{"id":10776,"date":"2023-06-30T11:25:38","date_gmt":"2023-06-30T09:25:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=10776"},"modified":"2023-07-11T14:29:00","modified_gmt":"2023-07-11T12:29:00","slug":"fluchterfahrungen-sind-leider-nicht-auf-die-vergangenheit-begrenzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2023\/06\/30\/fluchterfahrungen-sind-leider-nicht-auf-die-vergangenheit-begrenzt\/","title":{"rendered":"\u00bbFluchterfahrungen sind leider nicht auf die Vergangenheit begrenzt, Menschen leiden auch heute unter Krieg und Hass und deren Folgen\u00ab"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Was macht eigentlich der Beauftragte f\u00fcr Vertriebene und Sp\u00e4taussiedler im Freistaat Sachsen? Wir haben mit Dr. Jens Baumann \u00fcber seine Aufgaben und die Ausstellung \u00bbWolfskinder in Sachsen. Eine Spurensuche\u00ab gesprochen.<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Sie sind der Beauftragte f\u00fcr Vertriebene und Sp\u00e4taussiedler im Freistaat Sachsen. Was sind Ihre Aufgaben als Beauftragter und mit wem arbeiten Sie dabei zusammen?<\/h2>\n<p>Meine Aufgabe ist es, Ansprechpartner f\u00fcr die Vertriebenen und Sp\u00e4taussiedler zu sein, ihren Interessen Geh\u00f6r zu verschaffen, f\u00fcr sie T\u00fcren zu \u00f6ffnen und auf ihre Lebensleistungen f\u00fcr unsere Gesellschaft aufmerksam zu machen. Dies geschieht \u00fcber Projekte, Publikationen, Ausstellungen, Vortr\u00e4ge und nat\u00fcrlich viele Gespr\u00e4che.<\/p>\n<p>Im Freistaat gab es 1995 noch \u00fcber 350.000 Vertriebene, jetzt sind es etwa noch f\u00fcnf Prozent der Bev\u00f6lkerung. Damit haben auch viele Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen Gro\u00dfeltern oder Urgro\u00dfeltern, die dieses Schicksal erleiden mussten. Hinzu kommen 100.000 bis 150.000 Sp\u00e4taussiedler, die hier leben und Sachsen mitgestalten.<\/p>\n<p>Zugleich arbeite ich mit Vereinen, Museen, Stiftungen, Kommunen usw. zusammen, die sich mit der Geschichte und dem kulturellen Erbe der ehemaligen Vertreibungs- und Aussiedlungsgebiete befassen. Hinzu kommen grenz\u00fcberschreitende Veranstaltungen insbesondere mit Tschechien und Polen, hier vor allem den Regionen Nieder- und Oberschlesien. Die direkte Kontaktpflege zu den deutschen Minderheiten im Ausland geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p>F\u00fcr all diese Gruppen stehen mir j\u00e4hrlich etwa 500.000 Euro f\u00fcr Projektf\u00f6rderungen zur Verf\u00fcgung. Zu meinen Aufgabenfeldern geh\u00f6ren zudem Fragen der Kriegsgr\u00e4ber und auch die F\u00f6rderung der Zweisprachigkeit im sorbischen Siedlungsgebiet. \u00dcberhaupt liegt mir die Vertretung vom Minderheitenbelangen besonders am Herzen; Minderheitenf\u00f6rderung beschr\u00e4nkt sich f\u00fcr mich nicht nur auf kulturelle und sprachliche Aspekte \u2013 gute Minderheitenpolitik ist Regionalpolitik.<\/p>\n<h2>Sp\u00e4testens seit 2015 sind die Themen Flucht und Vertreibung in der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit wieder st\u00e4rker angekommen. Wie spielen die aktuellen Fluchtbewegungen in Ihrer Funktion eine Rolle?<\/h2>\n<p>Fluchterfahrungen sind leider nicht auf die Vergangenheit begrenzt, Menschen leiden auch heute unter Krieg und Hass und deren Folgen. So gilt meine besondere Aufmerksamkeit derzeit den Fl\u00fcchtlingen aus der Ukraine und der weiteren Aufnahme von Sp\u00e4taussiedlern aus Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Zugleich hei\u00dft das, f\u00fcr hier schon l\u00e4nger lebende Sp\u00e4taussiedler einzutreten, weil sie in ihren Herkunftsl\u00e4ndern als Deutsche abgestempelt waren und hier manchen als Russen gelten, die es schwer haben, gerade mit Blick auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, gesellschaftlich voll akzeptiert und integriert zu werden. Zudem versuche ich, Fluchterfahrungen fr\u00fcher und heute f\u00fcr Au\u00dfenstehende in Beziehung zu setzen und daraus M\u00f6glichkeiten gelingender Integration abzuleiten. Es ist mir Anliegen, Aufgeschlossenheit f\u00fcr unsere Kultur mit der Bewahrung eigener kultureller Traditionen zu vereinbaren und dies nach au\u00dfen sichtbar werden zu lassen<\/p>\n<h2>Seit 2021 kann man bei Ihnen die Ausstellung <b>\u00bb<\/b>Wolfskinder in Sachsen. Eine Spurensuche<b>\u00ab <\/b>ausleihen. Viele s\u00e4chsischen Schulen nutzten diese bereits, um f\u00fcr das Leid und die Schutzlosigkeit von Kindern in gegenw\u00e4rtigen Konfliktregionen zu sensibilisieren. Was ist das genau f\u00fcr eine Ausstellung? Wie kommen die Schulen an diese Ausstellung?<\/h2>\n<figure id=\"attachment_10777\" aria-describedby=\"caption-attachment-10777\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-10777\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-900x1200.jpg 900w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-1280x1707.jpg 1280w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Ausstellung-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10777\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Dr. Jens Baumann<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Wolfskinderausstellung erz\u00e4hlt \u00fcber das Ende des 2. Weltkrieges in Ostpreu\u00dfen aus Sicht der elternlosen Kinder, ihr Umherirren zwischen den dann sowjetischen Gebieten und Litauen und ihre sp\u00e4tere Ausreise sowie ihr Heranwachsen in Sachsen. Tausende Kinder kamen hier an, mussten in Heimen leben oder wurden Pflegefamilien zugeordnet. Nicht zuletzt gibt die Ausstellung einen Ausblick auf die Suche nach vermissten Kindern heute. Die Ausstellung kann \u00fcber mich angefordert werden, sie ist kostenlos. Vielfach bot es sich an, eine gemeinsame Er\u00f6ffnung und Diskussion zu organisieren, woraus sich interessante Gespr\u00e4che eben zu Flucht, Vertreibung, Integration, Heimat wie auch Minderheitenfragen entwickelten.<\/p>\n<p>Die Ausstellung kann auf meinem Portal unter <a href=\"http:\/\/www.bvs.sachsen.de\">www.bvs.sachsen.de<\/a> eingesehen werden. Dort sind auch weitere Ausstellungen (wie zur Minderheitenproblematik oder Integration durch Leistung) aufgef\u00fchrt, aber auch Publikationen, Termine u. \u00e4. Zu jeder Ausstellung gibt es einen kleinen Katalog, meist auch mit einem Fragebogen, der die Einbeziehung in den Unterricht f\u00fcr den Lehrer erleichtern soll. Alle Ausstellungen wurden mit Lehrkr\u00e4ften abgestimmt, so dass sie sich f\u00fcr den Unterricht auch wirklich eignen. Au\u00dferdem bin ich f\u00fcr neue Ideen offen, gern unterst\u00fctze ich Projekte von Schulen.<\/p>\n<h2>Bildung ist oftmals der Schl\u00fcssel f\u00fcr Verst\u00e4ndnis und Verst\u00e4ndigung. Wo sehen Sie hier Ankn\u00fcpfungsm\u00f6glichkeiten in Ihrer Arbeit? Welche Angebote empfehlen Sie?<\/h2>\n<p>Bildung hat eine ganz zentrale Rolle. \u00dcbrigens auch f\u00fcr damalige und heutige Fl\u00fcchtlinge, denn nur wer \u00fcber Bildung und Sprachkenntnisse verf\u00fcgt, hat gute Chancen, im Unbekannten rasch Fu\u00df zu fassen. Eine gute Bildung \u00f6ffnet den Blick f\u00fcr die Welt und man sieht, dass das jeweilige Anderssein sich so zu einem Ganzen f\u00fcgt, anderes hei\u00dft nicht fremd. Deshalb versuche ich, vor allem Projekte mit einem Bildungsinhalt zu f\u00f6rdern, komme gern zu Vortr\u00e4gen oder Diskussionen.<\/p>\n<p>In Kreisau in der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien f\u00f6rdere ich regelm\u00e4\u00dfig ein Begabtenseminar mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclernn zur Rolle des Wissenschaftlers in Diktaturen. Kreisau ist ein geeigneter Ort, Fragen von Widerstand aus deutscher und polnischer Sicht zu diskutieren. Im Herbst 2023 wird der n\u00e4chste trinationale Sch\u00fclerwettbewerb (s\u00e4chsische, polnische und tschechische Schulen) zum gro\u00dfen Thema Beheimatung angeboten. Wir haben das immer so organisiert, dass jede teilnehmende Klasse auch einen der Geldpreise gewinnt. Zudem wird \u2013 wie bisher auch \u2013 zum Abschluss jeder teilnehmenden Sch\u00fclerin bzw. Sch\u00fcler ein Kalender mit allen Einreichungen \u00fcbergeben, sozusagen als Erinnerung und Wiederfinden f\u00fcrs Mitmachen.<\/p>\n<p>Ein besonderes Angebot entsteht mit s\u00e4chsischen und polnischen Kuratoren zur Zeit in Knappenrode bei Hoyerswerda mit dem Aufbau des au\u00dferschulischen Bildungs- und Begegnungszentrums Transferraum Heimat. Hier werden die Herkunftsgebiete der Vertriebenen angesprochen, dann die Zeit der Weimarer Republik und die Verbrechen des Nationalsozialismus. Ein Themenbereich besch\u00e4ftigt sich mit Flucht und Vertreibung, die Besucherin und der Besucher kann sich in einem durch die Hauswand eingebauten Eisenbahnwaggon mittels eines VR-Filmes in einem Vertriebenentransport wiederfinden. Wenn er den Waggon verl\u00e4sst, hatte er zwei unbeschriftete T\u00fcren vor sich \u2013 je nachdem, welche er w\u00e4hlt, gelangt er in die westliche oder die \u00f6stliche Besatzungszone. Zwischen beiden entsteht die Mauer, die unsere Staaten trennte und man erf\u00e4hrt die unterschiedliche Aufnahme und Integration von Fl\u00fcchtlingen und Vertriebenen in Ost und West, sozusagen Lastenausgleich und Brauchtumspflege versus Umsiedlerpolitik. Bestimmte Bilder, wie das des Soldaten, der \u00fcber die Grenze flieht oder der Kniefall von Willy Brandt, rufen pr\u00e4gende Zeitereignisse ins Ged\u00e4chtnis. Sp\u00e4ter f\u00e4llt die Mauer durch die Kraft der Menschen und vier Themeninseln machen deutlich, was Fl\u00fcchtlingen fr\u00fcher und heute wichtig ist. Wir haben dazu ausgew\u00e4hlt: Haus (Eigentum und Heimat), ein \u00fcberdimensionales stehendes Buch (Bildung und Sprache), Amphitheater (Annahme und Einbringen von Tradition und Kultur) sowie ein h\u00e4ngendes gekentertes Schlauchboot (Wert von Demokratie und Menschenrechten).<\/p>\n<p>Sonderausstellungsr\u00e4ume sowie ein Klassenraum mit moderner Technik runden das Ensemble ab, so dass der Unterricht auch komplett vor Ort durchgef\u00fchrt werden kann. Die Ausstellung ist zweisprachig und fokussiert weniger auf lange Texte als vielmehr auf die Ebenen Texte \u2013 Ausstellungsst\u00fccke \u2013 Zeitzeugeninterviews. VR- Angebote im Waggon wie auch zur Aufnahme in den Durchgangslagern sowie Filme stehen zur Verf\u00fcgung. Nicht zuletzt sollen die Besucherinnen und Besucher insbesondere an den Themeninseln selbst aktiv werden, ihre Gedanken, was Heimat ist, was unsere Demokratie ausmacht usw. darstellen k\u00f6nnen. Unmittelbar neben dem Transferraum Heimat befindet sich noch die Energiefabrik Knappenrode, ebenso interessant f\u00fcr die schulische Bildung. Insgesamt gesehen bietet sich der Standort an f\u00fcr f\u00e4cher\u00fcbergreifenden Projektunterricht zum Beispiel der F\u00e4cher Geschichte, GRW, Geografie, Deutsch, Kunst.<\/p>\n<p>Und bei entsprechender Verf\u00fcgbarkeit und Anmeldung wird es auch m\u00f6glich sein, auf dem nahegelegenen Geierswalder See mit dem letzten Beiboot der Wilhelm Gustloff zu fahren. Ich gehe davon aus, dass Mitte\/Ende 2024 das Begegnungszentrum mit seinen \u00fcbrigens reichhaltigen Sammlungen komplett ausgebaut und damit besuchbar ist. Fahrten dorthin werden von mir gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Text: Ralf Seifert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht eigentlich der Beauftragte f\u00fcr Vertriebene und Sp\u00e4taussiedler im Freistaat Sachsen? 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