{"id":10918,"date":"2023-08-28T09:40:13","date_gmt":"2023-08-28T07:40:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=10918"},"modified":"2023-09-18T10:17:23","modified_gmt":"2023-09-18T08:17:23","slug":"meine-liebe-war-immer-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2023\/08\/28\/meine-liebe-war-immer-deutsch\/","title":{"rendered":"\u00bbMeine Liebe war immer Deutsch\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Yuliia Didenko ist gemeinsam mit ihrer Tochter vor dem Massaker im ukrainischen Butscha nach Dresden gefl\u00fcchtet. Seit dem Fr\u00fchjahr 2022 unterrichtet sie gefl\u00fcchtete Kinder und Jugendliche und hilft ihnen, sich hier geborgen zu f\u00fchlen und die deutsche Sprache zu lernen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u00bbAls der Krieg begann, haben wir uns im Keller unserer Nachbarn versteckt\u00ab, sagt Yuliia Didenko. Mit leiser und ruhiger Stimme erz\u00e4hlt sie davon, wie sie und ihre Familie Nacht f\u00fcr Nacht die Bomben \u00fcber ihren K\u00f6pfen h\u00f6rten, die im Fr\u00fchjahr 2022 in Kiew einschlugen. Eigentlich m\u00f6chte Yuliia Didenko gar nicht \u00fcber das sprechen, was sie gesehen und erlebt hat. Sie stammt aus Butscha \u2013 dem Ort, dessen Name nach grausamen Kriegsverbrechen gegen die Zivilbev\u00f6lkerung um die Welt gegangen ist.<\/p>\n<p>Nach drei Wochen Angst entschied sie sich f\u00fcr einen radikalen Schritt: die Flucht nach Deutschland, \u00bbum mein Leben und das meiner Tochter zu retten.\u00ab Yuliia Didenko lie\u00df Haus, Freunde, Familie und ihren Ehemann zur\u00fcck \u2013 als wehrpflichtiger Mann darf er die Ukraine nicht verlassen. Knapp zwei Tage sp\u00e4ter erreichten Mutter und Tochter im Fr\u00fchjahr 2022 die s\u00e4chsische Landeshauptstadt.<\/p>\n<h2>Mit der deutschen Sprache aufgewachsen<\/h2>\n<p>Warum Deutschland? Eine Frage, \u00fcber die Yuliia Didenko nicht lange nachdenken musste. Ihre ersten deutschen Worte lernte sie als Kind von ihrem Vater, der als Dolmetscher arbeitete. Statt deutschsprachiger Kinderb\u00fccher gab er seiner Tochter Lehrb\u00fccher zum Lesen. \u00bbMeine Liebe war immer Deutsch\u00ab, sagt Yuliia Didenko. Diese Liebe zur Sprache machte sie zum Beruf: In Kiew unterrichtete sie Deutsch und Franz\u00f6sisch an einer Gesamtschule. Schon vor der Flucht war sie mehrfach in Deutschland und auch in Dresden \u2013 die Lehrerin begleitete ukrainische Kinder, die hier an Kulturprogrammen teilnahmen. Angekommen in Deutschland, konnten sie und ihre Tochter zwischen mehreren Orten w\u00e4hlen: \u00bbWir entschieden uns f\u00fcr Dresden, meine Tochter wollte gern in eine gr\u00f6\u00dfere Stadt, wir haben au\u00dferdem Bekannte hier.\u00ab<\/p>\n<p>Eine deutsche Familie nahm Yuliia Didenko und ihre damals 15-j\u00e4hrige Tochter auf \u2013 \u00bbwundersch\u00f6ne Menschen, die uns sehr, sehr geholfen und unterst\u00fctzt haben.\u00ab Als Yuliia Didenko davon h\u00f6rte, dass Dresden ukrainische Lehrkr\u00e4fte suchte, um die gefl\u00fcchteten Kinder zu unterrichten, meldete sie sich sofort. \u00bbIch hatte zwar von Anfang an Sprachkurse f\u00fcr Frauen an der Volkshochschule gegeben, aber ich wollte mehr als das. Ich wollte nicht einfach zu Hause bleiben, ich brauchte etwas zu tun, wollte mich n\u00fctzlich f\u00fchlen\u00ab, erkl\u00e4rt sie.<\/p>\n<h2>Ruhe und Struktur<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-10921 size-medium\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dresden-Didenko-03-Kopie-300x207.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dresden-Didenko-03-Kopie-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dresden-Didenko-03-Kopie-1600x1105.jpg 1600w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dresden-Didenko-03-Kopie-768x530.jpg 768w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dresden-Didenko-03-Kopie-1536x1060.jpg 1536w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dresden-Didenko-03-Kopie-2048x1414.jpg 2048w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dresden-Didenko-03-Kopie-1280x884.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Im April 2022 startete sie als Lehrerin an der eigens f\u00fcr gefl\u00fcchtete ukrainische Kinder und Jugendliche eingerichteten Au\u00dfenstelle der 116. Oberschule in Dresden. Schulleiter Tobias J\u00e4ger machte Yuliia Didenko kurzerhand zur stellvertretenden Schulleiterin. \u00bbZum Start habe ich schnell versucht, Strukturen zu schaffen, damit die Schule funktioniert. Frau Didenko war mit ihrer herzlichen, offenen Art und ihren ausgezeichneten Deutschkenntnissen ideal, um gemeinsam mit mir und einem weiteren Kollegen aus der Ukraine diese Schule zu leiten\u00ab, sagt er. Schnell entschied das Kollegium, dass es zun\u00e4chst einmal darum gehen musste, dass die Kinder sich aufgehoben f\u00fchlen und in Ruhe lernen k\u00f6nnen. Jedes Kind erh\u00e4lt w\u00f6chentlich zehn Stunden Unterricht Deutsch als Zweitsprache (DaZ), in den restlichen Stunden hielt sich das Team an die ukrainischen Lehrpl\u00e4ne, um die Anschlussf\u00e4higkeit zu gew\u00e4hrleisten. \u00bbWir wussten ja nicht, wann und ob die Kinder wieder nach Hause k\u00f6nnen\u00ab, sagt Tobias J\u00e4ger.<\/p>\n<p>In den knapp 1,5 Jahren hat Yuliia Didenko Erstaunliches geleistet: Sie hat nicht nur einen Ort geschaffen, an dem sich die Kinder ihrer Klassen geborgen f\u00fchlen k\u00f6nnen, sie hat vielen von ihnen die deutsche Sprache auch so vermitteln k\u00f6nnen, dass sie in Alltagssituationen zurechtkommen. Doch nicht alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler erreicht die 44-J\u00e4hrige. Ein M\u00e4dchen bleibt die gesamte Unterrichtsstunde \u00fcber an ihrem Platz sitzen, arbeitet allein und bekommt von Yuliia Didenko eigene Aufgaben, w\u00e4hrend der Rest der Klasse gemeinsam Aufgaben l\u00f6st. \u00bbSie spricht nicht mehr mit anderen Menschen\u00ab, sagt ihre Lehrerin. Bei anderen Kindern sei es schwer, sie \u00fcberhaupt zu motivieren, Deutsch zu lernen. \u00bbSie wollen nach Hause, vermissen ihr Bett, ihr Zimmer, ihr Leben. Sie hoffen immer noch darauf, bald zur\u00fcck in die Ukraine zu k\u00f6nnen.\u00ab Nach einer Pause f\u00fcgt Yuliia Didenko hinzu: \u00bbDiese Generation an Kindern hat seelische Verletzungen erlitten, die ein Leben lang nicht mehr heilen werden.\u00ab<\/p>\n<h2>\u00bbUkrainische\u00ab Schule wird aufgel\u00f6st<\/h2>\n<p>Umso dankbarer ist sie, dass das Land Sachsen diese Schule erm\u00f6glicht und ihr, dem Kollegium und den Kindern einen Ort gegeben hat, der sich ein kleines bisschen wie eine ukrainische Insel inmitten von Dresden anf\u00fchlt. Das sei gut und wichtig gewesen, um Sicherheit zu geben. Was aber jetzt fehlen w\u00fcrde, sei Integration. \u00bbDie gefl\u00fcchteten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler haben kaum oder gar keinen Kontakt zu deutschen Kindern und Jugendlichen\u00ab, erkl\u00e4rt Yuliia Didenko. Zum Schuljahresende 2023\/24 wird die \u00dcbergangsschule* deshalb aufgel\u00f6st, die Lehrkr\u00e4fte und alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler werden an Dresdner Regelschulen verteilt. Yuliia Didenko geh\u00f6rt zu den ukrainischen Lehrkr\u00e4ften, die zum neuen Schuljahr dauerhaft an Sachsens Schulen unterrichten d\u00fcrfen. Ob sie gekommen ist, um zu bleiben? Nein, das k\u00f6nne sie nicht sagen. \u00bbDie Zukunft existiert einfach nicht mehr. Ich habe verstehen m\u00fcssen, dass meine Pl\u00e4ne nichts mehr bedeuten, weil ich nicht wei\u00df, was morgen ist\u00ab, sagt sie und f\u00fcgt hinzu: \u00bbIch werde weiter den Kindern helfen, sich hier besser zu f\u00fchlen, wenn sie Deutsch sprechen k\u00f6nnen. Ich versuche, etwas Gutes in diesem Leben zu machen.\u00ab<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/publikationen.sachsen.de\/bdb\/artikel\/42675\/documents\/64877\"><strong>Die aktuelle KLASSE gibt es hier zum Download.<\/strong><\/a><\/p>\n<p>* Angeschlossen an die 49. Grundschule und die 116. Oberschule in Dresden war die Schule eine \u00dcbergangs- und Notl\u00f6sung f\u00fcr aus der Ukraine gefl\u00fcchtete Kinder und Jugendliche. Im neuen Schuljahr lernen sie an Regelschulen und erhalten weiterhin DaZ-Unterricht. Yuliia Didenko bleibt an der 116. Oberschule.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Text: Antje Tiefenthal<\/p>\n<p>Fotos: Matthias Rietschel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yuliia Didenko ist gemeinsam mit ihrer Tochter vor dem Massaker im ukrainischen Butscha nach Dresden gefl\u00fcchtet. Seit dem Fr\u00fchjahr 2022 unterrichtet sie gefl\u00fcchtete Kinder und Jugendliche und hilft ihnen, sich hier geborgen zu f\u00fchlen und die deutsche Sprache zu lernen.<\/p>\n","protected":false},"author":138,"featured_media":10920,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[682,151],"tags":[26,278,36,743,106,407,62,632,683],"class_list":["post-10918","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ukraine","category-zeitschrift-klasse","tag-daz","tag-klasse","tag-lehrer","tag-lehrerzimmer","tag-oberschule","tag-sachsen","tag-schule","tag-schulmagazin","tag-ukraine"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10918","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/138"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10918"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10922,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10918\/revisions\/10922"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10920"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}