{"id":11409,"date":"2024-04-17T07:00:20","date_gmt":"2024-04-17T05:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=11409"},"modified":"2024-04-10T11:05:30","modified_gmt":"2024-04-10T09:05:30","slug":"bildung-braucht-haltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2024\/04\/17\/bildung-braucht-haltung\/","title":{"rendered":"\u00bbBildung braucht Haltung\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Welche Rolle spielt die schulische Demokratiebildung im Superwahljahr? Um Schulen in dieser herausfordernden Situation praxisnahe Unterst\u00fctzung und Orientierung zu geben, hat KLASSE mit der Bildungswissenschaftlerin Anja Besand gesprochen. Sie ist Mitglied der Expertenkommission, die das Handlungskonzept \u00bbW wie Werte\u00ab \u00fcberarbeitet hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Frau Besand, was ist das Handlungskonzept \u00bbW wie Werte\u00ab eigentlich genau?<\/h2>\n<p>Das Handlungskonzept \u00bbW wie Werte\u00ab ist ein Papier, das sich mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie demokratische Schulentwicklung und politische Bildung im Bundesland Sachsen verbessert werden k\u00f6nnen, und das in diesem Zusammenhang sehr konkret wird. In diesem Papier geht es nicht um blumige S\u00e4tze, sondern ganz konkret darum, zu sagen, was getan werden muss, damit die Strukturen f\u00fcr demokratische Bildung in Sachsen gest\u00e4rkt werden. Das haben wir beim ersten \u00bbW wie Werte\u00ab-Prozess gesehen, und das werden wir auch im Kontext des zweiten Papiers sehen. Erinnern Sie sich noch? Vor dem ersten Papier haben wir in Sachsen mit Gemeinschaftskunde in Klasse 9 begonnen \u2013 danach in Klasse 7. \u00dcberall war der Satz zu h\u00f6ren: \u00bbPolitische Bildung ist nicht nur ein Fach, sondern Querschnittsaufgabe.\u00ab Aber es gab keine systematische Vorbereitung der Lehrkr\u00e4fte auf diese Aufgabe. Auch das hat sich in der Zwischenzeit ge\u00e4ndert. Das sind jetzt nur zwei Beispiele, aber das ist schon eine Ver\u00e4nderung ums Ganze. Ich hoffe sehr, dass auch das neue Papier diese Kraft entwickelt. Aber ich bin in diesem Zusammenhang eigentlich zuversichtlich. Die Kommission hat intensiv gearbeitet und die Notwendigkeit weiterer Ma\u00dfnahmen angesichts der derzeitigen Lage in den Schulen, denke ich, schon sehr deutlich gemacht. Die Handlungsempfehlungen selbst kann ich hier jetzt nicht alle aufz\u00e4hlen und w\u00fcrde die Vorstellung der konkreten Punkte auch gerne dem Ministerium \u00fcberlassen. Unsere Kommission hat das Papier am 2. Februar dem SMK \u00fcberreicht. Dort ist es, soweit ich wei\u00df, derzeit in einem Prozess, der sich ganz konkret mit der Umsetzungsplanung besch\u00e4ftigt und an dem alle betroffenen Abteilungen des SMK und des LaSuB beteiligt sind.<\/p>\n<h2>An wen richtet sich das Papier denn genau?<\/h2>\n<p>Das Papier richtet sich an unterschiedliche Akteure. Zuallererst ist es ein Papier, um die Strategie des Kultusministeriums im Hinblick auf die St\u00e4rkung und die Fortentwicklung demokratischer Schulentwicklung im Bundesland Sachsen anzuregen. Als fertiges Papier richtet es sich dann an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schulaufsicht, die mit der Lehrerbildung betrauten Einrichtungen im Freistaat Sachsen sowie die bereits kooperierenden beziehungsweise an einer Zusammenarbeit interessierten staatlichen und nicht staatlichen Institutionen. Es richtet sich aber auch direkt an Lehrkr\u00e4fte, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler und Eltern, denn demokratische Schulentwicklung kommt nicht nur top down, sondern auch bottom up zustande.<\/p>\n<h2>Was genau steht nun in dem neuen Papier?<\/h2>\n<p>Uns als Kommission ging es zum einen darum, etwas nachzubessern, was die Vielfalt von Schularten angeht. Das hei\u00dft, Sie k\u00f6nnen erwarten, dass im neuen Papier konkrete Handlungsempfehlungen f\u00fcr alle Schularten enthalten sind \u2013 und zwar sehr spezifische. Zum Beispiel f\u00fcr die Grundschule, die beruflichen Schulen und auch die F\u00f6rderschulen. Wichtig war der Kommission zudem, den Handlungsdruck auf Lehrkr\u00e4fte nicht noch weiter zu erh\u00f6hen, sondern auch dar\u00fcber nachzudenken, was sie beispielsweise an zeitlichen Ressourcen ben\u00f6tigen, um der Aufgabe demokratischer Schulentwicklung nachhaltig nachkommen zu k\u00f6nnen. Demokratische Schulentwicklung braucht Zeit und sie braucht einen Rahmen, denn alle gesellschaftlichen Konflikte bilden sich heute in der Schule ab. Da brauchen die Lehrkr\u00e4fte nicht nur Appelle, sondern echte Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<h2>M\u00fcssen Lehrkr\u00e4fte politisch neutral sein?<\/h2>\n<p>Das ist wirklich ein Mythos, der sich lange h\u00e4lt &#8211; obwohl ein Blick ins Schulgesetz oder die Landesverfassung hier eigentlich schnell Klarheit schaffen k\u00f6nnte. In der S\u00e4chsischen Landesverfassung steht in Artikel 101: \u00bbDie Jugend ist zur Ehrfurcht vor allem Lebendigen, zur N\u00e4chstenliebe, zum Frieden und zur Erhaltung der Umwelt, zur Heimatliebe, zu sittlichem und politischem Verantwortungsbewusstsein, zu Gerechtigkeit und zur Achtung vor der \u00dcberzeugung des anderen, zu beruflichem K\u00f6nnen, zu sozialem Handeln und zu freiheitlicher demokratischer Haltung zu erziehen.\u00ab Manches klingt vielleicht ein bisschen antiquiert, aber am Ende kommt es dann doch recht klar und deutlich raus: Es geht um eine freiheitlich demokratische Haltung, um Toleranz und Respekt, Gerechtigkeit, Umweltschutz, Frieden \u2026 Das sind die Werte, die die Lehrkr\u00e4fte in der Schule vermitteln sollen. Mit Neutralit\u00e4t hat das nichts zu tun. Es geht um die Werte des Grundgesetzes und durchaus auch um \u00dcberparteilichkeit \u2013 herausfordernd wird es, wenn wir mit Parteien konfrontiert sind, die im Konflikt mit den Werten des Grundgesetzes stehen. Hier braucht es eine klare Haltung. \u00dcbrigens ist das auch der Untertitel des Papiers \u00bbW wie Werte\u00ab: Bildung braucht Haltung.<\/p>\n<h2>Wie k\u00f6nnen Lehrkr\u00e4fte eine konstruktive Streitkultur etablieren?<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst geht es darum, anzuerkennen, dass zur Demokratie der Streit dazugeh\u00f6rt. Es geht nicht nur um Konsens, sondern auch um Konflikt, und das spiegelt sich eben auch in der Schule. Im Prinzip ist das eine gute Sache, dass Schulen Orte sind, in denen Konfliktlagen sichtbar werden. Wir haben das im Umgang mit Pegida gesehen, in der Pandemie. Schulen sind die Orte, an denen \u00fcber den richtigen Umgang gestritten wird, nicht nur mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, auch mit den Eltern und allen, die in der Schule ein- und ausgehen. Es ist wichtig, dass Schulen diesen Konflikten nicht ausweichen, sondern ihnen wertegeleitet begegnen. Allerdings brauchen sie daf\u00fcr auch Zeit. Zeit und eine klare Haltung, das ist das Allerwichtigste.<\/p>\n<h2>Was empfehlen Sie Lehrkr\u00e4ften in Sachsen f\u00fcr den Umgang mit politischen Parteien im Unterricht?<\/h2>\n<p>Es geht gar nicht so sehr darum, wie Lehrkr\u00e4fte mit Parteien umgehen, sondern mit politischen Fragen. Politische Fragen sind im Kern immer darauf gerichtet, dar\u00fcber nachzudenken, wie wir zusammenleben wollen. Auf diese Fragen gibt es unterschiedliche Antworten, die sich zuweilen auch politischen Richtungen oder Parteien zuordnen lassen \u2013 aber zuweilen auch quer dazu liegen. \u00dcber diese Fragen kann man sprechen, und dann kann man sich auch ansehen, was politische Akteure dazu zu sagen haben. Ich kann das vielleicht an einem Beispiel erkl\u00e4ren. Wir k\u00f6nnen dar\u00fcber sprechen, wie wir als Gesellschaft auf Herausforderungen reagieren wollen, die sich im Kontext der Migrationsfrage ergeben. Wir k\u00f6nnen aber nicht \u00fcber die grunds\u00e4tzliche Gleichwertigkeit aller Menschen sprechen, und wir sollten in diesem Zusammenhang auch dar\u00fcber nachdenken, was gerade die wichtigsten und brennendsten Fragen sind. Migration geh\u00f6rt meiner Meinung nach nicht auf die ersten Pl\u00e4tze.<\/p>\n<h2>L\u00e4dt man im Rahmen der Demokratiebildung auch Vertreter von Parteien ein, die vom Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Sachsen als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft worden sind?<\/h2>\n<p>So, jetzt kommen wir zum Eingemachten. Stellen Sie sich mal vor, wir w\u00fcrden in die Schule Menschen einladen, von denen wir wissen, dass sie vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft werden und die man gemeinhin als salafistisch bezeichnet. Na, da w\u00e4re in Sachsen aber was los. Man k\u00f6nnte das nat\u00fcrlich machen \u2013 aber dann muss man sich wirklich sehr gut vorbereiten, und ich glaube, da \u00fcbersch\u00e4tzen sich manche ganz geh\u00f6rig. Wir sehen ja, wie das in medialen Kontexten l\u00e4uft. Auch sehr gut ausgebildete Moderatorinnen und Moderatoren scheitern an dieser Herausforderung. Es gibt Rechtsprechung zu der Frage, wie Podiumsdiskussionen (auch in Schulen) im Vorfeld von Wahlen aussehen sollen. Aber niemand zwingt uns, in Schulen solche Podiumsdiskussionen durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<h2>Welche Fehler k\u00f6nnen Lehrkr\u00e4fte dabei machen?<\/h2>\n<p>Darauf gibt es keine kurze Antwort. Ich habe mit den Kollegen Rico Behrens und Stefan Breuer zusammen ein Buch geschrieben, in dem wir Handlungsstrategien ganz konkret beschreiben. Wenn ich das hier ganz grob zusammenfasse, dann sind viele Strategien als eher ausweichend zu beschreiben. Man geht dem Thema aus dem Weg. Das ist falsch.<\/p>\n<h2>Was ist die p\u00e4dagogisch richtige Art, zu reagieren?<\/h2>\n<p>Auch das ist wieder nicht leicht in einem Satz zu beantworten. Meinen Studierenden rate ich immer: Vermeidet Indifferenz! Rassismus ist keine Meinung und darf auch nicht als solche erscheinen. Welche Strategie im jeweiligen Fall die richtige ist \u2013 darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Aber Indifferenz sollte in Bildungssituationen in jedem Fall vermieden werden. Wir d\u00fcrfen uns in Bildungssituationen nicht an der Normalisierung menschenfeindlicher, antidemokratischer Positionen beteiligen. Wir m\u00fcssen solche Positionen mindestens als solche markieren.<\/p>\n<h3>W wie Werte<\/h3>\n<p>2018 hat das S\u00e4chsische Staatsministerium f\u00fcr Kultus das erste Handlungskonzept \u00bbW wie Werte\u00ab ver\u00f6ffentlicht \u2013 und erfuhr viel Lob f\u00fcr den Mut, dass es externe Fachleute damit beauftragt hatte, die Demokratiebildung voranzutreiben. Nun haben Expertinnen und Experten das Konzept \u00fcberarbeitet. Die Neuauflage von \u00bbW wie Werte\u00ab wird in den kommenden Wochen ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-11413\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/20220614_WWW_Blog-770x433-1.png\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/20220614_WWW_Blog-770x433-1.png 770w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/20220614_WWW_Blog-770x433-1-300x169.png 300w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/20220614_WWW_Blog-770x433-1-768x432.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 770px) 100vw, 770px\" \/><\/p>\n<p>Auf der Seite <a href=\"https:\/\/politische.bildung.sachsen.de\/\">politische.bildung.sachsen.de<\/a> finden die Schulen unterst\u00fctzende Materialien, Ma\u00dfnahmen und Ansprechpersonen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/publikationen.sachsen.de\/bdb\/artikel\/43823\" data-auto-event-observed=\"true\">Weitere spannende Beitr\u00e4ge lesen Sie in unserer neuen KLASSE<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Text: Antje Tiefenthal<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Rolle spielt die schulische Demokratiebildung im Superwahljahr? 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