{"id":10542,"date":"2023-04-03T08:00:01","date_gmt":"2023-04-03T06:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/?p=10542"},"modified":"2023-04-19T11:28:53","modified_gmt":"2023-04-19T09:28:53","slug":"chatgpt-kommt-wie-ein-erdbeben-ueber-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/index.php\/2023\/04\/03\/chatgpt-kommt-wie-ein-erdbeben-ueber-uns\/","title":{"rendered":"\u00bbChatGPT kommt wie ein Erdbeben \u00fcber uns\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Welche M\u00f6glichkeiten und Grenzen bestehen f\u00fcr die Bildung durch den Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI)? KI-Forscherin Doris We\u00dfels, Wirtschaftsinformatikerin an der Fachhochschule Kiel pl\u00e4diert im Interview mit dem SMK-Blog f\u00fcr einen mutigen Umgang mit Chatbots wie ChatGPT.<!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_10545\" aria-describedby=\"caption-attachment-10545\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-10545\" src=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter-1600x1066.jpg 1600w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter-1800x1200.jpg 1800w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter-1280x853.jpg 1280w, https:\/\/www.bildung.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/doris_wessels_andreas-diekoetter.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10545\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Doris We\u00dfels\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Foto: A. Diek\u00f6tter<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Text-Roboter versetzt die Bildungswelt seit Monaten in Aufregung. Benutzer k\u00f6nnen dem Programm Fragen stellen oder Aufgaben erteilen, auf welche das System antwortet. Die Rede ist von ChatGPT \u2013 ein sogenannter Chatbot, der im November 2022 ver\u00f6ffentlicht wurde. Dahinter verbirgt sich ein textbasiertes Dialogsystem, das auf K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) beruht. ChatGPT kann Aufs\u00e4tze oder Computerprogramme schreiben, fasst Texte zusammen und analysiert Gedichte. F\u00fcr viele ist ChatGPT zu einem Reizwort geworden, das Bedrohung und Verhei\u00dfung zugleich verspricht. Welche Folgen hat der Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz f\u00fcr die Bildungslandschaft und die Lernprozesse von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern? Dazu lud Sachsens Kultusministerium die Kieler Wirtschaftsinformatikerin Prof. Dr. Doris We\u00dfels vergangene Woche zu einem Forum ein. Die Wissenschaftlerin gilt in Deutschland als eine f\u00fchrende Expertin f\u00fcr KI in der Bildung. F\u00fcr den SMK-Blog sprachen wir mit ihr \u00fcber Risiken und Chancen von ChatGPT.<\/p>\n<h3>Seitdem ChatGPT auf die \u00f6ffentliche B\u00fchne trat, scheint die Bildungswelt eine andere zu sein. Steht das Bildungssystem vor einer Revolution durch k\u00fcnstliche Intelligenz?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Ich habe schon im Dezember vergangenen Jahres gewarnt und darauf hingewiesen, dass man sich bitte dieses Themas annehmen m\u00f6ge. Man hat die Lehrenden und Lernenden an Hochschulen und Schulen lange allein gelassen. Insbesondere die Juristen waren eigentlich schon seit Jahren gefordert, sich zu k\u00fcmmern, denn diese Entwicklung ber\u00fchrt unmittelbar auch das Urheberrecht, letztlich auch das Haftungs- und Strafrecht. Es war allerdings nicht vorhersehbar, dass etwas wie ChatGPT um die Ecke kommt und einen Hype ungekannten Ausma\u00dfes ausl\u00f6st. Wenn man sich die aktuellen Entwicklungen anschaut, dann sieht man, wie viele dieser Chatbots weltweit entweder schon da sind oder gerade noch in der Schublade der Tech-Unternehmen liegen. Das hei\u00dft, die Unterst\u00fctzung und die Art der Kommunikation wird sich deutlich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>ChatGPT wird \u2013 und das ist das Verr\u00fcckte \u2013 von den Menschen, die es aufrufen, quasi selbstverst\u00e4ndlich, wie eine Suchmaschine benutzt. Das liegt daran, dass ChatGPT sprachlich so hervorragend formuliert. Wenn man den gleichen Text noch mal eingibt, dann kommt etwas ganz anderes raus. Das ist bei Schulklassen gro\u00dfartig \u2013 die gleiche Hausarbeit, den Text einmal eingeben, zwanzigmal die Enter-Taste und man hat zwanzig Varianten. So ist die ganze Klasse versorgt. Ich glaube, dass wir in Zukunft individualisierte Lernbots einsetzen werden, sodass man ganz individuell seinen Lernweg oder -pfad bestimmen kann. Dieses Potenzial ist nat\u00fcrlich gro\u00dfartig. Aber wenn wir das nutzen wollen, brauchen wir rechtliche Rahmenbedingungen und DSGVO-konforme Zug\u00e4nge zu KI-Werkzeugen und den dahinterliegenden KI-Modellen.<\/p>\n<h3>Wie arbeitet ChatGPT genau?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Das Programm hat eine dialogorientierte Form, um mit einem der gro\u00dfen Sprachmodelle der Welt, auch Large Language Models genannt, in den Dialog zu treten. Bei ChatGPT handelt es sich um die Dialog- und Chatvariante von OpenAI aus San Francisco. Dahinter steht ein generatives Sprachmodell, das vortrainiert wurde und auf einer sogenannten Transformer-Architektur von Google basiert.<\/p>\n<p>Ich veranschauliche dies anhand eines Beispiels. Wenn ich jetzt sage: \u00bbDer Himmel ist\u2026\u00ab und mein Gegen\u00fcber w\u00e4re ein Sprachmodell, dann w\u00e4re sein Job, meinen Satz fortzuf\u00fchren. Da es keine einzige Antwort geben kann, sondern unendlich viele Varianten, ist das System auf Basis von Trainingsdaten und Millionen von gelesenen Dokumenten dazu gezwungen, eine statistisch plausible Antwort zu generieren. Mit Hilfe gro\u00dfer Statistiken kann es herausfinden, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Wort an dieser Stelle passt. Dann greift es in die vorbereitete Lostrommel der potenziellen W\u00f6rter, die den Satz an genau dieser Stelle vervollst\u00e4ndigen k\u00f6nnten, zieht ein Wort heraus und erg\u00e4nzt dieses dort. Dann schaut es wieder in seine Trainingsdaten und -statistiken und fragt: \u00bbDer Himmel ist grau \u2013 welches Wort folgt jetzt?\u00ab. Wieder ist das nicht eindeutig. Es erg\u00e4nzt den Satz weiter \u2013 das ist ein autoregressiver Vorgang.<\/p>\n<p>Das System bezieht sich auf sein vorhergehendes Ergebnis. So geht das Schritt f\u00fcr Schritt. Das ist immer wie ein digitales Kunstwerk, etwas Einzigartiges. Aber es ist in dieser Form nicht das Ergebnis einer faktengecheckten Suche.<\/p>\n<h3>Sie haben ChatGPT in einem fr\u00fcheren Interview als \u00bbWerkzeug und Waffe gleichzeitig\u00ab bezeichnet. Was genau meinen Sie damit?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels: <\/strong>Ich kann mit ChatGPT zum Beispiel einen Presse- oder Blogbeitrag in 30 Sekunden oder weniger schreiben. Ich k\u00f6nnte aber auch Fake-News in der gleichen Geschwindigkeit produzieren, indem ich irgendetwas behaupte und ein paar Stichworte dazu eingebe. ChatGPT kann somit gleicherma\u00dfen positiv wie negativ verwendet werden.<\/p>\n<p>Im digitalen Raum kann der Missbrauch \u00fcber die Reichweite zudem enorm vergr\u00f6\u00dfert werden. Ich kann Fake-News extrem schnell verbreiten und Bots einsetzen, die Feedback geben. Man kann damit t\u00e4uschende, betr\u00fcgerische und manipulierende Medien betreiben. Neben Text geht es zunehmend mehr auch um Fakes in Form von Bildern und Videos. Wir k\u00f6nnen kaum noch zwischen Fiktion und Realit\u00e4t unterscheiden, weil die generativen KI-Tools f\u00fcr die Produktion von Bildern und Videos in sehr kurzer Zeit drastisch besser geworden sind.<\/p>\n<h3>Texte, die das Programm generiert, sind oft aber recht oberfl\u00e4chlich.<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels: <\/strong>Man kann ChatGPT nat\u00fcrlich bitten, wenn es zu oberfl\u00e4chlich formuliert hat, die Textpassage an der Stelle pr\u00e4ziser oder mit einer konkreten Schwerpunktsetzung neu zu formulieren. Auf diese Weise l\u00e4sst sich zu einem gewissen Grad etwas mehr Tiefe generieren, aber das \u00bbGeplauder\u00ab wird immer durch die Qualit\u00e4t der Trainingsdaten begrenzt sein. Dieses System hat keinerlei Bewusstsein oder Verst\u00e4ndnis von dem Thema, \u00fcber das es spricht. Das Programm ist h\u00f6flich, formal korrekt, weist in der Regel keine Grammatik-, Zeichen-, oder Orthografiefehler auf. Wir als Menschen haben es zuvor nie erlebt, dass es eine Software gibt, die sich bei uns entschuldigt und zugleich unberechenbar ist.<\/p>\n<h3>Viele Lehrkr\u00e4ften sind verunsichert, Informatiklehrer reagieren hingegen eher gelassen. Einige setzen ChatGPT mittlerweile auch zur Unterrichtsvorbereitung ein. Kann KI den Lehrerinnen und Lehrern auch Arbeit abnehmen?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Ja, absolut. Das ist eine St\u00e4rke und auch ein Risiko dieser Technologie. Jeder kann sie einsetzen, weil textgenerierende Systeme oder generative KI-Modelle vielf\u00e4ltig einsetzbar sind und jeder in irgendeiner Form Text benutzt.<\/p>\n<p>Nehmen wir mal das Beispiel Schule: Eine Lehrerin konzipiert eine Lehreinheit und benutzt ChatGPT, um im ersten Schritt eine Idee f\u00fcr ein Thema zu finden. Die Lehrerin hat viele Ideen generieren lassen, w\u00e4hlt eine aus, benutzt im zweiten Schritt wieder ChatGPT und l\u00e4sst sich einen Lehrentwurf f\u00fcr eine Stunde machen. Diesen schaut sie sich an, pr\u00fcft oder generiert daf\u00fcr noch einen Test mit Musterantworten. Dann geht sie in die Klasse, diskutiert das mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern und gibt Hausarbeiten zu einem Thema auf.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler benutzen zu Hause und auch im Unterricht wiederum ChatGPT. Die Lehrerin nimmt die Hausarbeiten mit den Antworten der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler und l\u00e4sst sie von ChatGPT pr\u00fcfen. Somit wurden in der Gesamtprozesskette alle Arbeitsschritte mit ChatGPT gemacht und alle haben das Problem erfolgreich outgesourced.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu absurden Prozessketten, die nicht mehr als sinnstiftend bezeichnet werden k\u00f6nnen. Letztendlich wird man ganz andere Aufgabenstellungen brauchen.<\/p>\n<h3>Sollten sich Lehrerinnen und Lehrer von der Hausaufgabenkultur g\u00e4nzlich verabschieden?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Es gibt sicherlich ganz, ganz viele Hausaufgaben, die zuk\u00fcnftig nicht mehr sinnvoll sind.\u00a0 Ich glaube, es wird schwierig, f\u00fcr all diese klassischen Hausaufgaben, die man heute vergibt, ad\u00e4quate, passende, neue Hausaufgabenstellungen zu formulieren.<\/p>\n<h3>M\u00fcssen sich Lehrkr\u00e4fte k\u00fcnftig Tools anlegen, um Hausaufgaben oder Sch\u00fclerarbeiten darauf zu pr\u00fcfen, ob sie mit Hilfe von KI gel\u00f6st wurden?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Das ber\u00fchrt ja die Sorge: Wir werden betrogen. Man unterstellt der anderen Seite eine Leistung erbracht zu haben, die sie in Wirklichkeit gar nicht allein, sondern durch KI-Einsatz erbracht hat und es verbergen m\u00f6chte. Aus meiner Sicht sollten wir auf diese ganze Detektoren-Geschichte \u00fcberhaupt nicht eingehen. Selbst der Chef von OpenAI, Sam Altman, betont in seinen Interviews, dass wir uns nicht auf die Wirkung der Detektoren verlassen sollen. Der eigene KI-Detektor von OpenAI erkennt nur 26 Prozent der KI-generierten Texte. Bei Texten, die Menschen produzieren, schl\u00e4gt der Detektor noch bei neun Prozent an. Das bedeutet, diese Detektoren sind derzeit nicht einsatzf\u00e4hig. Aber nehmen wir mal an, es w\u00fcrde tats\u00e4chlich funktionieren. Dann w\u00e4re ich doch, wenn ich wirklich t\u00e4uschen will, so klug, den Text noch einmal zu \u00fcberarbeiten. Das hei\u00dft, ich nutze eine andere KI, die ein sogenanntes Re-Writing durchf\u00fchrt. Demnach sind diese Detektoren f\u00fcr uns \u00fcberhaupt keine L\u00f6sung \u2013 auch unter dem Aspekt des Hase-Igel-Rennens von Text-generierender KI und KI-Detektoren, dem wir ausgesetzt w\u00e4ren.<\/p>\n<h3>Ist ChatGPT f\u00fcr die Sch\u00fcler dann weniger ein Werkzeug zum Lernen, sondern eher zum Betr\u00fcgen?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Betrug kann erst dann entstehen, wenn es ein Verbot gibt. Wenn ich es gar nicht verbiete, kommt es nicht zum T\u00e4uschen oder Betr\u00fcgen. Deshalb mein Pl\u00e4doyer, es ganz bewusst offensiv zu nutzen, sogar zur Nutzung anzuregen. Sicherlich nicht komplett, aber in bestimmten Bereichen und dort m\u00fcssen wir gleichzeitig gezielt Anreize f\u00fcr Transparenz schaffen. Dass solche KI-Tools immer mehr Verbreitung finden werden, sollten wir akzeptieren. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr die Lehrerinnen und Lehrer wird eher die Frage sein \u00bbWie motiviere ich eigentlich noch die Kids f\u00fcr die basalen Kompetenzen, d.h. wirklich selber rechnen oder schreiben zu lernen\u00ab, wenn sie wissen, sie k\u00f6nnen eigentlich alles mit einem Klick machen \u2013 wie die Erwachsenen.<\/p>\n<h3>Kann der Einsatz von k\u00fcnstlicher Intelligenz die Chancengerechtigkeit an Schule verbessern, weil sie das individuelle Lernen unterst\u00fctzt?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Ja, weil Kinder von Akademikern in der Zeit vor Programmen wie ChatGPT nat\u00fcrlich deutlich bessere Unterst\u00fctzung bekommen hatten. Das war anderen Kindern nicht verg\u00f6nnt oder gegeben. Jetzt haben wir durch solche L\u00f6sungen eigentlich \u2013 wenn die Zug\u00e4nglichkeit f\u00fcr alle Beteiligten gegeben ist \u2013 eine F\u00f6rderung der Chancengerechtigkeit. Allerdings deuten die ersten Ergebnisse der Nutzung von ChatGPT in den Schulen leider daraufhin, dass wir einen leichten <em>intellectual divide<\/em> haben. Das bedeutet, dass die guten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sehr kompetent mit den Tools umgehen und ganz stark davon profitieren, w\u00e4hrend die schw\u00e4cheren Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler solchen Tools quasi blind vertrauen und sich selber zu stark zur\u00fccknehmen.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte eine intellektuelle Spaltung zur Folge \u2013 die Guten profitieren und die Schw\u00e4cheren fallen ab. Ich finde das tragisch, aber es wird mir so leider aus dem Umfeld von Lehrerinnen und Lehrern zur\u00fcckgespiegelt.<\/p>\n<h3>Also lautet Ihre Antwort \u00bbja und nein\u00ab?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Genau. Der Umgang mit dem Programm h\u00e4ngt mit dem eigenen Selbstbewusstsein und der eigenen Positionierung zusammen. Wenn ich eine gute Sch\u00fclerin bin, gehe ich reflektierter vor und habe eher das Vertrauen zu sagen, mein Satz ist besser formuliert und passt besser als das, was die Software generiert hat. Ich vermute, dass schw\u00e4chere Sch\u00fcler sagen: \u00bbWenn die allwissend wirkende Software etwas produziert hat, ist das sicherlich immer besser als das, was ich schreibe\u00ab. Da ist vielleicht die Selbstwahrnehmung schon zu selbstkritisch, sodass diese Sch\u00fcler tendenziell automatisiert generiertem Content den Vorrang geben.<\/p>\n<h3>Sie waren unl\u00e4ngst zu Gast in der Kultusministerkonferenz. Welchen Rat geben Sie den P\u00e4dagogen und Kultusbeh\u00f6rden der L\u00e4nder?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Ich betone immer vier A\u2019s: Das erste A ist, in der Fl\u00e4che Aufkl\u00e4rungsarbeit zu leisten \u2013 bei Lehrern und Lehrerinnen, Lehrenden an Hochschulen und letztlich auch bei den Lernenden. Man muss sehr schnell dar\u00fcber informieren, was Tools wie ChatGPT bieten, die Limitationen klarmachen und dieses tragische Missverst\u00e4ndnis, dass man denkt, das w\u00e4re eine Suchmaschine, widerlegen. Das ist eine Z\u00e4sur, die wir gerade erleben und diese Aufkl\u00e4rungsarbeit muss schnell erfolgen.<\/p>\n<p>Das zweite A ist das Ausprobieren. Wir m\u00fcssen die Menschen motivieren, sich selbst dem pers\u00f6nlichen \u00bbSchock\u00ab einer v\u00f6llig neuen Erfahrung im Dialog mit einer generativen KI auszusetzen. Diese gezielte und h\u00e4ufig sehr tiefgreifende Irritation, die sie dar\u00fcber erfahren \u2013 das sch\u00e4rft das Bewusstsein f\u00fcr die Gefahren und M\u00f6glichkeiten von k\u00fcnstlicher Intelligenz.<\/p>\n<p>Das dritte A ist das Akzeptieren und das vierte ist das Aktivwerden, indem man sich austauscht und Ideen entwickelt. Wir m\u00fcssen uns in Deutschland bewusstmachen, dass wir mehr Tempo in der Bildung brauchen und Lehrende auch kontinuierlich Lernende sein m\u00fcssen, gerade bei digitalen Tools. Unser Ziel muss die Anschlussf\u00e4higkeit bei digitalen Technologien sein. Wir d\u00fcrfen bei der Digitalisierung im Bildungsbereich im internationalen Vergleich nicht noch weiter zur\u00fcckfallen.<\/p>\n<h3>Also nicht zaudern, sondern experimentieren und auch Fehler zulassen?<\/h3>\n<p><strong>Doris We\u00dfels:<\/strong> Genau. Wir brauchen einfach viel mehr Mut. Wir neigen dazu, mit \u00bbGerman Angst\u00ab und deutscher Gr\u00fcndlichkeit gepaart mit hohem Qualit\u00e4tsbewusstsein unterwegs zu sein. Im Bildungsbereich setzen wir z.B. klassisch auf zeitintensive Prozesse wie Akkreditierungen. Uns l\u00e4uft nun aber die Zeit davon. Es muss Anregungen und auch gezielte Anreize f\u00fcr Lehrerinnen und Lehrer und Hochschullehrende geben, explorativ vorzugehen und Neues einfach auszuprobieren. Nur dadurch sind wir schnell genug, neue Gestaltungsans\u00e4tze f\u00fcr den Umbau des Systems zu generieren.<\/p>\n<p>Mein Pl\u00e4doyer ist: Mutig sein und Anreize setzen. Dieser ChatGPT-Hype stellt uns vor eine neuartige Herausforderung, die wir in dieser Form noch nie erlebt haben. Diese Ver\u00e4nderung kommt wie ein Erdbeben \u00fcber uns. Ein Teil des Geb\u00e4udes ist auch schon zusammengebrochen und wir wissen nicht so recht: Neu bauen, abrei\u00dfen, umbauen? Sehr positiv zu bewerten ist aber, dass wir derzeit auf nahezu allen Ebenen eine intensive Diskussion f\u00fchren. Dieser Diskurs wirkt auf mich wie ein organisations- und hierarchie\u00fcbergreifendes Brainstorming auf der Suche nach neuen Formen von Lehre und Lernen im KI-Zeitalter. Wir wissen, dass unser Bildungssystem an einigen Stellen nicht mehr zukunftsf\u00e4hig ist, aber dieser Ver\u00e4nderungsdruck l\u00e4sst gl\u00fccklicherweise auch viele neue Ideen entstehen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrten Laur\u00e9n Haziak und Dirk Reelfs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/medienbildung.sachsen.de\/digitale-werkzeuge-in-der-unterrichtsfreien-zeit-und-bei-schulschliessungen-5234.html?_cp=%7B%22accordion-content-5241%22%3A%7B%225%22%3Atrue%7D%2C%22previousOpen%22%3A%7B%22group%22%3A%22accordion-content-5241%22%2C%22idx%22%3A5%7D%7D\"><strong>Einen Leitfaden zum Umgang mit ChatGPT in der Schule gibt es hier.<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.schulportal.sachsen.de\/fortbildungen\/suche_kategorisierung.php?fobi_stichwort=K%C3%BCnstliche%20Intelligenz\"><strong>Lehrkr\u00e4fte, die sich zum Umgang mit K\u00fcnstlicher Intelligenz fortbilden m\u00f6chten, finden entsprechende Angebote hier.<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche M\u00f6glichkeiten und Grenzen bestehen f\u00fcr die Bildung durch den Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI)? 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