{"id":3519,"date":"2017-02-06T10:20:00","date_gmt":"2017-02-06T09:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=3519"},"modified":"2017-09-12T09:40:58","modified_gmt":"2017-09-12T07:40:58","slug":"interview-mit-prof-dr-hans-vorlaender-politik-gibt-es-nicht-als-pizzaservice","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2017\/02\/06\/interview-mit-prof-dr-hans-vorlaender-politik-gibt-es-nicht-als-pizzaservice\/","title":{"rendered":"Interview mit Prof. Dr. Hans Vorl\u00e4nder: \u00bbPolitik gibt es nicht als Pizzaservice\u00bb"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3594\" aria-describedby=\"caption-attachment-3594\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3594 size-medium\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Vorlaender-300x200.jpg\" alt=\"vorlaender\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Vorlaender-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Vorlaender-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Vorlaender-1600x1066.jpg 1600w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Vorlaender-1280x853.jpg 1280w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Vorlaender.jpg 1772w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3594\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Hans Vorl\u00e4nder, Foto: SFB 804\/Nick Wagner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Um Demokratie zu verstehen und zu leben, braucht es eine oder zwei Generationen. Das war in Westdeutschland auch so, sagt <strong>Politikwissenschaftler Hans Vorl\u00e4nder<\/strong>. \u00dcber zu hohe Erwartungen an Politik, ein falsches Demokratie-Verst\u00e4ndnis und Grenzen direkter Mitbestimmung sprach Nicole Kirchner mit dem <a href=\"https:\/\/tu-dresden.de\/gsw\/phil\/powi\/poltheo\/zvd\" target=\"_blank\">Direktor des Zentrums f\u00fcr Verfassungs- und Demokratieforschung an der Technischen Universit\u00e4t Dresden.<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Sie haben sich als Wissenschaftler intensiv mit der Pegida-Bewegung besch\u00e4ftigt. Warum sind die Sachsen so frustriert gegen\u00fcber der Politik und der Demokratie?<\/h3>\n<p><strong>Prof. Dr. Hans Vorl\u00e4nder:<\/strong> Man muss erst einmal richtigstellen, dass nicht alle Sachsen frustriert sind. Wir haben aber festgestellt, dass diejenigen, die zu Pegida gehen, unzufrieden sind mit der Demokratie, wie sie praktiziert wird. Und das \u00e4u\u00dfert sich eben in der Kritik an Politik, Elite und Medien.<\/p>\n<h3>Woher kommt dieser Frust?<\/h3>\n<p>Das wissen wir nicht so richtig. Aber vielleicht hat es damit zu tun, dass viele Menschen zu hohe Erwartungen an die Demokratie und an die Politik haben. Sie glauben, dass Politik alles regeln muss und kann. Das ist aber nicht so, vor allem in Zeiten gro\u00dfen Wandels und gro\u00dfer Unsicherheit. Manche sagen: \u00bbWir bestellen und ihr Politiker m\u00fcsst liefern.\u201d Das ist ein Dienstleistungsverst\u00e4ndnis. Politik gibt es aber nicht als Pizzaservice. Au\u00dferdem kommt ein falsches Verst\u00e4ndnis oder inad\u00e4quates Verst\u00e4ndnis von demokratischen Prozessen hinzu. Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedliche Interessen und Wertvorstellungen haben, die in einem, manchmal sehr konflikthaften Prozess, zu einem Kompromiss gef\u00fchrt werden m\u00fcssen. Das ist ein langwieriger Prozess, der \u00fcber B\u00fcrgerbeteiligung, Parteien, Parlamente f\u00fchrt und schlie\u00dflich in eine Entscheidung m\u00fcndet.<\/p>\n<h3>Ein falsches Demokratie-Verst\u00e4ndnis: Ist das ein ostdeutsches Ph\u00e4nomen?<\/h3>\n<p>Generell gilt: Viele Menschen in der Bundesrepublik West wie Ost sind unzufrieden mit der konkreten Praxis der Demokratie, wenngleich sie der Demokratie als Staatsform ganz \u00fcberwiegend zustimmen. Aber die Unzufriedenheit ist in Ostdeutschland noch gr\u00f6\u00dfer. Man braucht einfach eine gewisse Zeit, um sich in die Demokratie hineinzuleben. Anscheinend reichen daf\u00fcr 25 Jahre nicht aus. Nicht alle Menschen haben in dieser Zeit gute Erfahrungen mit demokratischen Prozessen gemacht. Hinzu kommt, dass manche Menschen in den letzten 25 Jahren den Prozess des gesellschaftlichen, \u00f6konomischen und sozialen Wandels so unmittelbar und stark erfahren haben, dass Verunsicherungen und latente \u00c4ngste, das Erreichte wieder zu verlieren, zur\u00fcckgeblieben sind. Das \u00e4u\u00dfert sich jetzt als Kritik an unserer Demokratie.<\/p>\n<h3>Was w\u00e4re jetzt der n\u00e4chste Schritt, um diesen gesellschaftspolitischen Prozess weiter in Gang zu setzen und dieses falsche Verst\u00e4ndnis aufzul\u00f6sen?<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3525 alignleft\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Fotolia_117851860_XS.jpg\" alt=\"quipe\" width=\"465\" height=\"258\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Fotolia_117851860_XS.jpg 465w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Fotolia_117851860_XS-300x166.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/>Erstens muss man den Menschen genau zuh\u00f6ren, welche Sorgen sie haben. Sodann sind sie zu ermutigen, ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen und sich zu engagieren \u2013 und zwar in konstruktiver Weise. Es reicht in einer Demokratie nicht, dass man nur seinen Protest lautstark herausschreit, sondern man sollte ihn konstruktiv werden lassen. In Initiativen, in Parteien, im Parlament, bei Wahlen oder eben auch in \u00f6ffentlichen Diskussionen. Politisches Engagement hilft auch, Probleme zu l\u00f6sen. Und so wird es m\u00f6glich, sich in der Demokratie zurecht zu finden und mit der Demokratie und all ihren Defiziten, aber eben auch den gro\u00dfen M\u00f6glichkeiten leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Wie lange wird uns dieser Prozess noch begleiten?<\/h3>\n<p>Darauf gibt es keine konkrete Antwort. Es braucht mindestens eine, manchmal auch zwei Generationen, um sich mit einer neuen politischen Ordnung zu identifizieren und sich diese anzueignen. Das war in der alten Bundesrepublik auch so. In den 1970er Jahren gab es gro\u00dfe politische Polarisierungen. Aus dem Ergebnis dieser Polarisierung hat sich ein neues Verst\u00e4ndnis entwickelt, womit Menschen die Demokratie als die eigene angenommen und anerkannt haben.<\/p>\n<h3>Wo hat man aus Ihrer Sicht diesbez\u00fcglich in den letzten 25 Jahren Fehler gemacht?<\/h3>\n<p>Die Energien waren auf Um- und Aufbau gerichtet. Das war auch richtig so. Dabei hat es aber an Zeit und Freir\u00e4umen gemangelt, die Demokratie jenseits von Wahlen als lebens- und sch\u00fctzenswertes Gut zu erfahren.<\/p>\n<h3>Brauchen wir in Deutschland mehr oder weniger Demokratie?<\/h3>\n<p>Es kommt immer darauf an, was man unter Demokratie versteht. Wir brauchen immer das Engagement der B\u00fcrger, davon lebt die Demokratie. Politik ist schon vom Wortbegriff her nichts Anderes als \u00bbdie Angelegenheit der B\u00fcrger, die die B\u00fcrger selbst regeln\u00ab. Ohne Engagement funktioniert Demokratie nicht. Gerade im kommunalen Raum gibt es viele, auch direkte, Beteiligungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr B\u00fcrger und auch bessere Einflussm\u00f6glichkeiten. Das ist beim Land, beim Bund oder auf europ\u00e4ischer Ebene schon etwas schwieriger. Wer jedoch glaubt, in der direkten Demokratie liege das Allheilmittel f\u00fcr Demokratieverdrossenheit, der irrt.<\/p>\n<h3>Man muss also auch das Scheitern lernen\u2026<\/h3>\n<p>Man muss eine Frustrationstoleranz entwickeln. In einer Demokratie kann man nicht immer gewinnen und man kann auch nicht immer erwarten, dass Politiker das umsetzen, was ich selbst will. So funktioniert Demokratie nicht. Manchmal geh\u00f6rt man zu den Verlierern, das ist auszuhalten. Und doch kann es beim n\u00e4chsten Mal schon ganz anders sein, da findet man eine Mehrheit. Das ist der Vorteil von Demokratie.<\/p>\n<p><em>Nicole Kirchner sprach mit Hans Vorl\u00e4nder auch \u00fcber Demokratieerziehung an Schulen und die Bedeutung von Vereinen f\u00fcr die Demokratie. Der zweite Teil des Interviews erscheint demn\u00e4chst im SMK-Blog.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um Demokratie zu verstehen und zu leben, braucht es eine oder zwei Generationen. Das war in Westdeutschland auch so, sagt Politikwissenschaftler Hans Vorl\u00e4nder. \u00dcber zu hohe Erwartungen an Politik, ein falsches Demokratie-Verst\u00e4ndnis und Grenzen direkter Mitbestimmung sprach Nicole Kirchner mit dem Direktor des Zentrums f\u00fcr Verfassungs- und Demokratieforschung an der Technischen Universit\u00e4t Dresden.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,48],"tags":[78,169,28],"class_list":["post-3519","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildungspolitik","category-interview","tag-demokratiebildung","tag-demokratiefoerderung","tag-politische-bildung"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3519","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3519"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3519\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3660,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3519\/revisions\/3660"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3519"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3519"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3519"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}