u00a0unserer Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.smk.sachsen.de\/5240.htm\" target=\"_blank\">\u00bbKlasse\u00ab,<\/a> mit dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Kliche gesprochen. Hier ein Auszug aus dem lesenswerten Interview.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich die Debattenkultur durch die sozialen Medien ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt neue Formen \u00f6ffentlicher Meinungs\u00e4u\u00dferung und die sind weniger steif. Die alten Formen herrschen noch im Fernsehen vor. Typisch sind die Rituale der Talkshows. Berufspolitiker hacken aufeinander herum und hauen sich halbrichtige Argumente und allerlei Bosheiten um die Ohren. F\u00fcr die neuen Formen ist dagegen ein Shitstorm typisch: Pl\u00f6tzlich sagen viele Menschen kurz, aber aufgew\u00fchlt ihre Meinung und verschwinden wieder. Die neuen Formen sind also regellos. Die ohnehin br\u00fcchigen Hemmschwellen der H\u00f6flichkeit im pers\u00f6nlichen Umgang fallen weg. Sie sind damit auch unberechenbar \u2013 wann was wie stark losbricht, von wem losgetreten, ist nicht kontrollierbar. Die neuen Formen lohnen sich also emotional: Mitmachen kostet wenig Zeit, Sachkenntnis oder M\u00fche, man kann aber intensiv Gef\u00fchle \u00e4u\u00dfern. Zu denen geh\u00f6rt leider auch der Genuss strafloser Aggression.<\/p>\n<p><strong>Zeigen die Menschen im Netz ihr wahres Gesicht?<\/strong><\/p>\n<p>Menschen haben immer mehrere Gesichter. Wir richten unser Verhalten nach Situationen aus \u2013 nach Rollen, nach der Meinung anderer, nach der Aussicht auf Erfolg. Was wegf\u00e4llt im Netz, ist die soziale Kontrolle solcher Regeln. Selbst eine einfache E-Mail kann rasch mal schnurzig geraten. Aber viele Menschen machen das nicht mit, viele melden Hetztexte den Betreibern. Und so zeigt vor allem Facebook sein wahres Gesicht \u2013 wo Hetze egal ist, so lange die Kasse stimmt. Wir erleben umgekehrt auch ein Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit. Also kein Grund f\u00fcr zynische Verallgemeinerungen, der Mensch sei halt so.<\/p>\n<p><strong>Liest man einige Formulierungen z.B. zur Asylthematik in den sozialen Netzwerken, hat man den Eindruck, dass demokratische Grundwerte keine Rolle mehr spielen. Droht unsere Gesellschaft daran zu zerbrechen?<\/strong><\/p>\n<p>Sicher nicht, Gesellschaft geht weit \u00fcber Gekeife hinaus. Sie besteht aus der Kenntnis und klugen Nutzung von Regeln, von sozialen Ordnungen, von Zusammenarbeit. Nat\u00fcrlich investieren Rechtsextreme viel Zeit in Hasspropaganda, sicher auch k\u00fcnftig. Sie hoffen auf den Fliegenstreifen-Effekt: Die Doofen bleiben kleben. Aber was wir daran erfahren, ist die demokratische Kultur als geduldige G\u00e4rtnerei. An jeder geschichtlichen Weiche m\u00fcssen wir uns unserer Werte und der Beteiligung der Menschen versichern, und das muss jede Generation f\u00fcr sich aufs Neue leisten. Demokratie gibt es nicht als Konserve, die muss immer wieder frisch auf den Tisch. Geduld und Standverm\u00f6gen sind also auch politische Tugenden.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen die klassischen Medien in gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen \u00fcberhaupt noch?<\/strong><\/p>\n<p>Paradoxerweise werden sie eher wichtiger. Je mehr Hassprediger und Spinner ihr wirres Zeug im Internet verbreiten, desto wichtiger werden ein paar seri\u00f6se Leitmedien, die Themen und akzeptable Repertoires von Geschichten dazu entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Sind soziale Medien die f\u00fcnfte Gewalt?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, sie haben f\u00fcr sich keine Linie, kein Integrations- oder gar Handlungsverm\u00f6gen. Sie spiegeln nur vorhandene Denkmuster und Motive. Sie sind nur ein kleiner Teil von \u00d6ffentlichkeit, sie b\u00fcndeln sie nicht zu einer eigenen Kraft. Mitunter sieht es zwar so aus, weil sie Handlungsbereitschaft rasch transparent machen. Das ist wohl ihr wichtigster politischer Effekt: Menschen handeln kollektiv, wenn sie Erfolgsaussichten sehen, und wo das pl\u00f6tzlich geschieht, brechen alte Regime unerwartet zusammen. Elektronik erm\u00f6glicht den raschen Austausch \u00fcber politische Motive und gibt ein rasches Bild, wie viele andere Menschen auch gern handeln w\u00fcrden \u2013 Beispiel \u00bbArabischer Fr\u00fchling\u00ab. Die neuen Technologien k\u00f6nnen also unkonventionelle Partizipation beschleunigen. Aber Revolution hat fr\u00fcher auch ohne Handy geklappt.<\/p>\n<p><strong>Im Netz sind immer mehr Falschinformationen unterwegs. Wie kann man sich vor ihnen sch\u00fctzen? Wie k\u00f6nnen das Sch\u00fcler lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Seit Menschen Sprache benutzen, scheint es ein Wettr\u00fcsten von L\u00fcgen und Entlarvungstechniken zu geben. Uns sch\u00fctzen letztlich die Querschnittsqualifikationen Verstand, Vernunft und Neugier. Meine Kinder brauchen deshalb drei Dinge: erstens ein Weltverst\u00e4ndnis, also ein Grundwissen, mit dem sie Tatsachen einordnen und beurteilen k\u00f6nnen. Fr\u00fcher hie\u00df das: Allgemeinbildung. Das ist wichtiger als neumodischer technischer Schnickschnack, der in vier Jahren veraltet. Dazu geh\u00f6rt auch viel eigene Anschauung \u2013 Reisen, Praktika, Begegnungen, Erfahrungsaustausch, Gespr\u00e4che \u00fcber Lebenserfahrungen. Zweitens brauchen sie solide Skepsis. Das kann man etwa durch die Erfahrung von Widerspr\u00fcchlichkeit und Manipulation erwerben. Eine Sammlung von Verschw\u00f6rungstheorien \u00fcber \u00bb9\/11\u00ab verwirrt, erheitert aber auch. Man kann selbst eine erfinden und ausprobieren, wer sie schluckt. Drittens brauchen meine Kinder das Verm\u00f6gen, ihr Weltwissen selbst weiterzuentwickeln. Aus Sicht der Psychologie ist das eine Meta- Perspektive auf das eigene Wissen: Menschen sollen abw\u00e4gend entscheiden, f\u00fcr welche Ziele sie Kompetenzen und Wissen brauchen, welchen Preis sie dabei f\u00fcr unkluge Entscheidungen zahlen, wie sie ihre F\u00e4higkeiten erweitern wollen und sich selbst dabei steuern k\u00f6nnen. Schule kann dazu ganz entscheidend beitragen, wie Beispiele guter Praxis zeigen. Schule beugt sich aber noch zu oft unter das Korsett des Lehrplans, und dann produziert sie dressierte Leistungsdackel. Die Hochschulen steuern zunehmend von Wissens- auf Kompetenzvermittlung um, diese Umorientierung wird auch die Schulen erfassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Thomas Kliche<\/strong><\/p>\n<p><strong> <a href=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Blog-Foto-Kliche.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-625\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Blog-Foto-Kliche-300x200.jpg\" alt=\"Blog Foto Kliche\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Blog-Foto-Kliche-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Blog-Foto-Kliche-1600x1067.jpg 1600w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Blog-Foto-Kliche-1800x1200.jpg 1800w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Blog-Foto-Kliche-1280x853.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>ist Diplom-Politologe, Diplom-Psychologe und Professor f\u00fcr Bildungsmanagement in der Elementarp\u00e4dagogik an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Thomas Kliche war Herausgeber der Zeitschrift f\u00fcr Politische Psychologie und Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psycholog\/-innen. Er forscht \u00fcber mediale und politische Diskurse, Rechtsextremismus, berufliche Sozialisation, Korruption, \u00fcber Organisationskultur und Innovationen im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie \u00fcber die Wirksamkeit und Qualit\u00e4t von Pr\u00e4vention.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Informationen bekommen wir heute online schneller und umfangreicher als je zuvor. Eine immer st\u00e4rkere Rolle spielen dabei die sozialen Medien und Netzwerke. Neuigkeiten verbreiten sich hier rasend schnell.\u00a0Die Medien selbst mischen kr\u00e4ftig mit in den sozialen Netzwerken und nutzen\u00a0diese\u00a0gleichzeitig\u00a0als Quellen f\u00fcr ihre Berichterstattung. Doch haben wir alle\u00a0die Kompetenz, um selbst zu filtern? 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