{"id":10973,"date":"2023-09-08T08:55:13","date_gmt":"2023-09-08T06:55:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=10973"},"modified":"2023-09-18T10:18:09","modified_gmt":"2023-09-18T08:18:09","slug":"koordinierungsstelle-alphabetisierung-und-grundbildung-in-sachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2023\/09\/08\/koordinierungsstelle-alphabetisierung-und-grundbildung-in-sachsen\/","title":{"rendered":"\u00bbGemeinsame Aktivit\u00e4ten mit Kindern, wie aus B\u00fcchern vorlesen, R\u00e4tsel l\u00f6sen oder Hilfe bei Hausaufgaben leisten, sind nur schwer m\u00f6glich\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Wie meistern Menschen ihren Alltag, denen das Lesen und Schreiben schwerf\u00e4llt? Welche Unterst\u00fctzung gibt es f\u00fcr sie in Sachsen? Zum heutigen Weltalphabetisierungstag haben wir mit Lisa Edler, Projektleiterin beim SVV f\u00fcr die Koordinierungsstelle Alphabetisierung und Grundbildung in Sachsen ALFA<sup>plus<\/sup>, gesprochen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Die Studie LEO 2018 \u2013 \u00bbLeben mit geringer Literalit\u00e4t\u00ab (Universit\u00e4t Hamburg) weist aus, dass mehr als die H\u00e4lfte der Personen mit geringer Literalit\u00e4t als Erstsprache Deutsch haben. Etwa 60 Prozent sind erwerbst\u00e4tig und mehr als ein Drittel lebt mit minderj\u00e4hrigen Kindern zusammen. Wie gelingt ihnen das?<\/h2>\n<p>Im Alltag stehen diese Menschen vor gro\u00dfen Herausforderungen. Die Studie hat aufgezeigt, dass gering literalisierte Menschen sehr viele Strategien entwickelt haben, um ihren Lebensalltag zu bew\u00e4ltigen. Damit kommen sie h\u00e4ufig ganz gut zurecht. Aber es bestehen deutliche Benachteiligungsrisiken und Abh\u00e4ngigkeiten von privaten oder professionellen Hilfsstrukturen.<\/p>\n<h2>Welche Benachteiligungen sind das?<\/h2>\n<p>Ohne Hilfe k\u00f6nnen sie sich z. B. Beh\u00f6rdenpost oder Beipackzettel oft nicht erschlie\u00dfen, Formulare nicht ausf\u00fcllen und E-Mails nicht schreiben. In manchen F\u00e4llen werden Beh\u00f6rdenbriefe gar nicht ge\u00f6ffnet. Auch wenn der Familienalltag mit gut eingepr\u00e4gten Routinen und der Hilfe anderer zumeist bew\u00e4ltigt wird, sind gemeinsame Aktivit\u00e4ten mit Kindern, wie aus B\u00fcchern vorlesen, R\u00e4tsel l\u00f6sen oder Hilfe bei Hausaufgaben leisten, nur schwer m\u00f6glich. Das kann dazu f\u00fchren, dass zu wenig Sprachgef\u00fchl und Interesse f\u00fcr die Schriftsprache geweckt und Probleme mit dem Lesen und Schreiben \u00bbweitergegeben\u00ab werden.<\/p>\n<h2>Nutzen gering Literalisierte die digitalen M\u00f6glichkeiten?<\/h2>\n<p>Die LEO-Studie hat gezeigt, dass Personen, denen Lesen und Schreiben schwerfallen, wie alle anderen auch Smartphones und soziale Medien zur Kommunikation aktiv nutzen. Erkl\u00e4rvideos oder barrierefreie Informationsseiten mit Vorlesefunktion helfen sehr. Viel seltener nutzen gering literalisierte Menschen Computer und das Internet, um z. B. E-Mails zu schreiben, eine Fahrkarte zu kaufen oder im Internet nach Informationen zu suchen. Das hat Auswirkungen auf die beruflichen Chancen. Die gravierendsten Nachteile bestehen aber f\u00fcr die freie Urteils- und Meinungsbildung der Betroffenen. Wenn das Lesen, Schreiben oder Rechnen sehr schwerfallen, schr\u00e4nkt dies das kritische Hinterfragen und die \u00bbTiefenpr\u00fcfung\u00ab, z. B. durch Nachlesen im Kleingedruckten, nochmaliges Recherchieren oder Vergleiche von Angeboten, erheblich ein. Auch das Pr\u00fcfen von Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt ist dadurch erschwert.<\/p>\n<h2>Dennoch mussten die Akteure wie auch das SMK selbst feststellen, dass die Kurse und Lerngelegenheiten von zu wenigen Menschen genutzt werden.<\/h2>\n<p>Solange die Personen halbwegs klarkommen, wird das Problem tabuisiert &#8211; vom Umfeld und von den Betroffenen selbst. Viele der Betroffenen sind erwerbst\u00e4tig, manche haben z. B. Arbeitsabl\u00e4ufe auswendig gelernt, um nicht aufzufallen. Von den bestehenden Angeboten, wie den Kursen f\u00fcr Lesen und Schreiben, Rechnen oder Computernutzung, wissen die Betroffenen und ihre Vertrauenspersonen oder Arbeitgeber oft nichts. Daher ist es wichtig, \u00f6ffentlichkeitswirksam f\u00fcr das Thema zu sensibilisieren. Ein weiterer Grund ist, dass Menschen mit schlechten Lernerfahrungen der Mut und die Motivation, z.B. ein starkes Ziel, fehlen, sich als Erwachsener einem Lernprozess zu stellen und neben Arbeit und Familienalltag noch regelm\u00e4\u00dfig einen Kurs zu besuchen. Sie brauchen daf\u00fcr ermutigende Unterst\u00fctzung von Vertrauenspersonen und professionelle Lernberatung.<\/p>\n<h2>Welchen Beitrag kann die Koordinierungsstelle leisten?<\/h2>\n<p>ALFA<sup>plus<\/sup> wird landesweit mehr Transparenz schaffen und m\u00f6glichst viele Menschen f\u00fcr das Thema sensibilisieren. Daf\u00fcr nutzen wir auch gro\u00dfe \u00f6ffentliche Veranstaltungen, wie den Tag der Sachsen in Aue-Bad Schlema oder den Weltalphabetisierungstag am 8. September. Gemeinsam mit den regionalen Akteuren wird das unmittelbar \u00bbmitwissende Umfeld\u00ab der Personen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten, z. B. Angeh\u00f6rige, Kolleginnen und Kollegen oder der Freundes- und Bekanntenkreis, vor Ort informiert und beraten. Informationen gibt es auch regelm\u00e4\u00dfig direkt von uns \u00fcber die sozialen Medien (alfaplussachsen) und auf unserer Internetseite www.alfa-sachsen.de. Au\u00dferdem tr\u00e4gt ALFA<sup>plus<\/sup> zur Qualit\u00e4tsentwicklung bei, indem beispielsweise die Akteure der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit in Sachsen miteinander vernetzt und deren Angebote transparent gemacht werden.<\/p>\n<h2>Kommen auch Menschen in der \u00d6ffentlichkeit zu Wort, die das Thema selbst betrifft?<\/h2>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich. Wir freuen uns sehr, dass uns Lernende in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit unterst\u00fctzen. Beeindruckend sind oft ihre Lebensgeschichten und die Herausforderungen, denen sie sich gestellt haben. Insbesondere der Mut, den sie aufgebracht haben, um das Lesen und Schreiben nun erstmals oder erneut in den Kursen zu lernen, ist bewundernswert. Das kann anderen Mut machen. Diese Lernenden gilt es auch zu st\u00e4rken und zu gewinnen, an die \u00d6ffentlichkeit zu treten.<\/p>\n<h2>Gibt es weitere s\u00e4chsische Akteure, die sich f\u00fcr die Betroffenen einsetzen?<\/h2>\n<p>Ja, erfreulich viele, denn es braucht sehr verschiedene Akteure im Feld der Alphabetisierung und Grundbildung. Zum einen sind es die Bildungseinrichtungen, welche teilweise seit vielen Jahren Kurse und Projekte zur Grundbildung umsetzen und f\u00fcr Lernende zum festen Ansprechpartner geworden sind. Viele nutzen die ESF-F\u00f6rderrichtlinie des SMK, zum Beispiel CJD Sachsen (Christliches Jugenddorfwerk Deutschland), IB (Internationaler Bund f\u00fcr Bildung und soziale Dienste) oder die DIU (Dresden International University), um Alphabetisierungskurse anzubieten. Die 15 Volkshochschulen in Sachsen sind auch immer eine gute Anlaufstelle, da sie individuell beraten und sehr vielf\u00e4ltige Lernangebote auch im Grundbildungsbereich haben. Ein Bildungstr\u00e4ger, der Erwerbst\u00e4tigen Lernangebote direkt am Arbeitsplatz erm\u00f6glicht, ist Arbeit und Leben Sachsen e.V. Wichtige Akteure sind auch die Mehrgenerationenh\u00e4user, Jobcenter, Arbeitsagenturen und sozialr\u00e4umliche Einrichtungen wie Beratungsstellen oder Familienzentren, da diese oft mit Menschen im engen Kontakt stehen, die sich Beratung und Unterst\u00fctzung w\u00fcnschen. Ich bin sehr dankbar f\u00fcr die Menschen vor Ort, insbesondere den ehrenamtlich T\u00e4tigen, die sich f\u00fcr die Betroffenen einsetzen.<\/p>\n<h2>Was m\u00f6chten Sie als n\u00e4chstes erreichen?<\/h2>\n<p>In K\u00fcrze soll die Internetseite der Koordinierungsstelle ALFA<sup>plus<\/sup> ausgebaut sein. Ziel ist eine zentrale Informationsplattform f\u00fcr interessierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, f\u00fcr beratende Fachkr\u00e4fte und Institutionen sowie f\u00fcr die Lernenden. Sie informiert zu den Aktivit\u00e4ten, Lernangeboten und Kontaktm\u00f6glichkeiten in Sachsen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ben\u00f6tigen wir stets aktuelle Informationen. Daher ist ein weiteres Ziel, die landesweite Zusammenarbeit der Akteure verbindlich zu planen. Und schlie\u00dflich bereiten wir weitere Aktivit\u00e4ten zur \u00d6ffentlichkeitsarbeit vor. Zum \u00bbTag der Sachsen\u00ab Anfang September war die Koordinierungsstelle in Aue-Bad Schlema auf der Innovations- und Bildungsmeile. Zudem sind Aktivit\u00e4ten zum Weltalphabetisierungstag geplant. Am 8. November veranstalten wir in Chemnitz unsere erste Fachtagung f\u00fcr die Akteure der Alphabetisierung und Grundbildung, bei der es insbesondere um finanzielle Grundbildung geht.<\/p>\n<h2>Was genau ist der Weltalphabetisierungstag?<\/h2>\n<p>Der Weltalphabetisierungstag wurde Mitte der 1960er Jahre von der UNESCO ins Leben gerufen. Er soll ins Bewusstsein rufen, dass weltweit f\u00fcr rund 770 Millionen Erwachsene das Lesen und Schreiben eine Herausforderung ist. Auch in diesem Jahr finden am 8. September zahlreiche Veranstaltungen statt.<\/p>\n<h2>Was hat ALFA<sup>plus<\/sup> anl\u00e4sslich dieses Tages geplant?<\/h2>\n<p>ALFA<sup>plus<\/sup> veranstaltet an diesem Tag eine Gespr\u00e4chsrunde in Dresden, an der der S\u00e4chsische Staatsminister f\u00fcr Kultus, Christian Piwarz, und Lernbotschafter Enrico Bakan teilnehmen. Dar\u00fcber hinaus werden mit dem <em>vhs-Lerntreff Behring24<\/em> und dem Projekt <em>mittendrin \u2013 mit Kopf und Ball<\/em> zwei erfolgreiche Konzepte der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit in Sachsen vorgestellt. Sie sind ein Vorbild f\u00fcr m\u00f6gliche neue Projekte und Strategien, um die Lese- und Schreibf\u00e4higkeiten der s\u00e4chsischen Bev\u00f6lkerung zu verbessern. Enrico Bak\u00e1n hat selbst im Erwachsenenalter richtig lesen und schreiben gelernt und m\u00f6chte mit seiner Geschichte anderen Menschen Mut machen.<\/p>\n<p>Auch andere Akteure in Sachsen haben an diesem Tag Veranstaltungen geplant. Die Alphabetisierungskurse vom CJD Sachsen aus Annaberg-Buchholz, Chemnitz und Aue-Bad Schlema besuchen beispielsweise gemeinsam das Erzgebirgsmuseum. Die Lerngruppen m\u00f6chten dabei mit den Besucherinnen und Besuchern des Museums ins Gespr\u00e4ch kommen und f\u00fcr das Thema geringe Literalit\u00e4t sensibilisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie meistern Menschen ihren Alltag, denen das Lesen und Schreiben schwerf\u00e4llt? Welche Unterst\u00fctzung gibt es f\u00fcr sie in Sachsen? 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