{"id":12086,"date":"2025-08-11T08:09:51","date_gmt":"2025-08-11T06:09:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=12086"},"modified":"2025-07-24T10:18:00","modified_gmt":"2025-07-24T08:18:00","slug":"ki-macht-schule-interview-mit-prof-birte-platow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2025\/08\/11\/ki-macht-schule-interview-mit-prof-birte-platow\/","title":{"rendered":"KI macht Schule | Interview mit Prof. Birte Platow"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">K\u00fcnstliche Intelligenz ist l\u00e4ngst im Schulalltag angekommen. Sprachmodelle korrigieren Texte, Lernplattformen geben individuelles Feedback, digitale Assistenten begleiten Hausaufgaben. Der technologische Fortschritt bringt viele Vorteile \u2013 doch so manche p\u00e4dagogische Fragen bleiben ungekl\u00e4rt. Wie ver\u00e4ndert KI das Lernen, wenn Maschinen mitdenken? Zeit, genauer hinzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <a href=\"https:\/\/www.smk.sachsen.de\/publikationen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" title=\"\">aktuelle Ausgabe<\/a> der \u00bbKLASSE\u00ab beleuchtet die Rolle von K\u00fcnstlicher Intelligenz in Sachsens Schulen.  In einem ausf\u00fchrlichen Interview reflektiert Birte Platow, Professorin f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik, die Nutzung von KI als digitales Werkzeug. Die Wissenschaftlerin forscht an der Technischen Universit\u00e4t Dresden zu den Themen \u00bbTheologie und K\u00fcnstliche Intelligenz\u00ab sowie \u00bbBildung der Zukunft\u00ab und erkl\u00e4rt, welche Chancen und Herausforderungen sich aus dem Einsatz von KI im Unterricht ergeben k\u00f6nnen.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Chancen sehen Sie f\u00fcr den sinnvollen Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz im Unterricht?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der schulische Umgang mit K\u00fcnstlicher Intelligenz l\u00e4sst sich in drei Dimensionen denken \u2013 bildlich wie drei konzentrische Kreise. Im Innersten ist der kleinste Kreis: KI als Instrument. Hier geht es um den praktischen Einsatz \u2013 etwa durch Sprachmodelle, tutorielle Systeme oder Apps. Der n\u00e4chstgr\u00f6\u00dfere Kreis ist f\u00fcr mich die materielle Ebene: Hier wird KI selbst zum Unterrichtsgegenstand. Das ist in jedem Unterrichtsfach m\u00f6glich. Der Mathematikunterricht k\u00f6nnte beispielsweise zeigen, auf welchen mathematischen Grundlagen KI beruht. Der Religionsunterricht k\u00f6nnte die Frage beleuchten, welches Menschenbild hinter einer KI steckt. Der Deutschunterricht k\u00f6nnte sich damit auseinandersetzen, wie sich Sprache ver\u00e4ndert, wenn wir Texte nicht mehr selbst schreiben. Die dritte Dimension ist in meiner Wahrnehmung im schulischen Alltag am wenigsten im Blick. Sie sollte es aber sein \u2013 bei Menschen, die Schule entwickeln, in der Politik und ganz konkret vor Ort \u2013 bei Schulleitungen. Denn die dritte Dimension ist die systemische Ebene: Wie ver\u00e4ndert sich mit KI das Lernen? Wie ver\u00e4ndert sich die Idee von Bildung? Wie ver\u00e4ndert sich die Idee vom Menschen? Was kommt da an weiteren Eindr\u00fccken aus der Gesellschaft, wo KI ja im Moment auch eine alles durchdringende Technologie ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin \u00fcberzeugt, alle drei Dimensionen geh\u00f6ren in die Schule. Im Moment sehe ich es aber so, dass vor allem die instrumentelle Dimension gehyped und gef\u00f6rdert wird, langsam auch die materielle Dimension, am wenigsten aber die systemische Dimension.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mit Blick auf die von Ihnen beschriebene systemische Dimension: Wie wird sich denn aus Ihrer Sicht mit KI das Lernen ver\u00e4ndern?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, dass wir aktuell eine Verschiebung erleben. Bildung hatte schon immer eine soziale, eine emotionale, eine pragmatische und eine kognitive Komponente. KI ist nat\u00fcrlich besonders stark in der kognitiven Komponente \u2013 weil sie Wissen operationalisieren und auf dieser Basis vermitteln kann. Das kann sie individualisiert, differenziert, und sie kann Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dabei unterst\u00fctzen, Selbststeuerung zu entwickeln. Etwa wenn sie erkennen: Ich habe nur 80 Prozent erreicht, vor allem bin ich schw\u00e4cher bei Texten, aber stark im regelgeleiteten Lernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allein durch ihre allgegenw\u00e4rtige Pr\u00e4senz, ihren Hype \u2013 und nicht zuletzt, weil sie im Gegensatz zur menschlichen Lehrkraft nichts kostet \u2013 verst\u00e4rkt KI im Moment dieses Verst\u00e4ndnis von Lernen. Aber: Individualisiertes und differenziertes Lernen wird oft als rein positiv dargestellt. Dabei bedeutet es im Umkehrschluss, dass gemeinsames Lernen in der Gruppe in den Hintergrund tritt \u2013 dabei w\u00e4re das genau das, was unsere Gesellschaft gerade verst\u00e4rkt br\u00e4uchte. Und auch k\u00f6rperliches, haptisches Lernen kommt noch k\u00fcrzer, als es das ohnehin schon tut.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Ver\u00e4nderungen beobachten Sie dar\u00fcber hinaus?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sehe, dass sich durch KI auch das Gef\u00fcge der F\u00e4cher ver\u00e4ndert. F\u00e4cher, die gut in diese Logik passen, werden gest\u00e4rkt \u2013 andere dagegen weiter marginalisiert. Alles, was mit k\u00f6rperlichem oder \u00e4sthetischem Lernen zu tun hat, was sich nicht regelgeleitet in die KI-Logik pressen l\u00e4sst \u2013 wie etwa Religionsunterricht, Musik, Kunst oder Sport \u2013 wird es schwerer haben. Auch in meinem Fach, Religion, lie\u00dfen sich sicher 80 Prozent der Inhalte regelgeleitet abbilden. Aber die \u00fcbrigen 20 Prozent eben nicht \u2013 und die drohen zu verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Schule k\u00fcnftig dieser Logik folgt \u2013 dass digitalisiertes Lernen automatisch gutes, zukunftsgerichtetes Lernen ist \u2013 dann muss man sich dar\u00fcber im Klaren sein: Das hat Nebenwirkungen. Ich will das gar nicht bewerten \u2013 aber es muss klar sein, dass es diese Effekte gibt.<strong><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr die Schulen in Sachsen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcrde sagen: Ja, bitte \u2013 nehmt KI rein! Aber dann macht es bitte mit ganz viel Mut! Baut die Schulen um. \u00d6ffnet die F\u00e4chergrenzen, die Zeitschemata. Denkt den Lehrberuf neu. Die Berufsrealit\u00e4t ist: Du vermittelst Wissen. Alles, was sonst anf\u00e4llt \u2013 Streit schlichten, mit seelischen N\u00f6ten umgehen, auffangen \u2013 wird einfach erwartet. Und es wird nicht anerkannt. Dabei w\u00e4re das jetzt eine tolle Chance zu sagen: Wir geben genau diesem Teil endlich Raum.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie w\u00fcrden Sie Lehrkr\u00e4fte aller F\u00e4cher ermutigen, KI verantwortungsvoll in den Unterricht zu integrieren?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcrde auf zwei Ebenen verweisen, die ich bereits am Anfang angesprochen habe. Erstens: \u00dcberlegen Sie, welche Ihrer Inhalte sich gut mit KI-Tools vermitteln lassen \u2013 und markieren Sie diese bewusst. Nutzen Sie KI dort, wo es fachlich sinnvoll ist. Und zweitens: \u00dcberlegen Sie, wie Sie KI auch selbst zum Gegenstand Ihres Unterrichts machen k\u00f6nnen \u2013 das geht in jedem Fach. Sehen Sie die Schnittstellen zu anderen F\u00e4chern! Im Informatik-Lehrplan steht ja zum Beispiel, dass auch \u00fcber ethische Fragen oder gesellschaftliche Folgen von Technologie nachgedacht werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb habe ich auch vorhin gesagt: F\u00e4chergrenzen aufl\u00f6sen \u2013 das w\u00e4re vielleicht die dritte Aufgabe, die ich mir aus der Fachperspektive w\u00fcnschen w\u00fcrde.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum sollten sich Lehrkr\u00e4fte \u00fcberhaupt mit KI auseinandersetzen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gr\u00f6\u00dfte Aufgabe, zu der jede und jeder von uns beitr\u00e4gt, ist doch: m\u00fcndige, handlungs- und urteilsf\u00e4hige Pers\u00f6nlichkeiten zu begleiten. Junge Menschen, die in ihrer Lebenswelt genau das k\u00f6nnen sollen \u2013 urteilen, handeln, Verantwortung \u00fcbernehmen. Und diese Lebenswelt, in der sie jetzt schon leben \u2013 und sp\u00e4ter als Erwachsene noch viel mehr \u2013, ist durchdrungen von KI. Es gibt keinen Beruf, keine Lebenslogik, die davon unber\u00fchrt bleibt. Selbst banale Dinge wie ein Handy oder ein Fitnesstracker sind KI-basiert \u2013 und das wird auch nicht mehr weggehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb w\u00e4re es schlichtweg ein \u00bbKopf in den Sand\u00ab-Verhalten, wenn wir das ignorieren wollten. Nat\u00fcrlich kann und sollte man auch R\u00e4ume markieren, in denen KI ganz bewusst au\u00dfen vor bleibt. Das finde ich richtig \u2013 aber man muss sich dennoch mit dem Thema auseinandersetzen.<br><br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>KI ist kein reines Lehrkraft-Tool. Welche Rolle k\u00f6nnen auch Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler im Umgang mit KI einnehmen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler nutzen KI ja schon l\u00e4ngst \u2013 ganz selbstverst\u00e4ndlich. Ich kenne das auch aus meinem eigenen Familienkreis: Mein Sohn sagt zum Beispiel bei manchen Lehrkr\u00e4ften, dass er deren Erkl\u00e4rweise nicht versteht oder langweilig findet. Dann sucht er sich Erkl\u00e4rvideos oder \u00dcbungen im Netz \u2013 da gibt es ja viele Tutorinnen und Tutoren, die das anschaulicher machen. Das nutzen \u00fcbrigens nicht nur Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, sondern auch viele Studierende. Solange das nicht aus dem Ruder l\u00e4uft \u2013 also solange sie nicht glauben, Bildung bedeute nur noch, Sachwissen auswendig zu lernen und wiederzugeben \u2013 finde ich das absolut sinnvoll. Es gibt mittlerweile viele gute Lern-Apps, die mit kleinen Tests, sogenannten Assessments, arbeiten. Damit bekommt man ein recht gutes Bild davon, wo man steht \u2013 und kann sein eigenes Lernen beobachten und reflektieren. Auch das ist ein wichtiger Teil von Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es geht ja noch weiter: Es entstehen gerade Lernbegleiter, die individualisiert sind. Die versuchen am Anfang, den oder die Lernende kennenzulernen \u2013 mit Fragen wie: Was machst du in deiner Freizeit? Was interessiert dich? Was machst du mit deinen Freunden? Und diese Systeme sagen dann nicht nur \u00bbLern jetzt noch 20 Vokabeln\u00ab, sondern sie geben personalisierte Hinweise, schlagen Wege vor, motivieren \u2013 fast wie ein digitaler Zwilling.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann gerade f\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler hilfreich sein, die sozial nicht so gut eingebunden sind oder besondere Herausforderungen beim Lernen haben. Und oft ist es gut, wenn das au\u00dferhalb der Schule passiert \u2013 also als zweites Standbein neben einem Ort, der f\u00fcr manche eben auch schwierig sein kann.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Anforderungen stellen sich vor diesem Hintergrund an die Vermittlung von Medienkompetenz?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sehe ich zwei Ebenen. Die erste ist ganz banal \u2013 aber entscheidend: Wir haben es mit einem wahnsinnig dynamischen Markt zu tun. Das ist ein st\u00e4ndiges Hase-und-Igel-Spiel. Die Entwicklungen sind so schnell, dass Schule ihnen kaum hinterherkommt. Die zweite Ebene ist die scheinbare Nat\u00fcrlichkeit und Unausweichlichkeit, mit der junge Menschen diese Technologien erleben. F\u00fcr sie ist das einfach da. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich \u2013 ich bin erst als Erwachsene mit dem Internet in Ber\u00fchrung gekommen \u2013 war das ganz anders. Ich wei\u00df daher gar nicht, ob diese Unvermeidbarkeit wirklich schlecht ist. Aber klar ist: Es f\u00e4llt Jugendlichen unheimlich schwer, \u00fcberhaupt noch Distanz zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Allgegenwart erzeugt manchmal eine gewisse Naivit\u00e4t \u2013 weil es als ganz selbstverst\u00e4ndlich und ungef\u00e4hrlich wahrgenommen wird. Gleichzeitig erleben viele aber auch sehr genau, dass da problematische Aspekte sind. Und sie kommen trotzdem nicht raus. Das macht etwas mit ihnen. Es erzeugt Schuldgef\u00fchle, Defizitgef\u00fchle \u2013 und das kann sehr belastend sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kommt noch etwas Drittes hinzu: Diese Medien funktionieren nach eigenen Logiken \u2013 und dahinter stehen knallharte Interessen. Als Jugendlicher kann man dem kaum ausweichen. Und genau deshalb m\u00fcssen wir Medienkompetenz heute ganz anders denken: kritisch, tiefgreifend und mit viel mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lebensrealit\u00e4t der jungen Menschen.<strong><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>KI und Leistungsbewertung \u2013 was denken Sie dar\u00fcber?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fang mal mit dem Positiven an: KI kann uns wahnsinnig viel Zeit sparen. Und gerade das Korrigieren ist in vielen F\u00e4chern ein echter Zeittotschl\u00e4ger. Wenn wir hier effizienter werden, k\u00f6nnten wir vielleicht auch h\u00e4ufiger pr\u00fcfen \u2013 und damit ein kontinuierlicheres Bild der Leistungen gewinnen. Bisher funktionieren Tests ja oft wie Silvesterraketen: kurz hell, dann wieder weg \u2013 aber das ergibt kein gerechtes Bild, gerade f\u00fcr viele Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Mehr Feedback und mehr Gerechtigkeit \u2013 das w\u00e4re ein echter Gewinn. Vor allem, wenn man sich als Lehrkraft als Lernbegleiterin versteht. Und ich glaube: Das tun die meisten Lehrkr\u00e4fte, auch wenn Sch\u00fclerinnen, Sch\u00fcler oder Eltern das manchmal anders wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es gibt auch kritische Punkte. KI-gest\u00fctzte Bewertung ist eben nur bei bestimmten Inhalten m\u00f6glich \u2013 und auch nur auf eine bestimmte Weise. Denn was die Technik bewerten kann, muss operationalisierbar, messbar, sichtbar sein. Das bedeutet: Lernen und Pr\u00fcfen in sehr kleinen Einheiten \u2013 und dabei besteht die Gefahr, dass das gro\u00dfe Ganze verloren geht. Fragen nach Sinn, nach Transfer, nach Verbindung \u2013 all das ist zumindest in den meisten Apps nicht vorgesehen. Das k\u00f6nnte hinten runterfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann ist da noch ein dritter Punkt, den ich ziemlich wichtig finde: Die neue Transparenz. Sie hat Vorteile \u2013 aber sie hat eben auch eine Kehrseite. Theoretisch kann ich als Lehrkraft bei vielen Tools genau sehen, wer wie viel richtig hatte. Ich k\u00f6nnte sagen: 60\u202f% der Klasse haben bei einer Aufgabe falsch gelegen \u2013 also erkl\u00e4re ich es nochmal. Aber ich kann auch auf Knopfdruck sehen: Wer genau sind die 60\u202f%? Ich sehe dann: Anna, Hans und Martin hatten besonders viele Fehler. Und ich kann mir mit einem Klick anzeigen lassen, wie Martin \u00fcber das ganze Schuljahr hinweg abgeschnitten hat \u2013 vielleicht sehe ich, dass er nie \u00fcber 50\u202f% kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann? Vielleicht komme ich zu dem Schluss: Der passt nicht aufs Gymnasium. Selbst wenn ich als Lehrkraft sein Potenzial sehe und ihm die Bildungsempfehlung trotzdem geben will \u2013 ich glaube, in einer datenbasierten Gesellschaft f\u00e4llt das schwer. Diese Rationalit\u00e4t wirkt stark. Auch privat: Mein Sohn nutzt eine App, die eigentlich harmlos ist \u2013 sie zeigt nur, wie sich die Noten entwickeln. Aber ich erinnere mich: Als ich selbst in der Schule war, habe ich Noten, die nicht unterschrieben werden mussten, meinen Eltern auch nicht immer gezeigt. Das war ein wichtiger Lerneffekt \u2013 wir mussten taktieren, mussten entscheiden, wann sagen wir was, damit es am Zeugnistag keinen \u00c4rger gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese neue Transparenz macht Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gl\u00e4sern \u2013 und das ist ambivalent. F\u00fcr alle: F\u00fcr die Lernenden, f\u00fcr die Lehrkr\u00e4fte, die vielleicht mehr Verantwortung oder mehr Selbstbewusstsein brauchen. Und insgesamt, glaube ich, sollten wir uns klar machen: Diese starke Produktorientierung in unserem Bildungssystem \u2013 sie hat jahrhundertelang funktioniert. Aber KI wirft jetzt ganz neue, ernste Fragen auf. Denn sie verst\u00e4rkt diesen Fokus auf messbare Leistung \u2013 und blendet dabei vieles andere aus.<strong><br><br><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcnstliche Intelligenz ist l\u00e4ngst im Schulalltag angekommen. Sprachmodelle korrigieren Texte, Lernplattformen geben individuelles Feedback, digitale Assistenten begleiten Hausaufgaben. Der technologische Fortschritt bringt viele Vorteile \u2013 doch so manche p\u00e4dagogische Fragen bleiben ungekl\u00e4rt. Wie ver\u00e4ndert KI das Lernen, wenn Maschinen mitdenken? 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