{"id":3657,"date":"2017-04-07T12:00:54","date_gmt":"2017-04-07T10:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=3657"},"modified":"2017-09-12T09:42:13","modified_gmt":"2017-09-12T07:42:13","slug":"auf-die-schulstruktur-an-sich-kommt-es-nicht-an-interview-mit-der-chefin-des-iqb-prof-dr-petra-stanat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2017\/04\/07\/auf-die-schulstruktur-an-sich-kommt-es-nicht-an-interview-mit-der-chefin-des-iqb-prof-dr-petra-stanat\/","title":{"rendered":"\u00bbAuf die Schulstruktur an sich kommt es nicht an.\u00ab  Interview mit der Chefin des IQB Prof. Dr. Petra Stanat"},"content":{"rendered":"<p>Wie gut ist eigentlich die Bildung in den einzelnen Bundesl\u00e4ndern? Den \u00dcberblick dar\u00fcber hat <a href=\"https:\/\/www.iqb.hu-berlin.de\/institut\/staff\/?pg=ma_18\" target=\"_blank\">Prof. Dr. Petra Stanat<\/a>, die Direktorin des <a href=\"https:\/\/www.iqb.hu-berlin.de\/institut\" target=\"_blank\">Institutes zur Qualit\u00e4tsentwicklung in der Bildung (IQB)<\/a>. Das Institut \u00fcberpr\u00fcft regelm\u00e4\u00dfig mittels Bildungsmonitoring, ob die Bundesl\u00e4nder die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz erf\u00fcllen. Im Interview mit uns bescheinigt sie Sachsen\u00a0gute Ergebnisse. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sieht sie in der Arbeit der Lehrer und im \u00bbschlanken zweigliedrigen Schulsystem\u00ab.\u00a0 Deshalb warnt sie auch davor, an dieser Struktur etwas zu \u00e4ndern. Sorgen macht ihr viel mehr der Generationswechsel bei den Lehrern.<\/p>\n<p>Ein Interview von Dirk Reelfs.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Sachsen hat beim IQB-L\u00e4ndervergleich nicht so schlecht abgeschnitten. Worin sehen Sie die St\u00e4rken s\u00e4chsischer Schulen?<\/h3>\n<figure id=\"attachment_4205\" aria-describedby=\"caption-attachment-4205\" style=\"width: 517px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4205\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Foto_Stanat_Farbe-2.jpg\" alt=\"foto_stanat_farbe-2\" width=\"517\" height=\"401\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Foto_Stanat_Farbe-2.jpg 1280w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Foto_Stanat_Farbe-2-300x233.jpg 300w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Foto_Stanat_Farbe-2-768x595.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 517px) 100vw, 517px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4205\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin des IQB<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong> Den s\u00e4chsischen Schulen scheint es insgesamt gut zu gelingen, alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu f\u00f6rdern. Dies war besonders beeindruckend im IQB-L\u00e4ndervergleich 2012, in dem wir Kompetenzen im Fach Mathematik und in den naturwissenschaftlichen F\u00e4chern untersucht haben. Aber auch in den sprachlichen F\u00e4chern, die Gegenstand des IQB-Bildungstrends 2015 waren, k\u00f6nnen sich die Ergebnisse Sachsens sehen lassen. Im Fach Deutsch zum Beispiel erreichte im Lesen und Zuh\u00f6ren ein signifikant h\u00f6herer Anteil von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern in Sachsen mindestens die Regelstandards als in Deutschland insgesamt. Und auch bei der Sicherung von Mindeststandards scheinen Schulen in Sachsen insgesamt besonders erfolgreich zu sein.<\/p>\n<h3>Wo sehen Sie Handlungsbedarf?<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong> Deutlicher Handlungsbedarf bestand im Jahr 2009 im Fach Englisch. Hier konnten die Kompetenzen von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern in Sachsen aber so weit gesteigert werden, dass diese im Bereich Leseverstehen im Jahr 2015 dem bundesdeutschen Durchschnitt entsprachen. Im Bereich H\u00f6rverstehen sind die Ergebnisse aber weniger g\u00fcnstig. So war der Anteil der Jugendlichen, die im englischsprachigen H\u00f6rverstehen den Regelstandard erreichten oder \u00fcbertrafen, signifikant geringer als im Bundesdurchschnitt. Das war aber in allen ostdeutschen L\u00e4ndern der Fall.<\/p>\n<h3>Sachsen gelingt es offenbar besser als andere L\u00e4nder, die schw\u00e4cheren Sch\u00fcler zu f\u00f6rdern. Der Anteil der Sch\u00fcler, die den Mindestanforderungen beim Lesen nicht gen\u00fcgen, ist in Sachsen geringer als anderswo. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong> Mit unseren Studien k\u00f6nnen wir zwar differenziertes Beschreibungswissen \u00fcber St\u00e4rken und Schw\u00e4chen liefern, Ursachen f\u00fcr die beobachteten Befunde lassen sich anhand der Daten aber nicht mit Sicherheit bestimmen. Man k\u00f6nnte vermuten, dass es zumindest zum Teil an der Zusammensetzung der Sch\u00fclerschaft liegt \u2013 der Anteil der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit Migrationshintergrund ist in Sachsen ja gering. Aber auch im Vergleich zu den anderen ostdeutschen L\u00e4ndern, die ebenfalls einen geringen Migrantenanteil haben, gelingt die Sicherung der Mindeststandards in Sachsen besonders gut. Das ist beeindruckend und weist darauf hin, dass die Lehrkr\u00e4fte in Sachsen die schwachen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler besonders effektiv f\u00f6rdern. Wie sie dies genau tun, m\u00fcsste man mit Studien untersuchen, die den Unterricht genauer analysieren.<\/p>\n<h3>Generelle Frage: Was macht ein Schulsystem erfolgreich?<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong> Ein Schulsystem ist dann erfolgreich, wenn alle Akteure \u2013 von der Bildungspolitik bis zur Bildungspraxis \u2013 die Qualit\u00e4t des Unterrichts ins Zentrum stellen und eine gemeinsame, tragf\u00e4hige Vorstellung von Unterrichtsqualit\u00e4t haben. Es m\u00fcssen Bedingungen geschaffen werden, die es Lehrkr\u00e4ften erm\u00f6glicht, einen Unterricht zu gestalten und fortlaufend weiterzuentwickeln, der durch effektive Klassenf\u00fchrung, kognitive Aktivierung und konstruktive Unterst\u00fctzung gekennzeichnet ist. Wichtig ist dabei auch, dass die Elemente der Qualit\u00e4tsentwicklung und Qualit\u00e4tssicherung auf den verschiedenen Ebenen des Systems gut durchdacht und aufeinander abgestimmt sind.<\/p>\n<h3>Sollte Sachsen auch \u00fcber eine Strukturreform nachdenken, um die Leistungsf\u00e4higkeit zu steigern? Immerhin blieb das zweigliedrige Schulsystem in Sachsen seit \u00fcber zwei Jahrzehnten unangetastet.<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong> Es gibt wahrscheinlich kein anderes Land auf der Welt, in dem so viele Schulstrukturreformen durchgef\u00fchrt werden wie in Deutschland. Dabei zeigt das Ergebnismuster der Schulleistungsstudien sehr deutlich: auf die Schulstruktur an sich kommt es nicht an! So haben im IQB-Bildungstrend sowohl zweigliedrige als auch dreigliedrige Systeme gute Ergebnisse erzielt. Sachsen ist gut beraten, es bei seinem schlanken zweigliedrigen System zu belassen. Es spricht einiges daf\u00fcr, dass die guten Ergebnisse, die hier erzielt werden, auch auf die Stabilit\u00e4t des Schulsystems zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, die es den Lehrkr\u00e4ften erlaubt, sich auf ihr Kerngesch\u00e4ft zu konzentrieren: die Gestaltung von Unterricht.<\/p>\n<h3>Auch in Sachsen ist der Lehrerarbeitsmarkt leergefegt. Immer h\u00e4ufiger besetzen Seiteneinsteiger die freien Lehrerstellen. Gibt es Erkenntnisse, wie sich die Leistungen der Sch\u00fcler entwickeln, wenn Seiteneinsteiger unterrichten?<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong> Was wir wissen ist, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler bei Lehrkr\u00e4ften, die das jeweilige Fach studiert haben, tendenziell etwas bessere Leistungen erzielen als bei fachfremd unterrichtenden Lehrkr\u00e4ften. Inwieweit Seiteneinsteiger mehr oder weniger effektiv sind, k\u00f6nnen wir jedoch noch nicht mit Sicherheit sagen. Zwar haben wir im IQB-Bildungstrend 2015 erste Analysen dazu durchgef\u00fchrt, die aber auf geringen Fallzahlen basierten und keine eindeutigen Ergebnisse zeigten. Diese Fragestellung werden wir aber in den folgenden Studien weiter verfolgen.<\/p>\n<h3>Eine Frage zum Schluss: Wenn Sie Kultusministerin von Sachsen w\u00e4ren, was w\u00fcrden Sie den Schulen auf den Weg geben?<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Petra Stanat:<\/strong>\u00a0Ich w\u00fcrde ihnen f\u00fcr die gute Arbeit danken und sagen: weiter so! Sorgen w\u00fcrde ich mir aber dar\u00fcber machen, wie das System den Generationenwechsel bei den Lehrkr\u00e4ften bew\u00e4ltigen wird, der ja auch mit einer deutlichen Zunahme von Seiteneinsteigern verbunden ist, die kein Lehramtsstudium absolviert haben. Hier w\u00fcrde ich die Schulen bitten, durch enge Zusammenarbeit der Kollegien daf\u00fcr zu sorgen, dass die neuen Lehrkr\u00e4fte gut in die Schul- und Unterrichtskultur vor Ort integriert werden, und ihnen die hierf\u00fcr erforderliche Unterst\u00fctzung anbieten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie gut ist eigentlich die Bildung in den einzelnen Bundesl\u00e4ndern? Den \u00dcberblick dar\u00fcber hat Prof. Dr. Petra Stanat, die Direktorin des Institutes zur Qualit\u00e4tsentwicklung in der Bildung (IQB). Das Institut \u00fcberpr\u00fcft regelm\u00e4\u00dfig mittels Bildungsmonitoring, ob die Bundesl\u00e4nder die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz erf\u00fcllen. Im Interview mit uns bescheinigt sie Sachsen\u00a0gute Ergebnisse. 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