Verändern uns soziale Medien?

Verändern uns soziale Medien?

Informationen bekommen wir heute online schneller und umfangreicher als je zuvor. Eine immer stärkere Rolle spielen dabei die sozialen Medien und Netzwerke. Neuigkeiten verbreiten sich hier rasend schnell. Die Medien selbst mischen kräftig mit in den sozialen Netzwerken und nutzen diese gleichzeitig als Quellen für ihre Berichterstattung. Doch haben wir alle die Kompetenz, um selbst zu filtern? Können wir Wahrheit und Objektivität überhaupt noch unterscheiden? Wie sollten wir mit Aggressivität im Netz umgehen? Welches Rüstzeug müssen wir und muss die Schule unseren Kindern für diese vernetzte Welt mitgeben?

Zu diesen Fragen hat Nicole Kirchner, Redakteurin unserer Zeitschrift „Klasse“, mit dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Kliche gesprochen. Hier ein Auszug aus dem lesenswerten Interview.

Wie hat sich die Debattenkultur durch die sozialen Medien verändert?

Es gibt neue Formen öffentlicher Meinungsäußerung und die sind weniger steif. Die alten Formen herrschen noch im Fernsehen vor. Typisch sind die Rituale der Talkshows. Berufspolitiker hacken aufeinander herum und hauen sich halbrichtige Argumente und allerlei Bosheiten um die Ohren. Für die neuen Formen ist dagegen ein Shitstorm typisch: Plötzlich sagen viele Menschen kurz, aber aufgewühlt ihre Meinung und verschwinden wieder. Die neuen Formen sind also regellos. Die ohnehin brüchigen Hemmschwellen der Höflichkeit im persönlichen Umgang fallen weg. Sie sind damit auch unberechenbar – wann was wie stark losbricht, von wem losgetreten, ist nicht kontrollierbar. Die neuen Formen lohnen sich also emotional: Mitmachen kostet wenig Zeit, Sachkenntnis oder Mühe, man kann aber intensiv Gefühle äußern. Zu denen gehört leider auch der Genuss strafloser Aggression.

Zeigen die Menschen im Netz ihr wahres Gesicht?

Menschen haben immer mehrere Gesichter. Wir richten unser Verhalten nach Situationen aus – nach Rollen, nach der Meinung anderer, nach der Aussicht auf Erfolg. Was wegfällt im Netz, ist die soziale Kontrolle solcher Regeln. Selbst eine einfache E-Mail kann rasch mal schnurzig geraten. Aber viele Menschen machen das nicht mit, viele melden Hetztexte den Betreibern. Und so zeigt vor allem Facebook sein wahres Gesicht – wo Hetze egal ist, so lange die Kasse stimmt. Wir erleben umgekehrt auch ein Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit. Also kein Grund für zynische Verallgemeinerungen, der Mensch sei halt so.

Liest man einige Formulierungen z.B. zur Asylthematik in den sozialen Netzwerken, hat man den Eindruck, dass demokratische Grundwerte keine Rolle mehr spielen. Droht unsere Gesellschaft daran zu zerbrechen?

Sicher nicht, Gesellschaft geht weit über Gekeife hinaus. Sie besteht aus der Kenntnis und klugen Nutzung von Regeln, von sozialen Ordnungen, von Zusammenarbeit. Natürlich investieren Rechtsextreme viel Zeit in Hasspropaganda, sicher auch künftig. Sie hoffen auf den Fliegenstreifen-Effekt: Die Doofen bleiben kleben. Aber was wir daran erfahren, ist die demokratische Kultur als geduldige Gärtnerei. An jeder geschichtlichen Weiche müssen wir uns unserer Werte und der Beteiligung der Menschen versichern, und das muss jede Generation für sich aufs Neue leisten. Demokratie gibt es nicht als Konserve, die muss immer wieder frisch auf den Tisch. Geduld und Standvermögen sind also auch politische Tugenden.

Welche Rolle spielen die klassischen Medien in gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen überhaupt noch?

Paradoxerweise werden sie eher wichtiger. Je mehr Hassprediger und Spinner ihr wirres Zeug im Internet verbreiten, desto wichtiger werden ein paar seriöse Leitmedien, die Themen und akzeptable Repertoires von Geschichten dazu entwickeln.

Sind soziale Medien die fünfte Gewalt?

Nein, sie haben für sich keine Linie, kein Integrations- oder gar Handlungsvermögen. Sie spiegeln nur vorhandene Denkmuster und Motive. Sie sind nur ein kleiner Teil von Öffentlichkeit, sie bündeln sie nicht zu einer eigenen Kraft. Mitunter sieht es zwar so aus, weil sie Handlungsbereitschaft rasch transparent machen. Das ist wohl ihr wichtigster politischer Effekt: Menschen handeln kollektiv, wenn sie Erfolgsaussichten sehen, und wo das plötzlich geschieht, brechen alte Regime unerwartet zusammen. Elektronik ermöglicht den raschen Austausch über politische Motive und gibt ein rasches Bild, wie viele andere Menschen auch gern handeln würden – Beispiel »Arabischer Frühling«. Die neuen Technologien können also unkonventionelle Partizipation beschleunigen. Aber Revolution hat früher auch ohne Handy geklappt.

Im Netz sind immer mehr Falschinformationen unterwegs. Wie kann man sich vor ihnen schützen? Wie können das Schüler lernen?

Seit Menschen Sprache benutzen, scheint es ein Wettrüsten von Lügen und Entlarvungstechniken zu geben. Uns schützen letztlich die Querschnittsqualifikationen Verstand, Vernunft und Neugier. Meine Kinder brauchen deshalb drei Dinge: erstens ein Weltverständnis, also ein Grundwissen, mit dem sie Tatsachen einordnen und beurteilen können. Früher hieß das: Allgemeinbildung. Das ist wichtiger als neumodischer technischer Schnickschnack, der in vier Jahren veraltet. Dazu gehört auch viel eigene Anschauung – Reisen, Praktika, Begegnungen, Erfahrungsaustausch, Gespräche über Lebenserfahrungen. Zweitens brauchen sie solide Skepsis. Das kann man etwa durch die Erfahrung von Widersprüchlichkeit und Manipulation erwerben. Eine Sammlung von Verschwörungstheorien über »9/11« verwirrt, erheitert aber auch. Man kann selbst eine erfinden und ausprobieren, wer sie schluckt. Drittens brauchen meine Kinder das Vermögen, ihr Weltwissen selbst weiterzuentwickeln. Aus Sicht der Psychologie ist das eine Meta- Perspektive auf das eigene Wissen: Menschen sollen abwägend entscheiden, für welche Ziele sie Kompetenzen und Wissen brauchen, welchen Preis sie dabei für unkluge Entscheidungen zahlen, wie sie ihre Fähigkeiten erweitern wollen und sich selbst dabei steuern können. Schule kann dazu ganz entscheidend beitragen, wie Beispiele guter Praxis zeigen. Schule beugt sich aber noch zu oft unter das Korsett des Lehrplans, und dann produziert sie dressierte Leistungsdackel. Die Hochschulen steuern zunehmend von Wissens- auf Kompetenzvermittlung um, diese Umorientierung wird auch die Schulen erfassen.

 

Prof. Dr. Thomas Kliche

Blog Foto Kliche

ist Diplom-Politologe, Diplom-Psychologe und Professor für Bildungsmanagement in der Elementarpädagogik an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Thomas Kliche war Herausgeber der Zeitschrift für Politische Psychologie und Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psycholog/-innen. Er forscht über mediale und politische Diskurse, Rechtsextremismus, berufliche Sozialisation, Korruption, über Organisationskultur und Innovationen im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie über die Wirksamkeit und Qualität von Prävention.

Manja Kelch, Redakteurin für Social Media in der Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

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